Disrupt yourself!

Start-up-Methoden helfen, ein neues, digitales Geschäftsmodell zu entwickeln
Wer den Fokus nur auf das bestehende Geschäft legt oder gar nur die IT optimiert, gefährdet die eigene wirtschaftliche Zukunft.
TEXT: Peter Feldmeier

Die Digitalisierung verändert bestehende Wirtschaftsmuster tiefgreifend. Diese Erkenntnis ist mittlerweile in den deutschen Chefetagen angekommen. Viele Unternehmen hierzulande haben Digitalinitiativen gestartet, um den digitalen Wandel voranzutreiben, setzen vielfach aber noch einen falschen Fokus. Die Etventure-Studie „Digitale Transformation 2018“ zeigt, dass die Mehrheit der Entscheider in deutschen Großunternehmen unter Digitaler Transformation primär nur die Digitalisierung des bestehenden Geschäftsmodells und bestehender analoger Prozesse versteht (55 Prozent). Gerade einmal halb so viele Befragte (28 Prozent) nennen dagegen die Entwicklung neuer digitaler Geschäftsmodelle. Und für nicht einmal jedes fünfte Großunternehmen bedeutet die Digitale Transformation schlicht die Vereinheitlichung und Optimierung der IT-Infrastruktur oder die digitale Schulung und Weiterbildung der Mitarbeiter. Prozent) nennen dagegen die Entwicklung neuer digitaler Geschäftsmodelle. Und für nicht einmal jedes fünfte Großunternehmen bedeutet die Digitale Transformation schlicht die Vereinheitlichung und Optimierung der IT-Infrastruktur oder die digitale Schulung und Weiterbildung der Mitarbeiter.

Diese Ergebnisse zeigen, dass viele Unternehmen bei der Digitalisierung nicht über den inkrementellen Bereich hinauskommen. Wer den Fokus aber nur auf das bestehende Geschäft legt oder gar nur die IT optimiert, gefährdet letztlich die eigene wirtschaftliche Zukunft. Denn es geht bei der Digitalisierung darum, neue digitale Geschäftsmodelle zu entwickeln, die dem technologischen Wandel ebenso wie den sich verändernden Kundenbedürfnissen gerecht werden. Unternehmen müssen ihr bestehendes Geschäftsmodell hinterfragen und mitunter selbst disruptiv angreifen. Dafür braucht es eine neue Herangehensweise und ein anderes Mindset – weg vom Fokus auf das Produkt und hin zum Kunden.

AGILITÄT STATT PERFEKTION

Für viele deutsche Unternehmen stellt das einen radikalen Umbruch dar. Denn das in Deutschland verbreitete „Ingenieursdenken“ sieht eine Entwicklung im Geheimen und nach Pflichten-/ Lastenheft vor. Produkte werden erst zur Perfektion gebracht, ehe sie überhaupt einmal dem Kunden gezeigt werden. Ein erfolgreicher digitaler Wandel braucht jedoch vor allem Agilität statt Perfektion. Vorbild müssen hier zum einen die großen Tech-Konzerne sein, zum anderen auch digitale Start-ups. Diese Unternehmen operieren nach einer völlig anderen Logik: Mit Hilfe von Innovationsmethoden wie Lean Startup und Design Thinking werden Ideen und Produkte mit großer Geschwindigkeit und 100-prozentiger Nutzerzentrierung entwickelt. Anhand von Prototypen oder Minimum Viable Products (MVP) können Produkte unter realistischen Marktbedingungen frühzeitig getestet und messbar nachgewiesen werden, ob das Produkt im Markt funktioniert. Daten statt Bauchgefühl, „fail fast, fail cheap“ statt Perfektionismus. Nur das, was sich als erfolgreich herausstellt, wird weitergeführt.

Es versteht sich von selbst, dass diese neuen Methoden, gepaart mit einer ganz neuen Denkweise, nicht von heute auf morgen im Unternehmen eingeführt werden können. Deshalb muss der erste Schritt bei der Digitalisierung sein: raus aus der „Bewahrerorganisation“. Außerhalb der Kernorganisation, beispielsweise in einer eigenständigen Innovationseinheit, und losgelöst von den bestehenden Strukturen und Prozessen können neue digitale Geschäftsmodelle mit freiem Blick auf den Kunden entwickelt und getestet werden. Sind nach wenigen Wochen die ersten Prototypen und Ideen erfolgreich validiert, kann und muss dann im zweiten Schritt auch wieder die Kernorganisation mit einbezogen werden.

ALTE UND NEUE STÄRKEN

An dieser Stelle verbinden sich schließlich neue mit alten Stärken. Denn die erfolgreich getesteten ersten Digitalprodukte und Services können mit den Assets der Kernorganisation – langjährige Expertise, Präzision und Ingenieurskunst – zu besseren, voll funktionsfähigen Produkten entwickelt und am Markt skaliert werden. So kann die Arbeit der Innovationseinheit als Initialzündung für die Digitale Transformation der Gesamtorganisation genutzt werden und zu einem umfassenden Wandel beitragen.

PETER FELDMEIER ist Partner bei der Digitalberatung Etventure