Interview mit Arwed Niestroj

Automobilzulieferer ZF: „Wir gestalten unser Netzwerk weltweit“
Auch und gerade Automobilzulieferer wie ZF Friedrichshafen sind von der Digitalen Transformation betroffen. Arwed Niestroj arbeitet als Vice President Global Innovation Hubs and Digital Transformation vom Silicon Valley aus – und spricht im Interview über Standorte, Hotspots und Digitalisierungsstrategien.
TEXT: Matthias Schmidt-Stein

Sie sind von Haus aus Physiker. Wie hilft Ihnen das bei der Bewältigung der Digitalen Transformation?

Als Physiker lernt man im Studium alle technologischen und naturwissenschaftlichen Grundlagen, die heute wichtig sind. Schauen Sie sich das autonome Fahren an: Dort brauchen Sie zum Beispiel Sensoren für Abstandsmessung. Die Technologie dahinter kennt man als Physiker schon lange.

Wie hilft das konkret weiter?

Wenn ich zum Beispiel Start-ups begegne, die behaupten, dass ihre Technologie die Welt verändern wird. Dann kann ich, glaube ich, ganz gut einschätzen, ob das, was versprochen wird, überhaupt möglich ist. Ich glaube, ein breiter, naturwissenschaftlich geschulter Blick hilft da ungemein.

Herr Niestroj, Sie haben erst für Daimler in Detroit gearbeitet und sitzen jetzt für ZF im Silicon Valley. Hängt der Erfolg der Digitalen Transformation vom Ort ab?

Wenn Sie die neuesten Technologien mitbekommen wollen, sind Innovationshotspots sehr wichtig. Das trifft besonders auf das Silicon Valley zu. Aber auch Metropolen wie Schanghai, Peking und Tel Aviv sind in Sachen Digitalisierung wichtig. An all diesen Orten haben sich Ökosysteme aus Start-ups, Konzernen, Investoren und anderen Playern entwickelt – auch mit Kontakten zu Universitäten und damit Nachwuchstalenten. Dazu kommt, dass etwa in China viele Technologien in der Bevölkerung schon deutlich verbreiteter sind als in Deutschland. Denken Sie nur an das mobile Bezahlen.

Aber überall können Sie nicht sein.

Das Silicon Valley ist so etwas wie ein zentraler Knotenpunkt. Wenn Sie sich zum Beispiel in Schanghai mit einem Geschäftspartner unterhalten, stellt sich oft heraus, dass er eine Zeitlang im Valley gelebt hat. Bei ZF reagieren wir auf die zunehmende Zahl an globalen Innovationshotspots, indem wir unser Netzwerk weltweit gestalten. Das geht auch, ohne überall gleich dauerhaft vor Ort zu sein. 

Wie weit ist uns die amerikanische Wirtschaft eigentlich in Sachen Digitalisierung voraus?

Das lässt sich nicht allgemein beantworten. In der Automobilindustrie etwa gibt es kaum einen signifikanten Unterschied. Da arbeiten die Unternehmen auf beiden Seiten des großen Teichs an genau denselben Fragen. Anders sieht es zum Beispiel beim Thema Daten im Handel aus. US-Handelsketten analysieren längst nicht mehr nur, wie viel Umsatz welche Ware pro Woche macht. Untersucht wird auch, inwiefern der Absatz von der Platzierung im Regal und vielen anderen Faktoren abhängt. Die Tiefe dieser Analysen ist beeindruckend. Als Automobilzulieferer können wir davon nur lernen.

Hat sich das Geschäftsmodell von ZF durch die Digitalisierung bereits verändert?

Ja, zweifellos. Das liegt nicht zuletzt daran, dass zum Beispiel mit der Elektromobilität und Shared Mobility ganz neue Produktkonzepte dazu gekommen sind. Wir entwickeln zum Beispiel gemeinsam in einem Joint Venture mit der E-Go Mobile AG aus Aachen einen autonom fahrenden „People Mover“, der im kommenden Jahr in Serienproduktion gehen soll. In diesem Projekt – und auch bei weiteren, ähnlich gelagerten – ist die Systemverantwortung deutlich umfangreicher, als das bei unseren klassischen Kunden aus der Automobilbranche typischerweise der Fall ist.

Heißt das, dass in Ihrem Brot-und-Butter-Geschäft alles beim Alten bleibt?

Nein, das stimmt so nicht. Zwar stellen wir, wie früher, Komponenten her, die die Automobilhersteller dann verbauen. Das hat sich über Jahrzehnte eingespielt und garantiert hohe Effizienz, Qualität und somit Kundenzufriedenheit. Allerdings müssen diese Komponenten zukünftig intelligent und vernetzt sein. Dazu werden auch hier Daten immer wichtiger. So gehört zu den mechatronischen Komponenten schon heute fast immer auch ein elektronisches Steuermodul. In Zukunft werden mit Hilfe von zusätzlichen Sensoren und Intelligenz weitere Informationen gesammelt und verarbeitet. Zusätzlich arbeiten wir aber auch an ganz neuen Produkten und Services, die das bisherige ZF-Portfolio ergänzen, wie zum Beispiel „Sound AI“, bei dem mit Mikrofonen und Künstlicher Intelligenz frühzeitig Umgebungsgeräusche wie beispielsweise das Martinshorn eines sich nähernden Polizei-, Feuerwehr- oder Rettungswagen identifiziert werden. Anschließend warnt Sound.AI den Fahrer vor, dass sich ein Fahrzeug nähert sowie aus welcher Richtung es kommt und gibt Empfehlungen wie sich der Fahrer am besten verhalten soll. Und dann gibt es noch Projekte wie Car eWallet, mit dem das Auto auf Basis der Blockchain-Technologie unter anderem Tankvorgänge oder auch Parkgebühren automatisch bezahlen kann. 

Arwed Niestroj

ZF Group

Arwed Niestroj ist seit Januar Vice President Global Innovation Hubs and Digital Change bei der ZF Group. Zuvor hatte der promovierte Physiker unter anderem drei Jahre lang die Mercedes-Benz-Research-and-Development-Tochter in Nordamerika geleitet.

Beim „CEDO-Summit“ nimmt er am 24. Oktober neben Prof. Dr. Ulrich Hermann (Mitglied des Vorstandes, Heidelberger Druckmaschinen AG), Dirk Ramhorst (CDO und CIO, Wacker Chemie AG) und Etventure-Partnerin Laura Kohler an der Abschlussdiskussion „Chancen ohne Ende“ teil.