Modellfabriken der Industrie 4.0

Das große Probeliegen
Unternehmen können testen, wo sich Investitionen in Industrie 4.0 rentieren. Sogenannte Testbeds oder auch Testzentren machen es möglich. Wer sie anbietet, wer profitiert, und warum die Modellfabriken als Instrumente im globalen Wettbewerb eine große Rolle spielen.
TEXT: EVA ROSSNER

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Die Potentiale der vernetzten Produktion sind enorm: zum einen für Anbieter der entsprechenden Lösungen, zum anderen für Abnehmer, die mit dem Einsatz jener Lösungen effizienter produzieren und sich so einen erheblichen Vorsprung im internationalen Wettbewerb erarbeiten können. Zeitgleich sticht jedoch die verhaltene Reaktion der Unternehmen ins Auge, wenn es um die Umsetzung der digitalisierten Fertigung geht. Nicht nur hierzulande, sondern auch an anderen Produktionsstandorten Europas oder Asiens tun sich Firmen schwer, enorme Summen für Digitalisierungsprojekte zu veranschlagen, ohne zu wissen, ob die Umsetzung überhaupt die entsprechenden Resultate bringt. Also warten sie ab, was wiederum den digitalen Fortschritt ihrer Produktion bremst – und das Wachstum derjenigen Unternehmen, die ihre Lösungen am liebsten sofort in den Fabrikhallen der Welt untergebracht wissen wollen.


WARUM ES DIGITALE PRÜFSTÄNDE BRAUCHT

An dieser Stelle kommt das Instrument der Modellfabrik zum Tragen, um die Unternehmen zu mehr Investitionen zu bewegen. Auf den unterschiedlichen Experimentierplattformen können spezielle Anwendungsfälle und Szenarien erprobt werden. Die beteiligten Unternehmen prüfen, ob das Engagement zu den erwarteten Resultaten führt, können Technologien testen und das Zusammenspiel unterschiedlicher Anwendungen austarieren. „In der Testbed- Logik finden sich Verbände, Firmen und Forschungsinstitute zusammen, um unter einem thematischen Schirm entwickelte Learnings einer breiten Masse zugänglich zu machen“, erklärt Stefan Schrauf die Gemeinsamkeiten der Modellfabriken. Er ist Partner bei Strategy& und leitet die Industrie- 4.0 Platform bei der Strategieberatungseinheit des Wirtschaftsprüfers PWC.

GLOBALE INITIATIVEN

Testbeds des IIC werden auf Basis einer formulierten Problemstellung der beteiligten Partner ins Leben gerufen. Mitglieder sind derzeit rund 160 Unternehmen, darunter Siemens, Bosch, SAP und die Software AG. Die von den Mitgliedern initiierten Testbeds haben Projektcharakter mit dem Ziel, konkrete Problem zu lösen und sich dann wieder aufzulösen. Das ICC unterscheidet dabei zwischen kurz-, mittel- und langfristigen Projekten. Langfristige Projekte (mit einer Dauer von 24–60 Monaten) fokussieren meist die Erschließung neuer Märkte und werden von Forschungsinstituten in Kooperation mit der Industrie gefördert. Mittelfristige Testbed-Projekte (mit einer Dauer von 12–24 Monaten) legen den Fokus auf die Neueinführung eines Produkts, daher werden sie häufig von Industrieunternehmen gefördert. Kurzfristige Testbed-Projekte sind sogenannte Plug-Fests, also Nebenprodukte, die bei einem der anderen beiden Testbed- Projekte aufgetreten sind und weiterverfolgt werden können.


WAS SIE KÖNNEN, WER PROFITIERT

Solche Modellfabriken werden von unterschiedlichen Anbietern forciert, Haupttreiber sind derzeit das US-amerikanisch geprägte Industrial Internet Consortium (IIC) sowie Initiativen rund um die nationale Plattform Industrie 4.0 der Bundesregierung. Initiiert wurde das Instrument der Experimentierplattform 2013 vom IIC, zur Hannover Messe 2015 legte die Bundesregierung ihre Version der Test-Initiative vor. Softwareanbieter wie SAP bringen ihre Industrie-4.0-affinen Lösungen über die Experimentierplattformen ein, um frühzeitig Standards zu definieren, die mit ihren Strategien und Portfolios einhergehen. Unternehmen wie Bosch stellen die Komponenten für die Testbeds bereit, treten also gewissermaßen als Sponsor auf, um später zum Anbieter zu werden. Politische Akteure wollen Innovationen fördern und beteiligen sich in Form von Förderprogrammen, um beispielsweise deutsche Standards zu positionieren.

In Deutschland teilen sich die Anbieter solcher Modellfabriken grob in zwei Lager: bundespolitische und privatwirtschaftlich getriebene Initiativen.

BUNDESPOLITISCHE INITIATIVEN

BMBF: Förderprogramme (Initiative Zukunftsprojekt Industrie 4.0), eingegliedert in deutsche Forschungs einrichtungen; richten sich an KMU und Mittelstand; fokussieren Anbieter von Komponenten und Maschinen.

BMWi: Förderprogramme; Anbieter für Testzentren/Kompetenzzentren; richten sich an KMU und Mittelstand; fokussiert die Anwender von Maschinen und Anlagen.

Plattform Industrie 4.0: initiiert von der Bundesregierung; eine Art Dachverband für das Thema Industrie 4.0, bestehend aus Unternehmen, Verbänden, Gewerkschaften, Wissenschaft und Politik; Überschneidungen der Initiative mit den Programmen von BMBF und BMWi sind groß.

PRIVATWIRTSCHAFTLICH GETRIEBENE INITIATIVE

Labs Network Industrie 4.0: Testzentren werden durch die beteiligten Unternehmen direkt beschlossen; Mitglieder: SAP, Deutsche Telekom, Hewlett, Siemens, G&D, Festo und Robert Bosch; Verbände: Bitkom, VDMA und ZVEI; stellt selbst keine Förderung bereit; arbeitet eng mit Bundesinitiativen zusammen.


IM TESTBED GEHT ES NICHT GEMÜTLICH ZU

Weder das ICC noch die deutsche Plattform Industrie 40 forcieren rein nationale Lösungen. Seit April 2016 treiben sie sogar sukzessive die Kooperation voran. Vor allem an einem Schulterschluss mit der asiatischen Welt ist allen gelegen. „Ich würde jedoch noch nicht so weit gehen, dass IIC und Plattform Industrie 4.0 schon wirklich eng zusammenarbeiten – wir stehen hier noch am Anfang“, sagt PWC-Berater Schrauf. Derzeit näherten sie sich erst einmal an. Woher die Distanz rührt: Die Anbieter der Modellfabriken unterscheiden sich in mindestens zweierlei Hinsicht: zum einen in der konkreten Umsetzung, denn in Deutschland geht es um Modellfabriken zur Industrie 4.0, das ICC deckt vor allem Lösungen für das Industrial Internet of Things ab. Zum anderen ist es die Herangehensweise, die bei den Testbed-Anbietern nicht ganz gleich ist. Richard Soley, Executive Director des IIC, formulierte diesen Unterschied einmal so: „Die Plattform Industrie 4.0 plant, grob gesagt, die Zukunft und hilft Organisationen, diese Zukunft zu verstehen. Wir hingegen sind auf die Umsetzung fokussiert.“

Wolfgang Dorst würde das sicherlich nicht auf sich sitzen lassen. Er ist Bereichsleiter Industrial Internet beim Branchenverband Bitkom und eines der Gründungsmitglieder der deutschen Plattform Industrie 4.0. Er kenne die US-amerikanische Denkweise, sagt er, finde sie pragmatisch und international. Allerdings sei es nicht so, dass die Testzentren hierzulande nur auf Standards aus seien und dabei die Anwendungsfälle außer Acht ließen. „Es geht um die Balance zwischen Konkurrenz und Kooperation. Am Markt tritt man gegeneinander auf, wir sind doch keine Sandkastenfreunde“, sagt Dorst. Aber wer weiß schon, wo sich in diesem „War of Testbeds“ neue Freundschaften bzw. Kooperationspartner finden. Deshalb gehen einige deutsche Unternehmen auf Nummer sicher: Sie liegen gleich in mehreren Betten.