Repräsentative Umfrage

Deutsche Wirtschaft kommt bei Digitalisierung nur langsam voran
Immer mehr deutsche Unternehmen haben zwar eine Digitalstrategie. Doch nur die wenigsten investieren auch. Dabei mangelt es noch öfter an Zeit als an Geld.
TEXT: Martin Pirkl

Die Mehrheit der deutschen Unternehmen reagiert auf die sich durch die Digitalisierung wandelnden Märkte. Vier von fünf Betrieben gaben bei einer Befragung im Auftrag des Digitalverbandes Bitkom bei 604 Unternehmen ab 20 Mitarbeitern an, eine Digitalstrategie ausgearbeitet zu haben. 

Knapp die Hälfte von ihnen hat bislang aber nur ein Konzept für einzelne Unternehmensbereiche. „Nur wer eine zentrale Strategie für alle Geschäftsbereiche hat, kann neue Märkte erschließen und ist bereit für die Zukunft“, sagt Bitkom-Präsident Achim Berg. Insgesamt sehen neun von zehn Unternehmen die Digitalisierung als Chance an. In der Industrie sind es sogar 99 Prozent. Dies dürfte laut Bitkom daran liegen, dass Industriebetriebe und produzierendes Gewerbe, anders als der Handel und der Dienstleistungssektor, nur selten mit neuen Wettbewerbern aus der Digitalbranche konfrontiert sei.

Unternehmern fühlen sich in Existenz bedroht

Trotz des optimistischen Blicks auf die Digitalisierung sieht sich immerhin jedes vierte Unternehmen von ihr in seiner Existenz bedroht: 5 Prozent aller Befragten befürchten bereits, den Anschluss bei der Digitalisierung endgültig verpasst zu haben, und jeder Dritte stuft sich als Nachzügler ein. Dabei gilt: Je kleiner das Unternehmen ist, desto pessimistischer bewertet es seine Lage. Wie die Bitkom-Befragung zeigt, sieht gerade der deutsche Mittelstand für sich erheblichen Nachhol- und Handlungsbedarf. „Die deutsche Wirtschaft baut auf einem starken Mittelstand auf, daher sind das beunruhigende Nachrichten“, sagt Berg.

Um ihr Digitalkonzept umzusetzen, müssen Unternehmen auch investieren, Das hat aber nur jeder vierte Befragte in diesem Jahr auch vor. Der Hauptgrund dafür liegt aber nicht bei fehlenden finanziellen Mitteln. Deutlich öfter gaben die Unternehmen an, das ihnen im Alltagsgeschäft schlicht die Zeit fehle, sich mit neuen Technologien und entsprechenden Investitionsmöglichkeiten zu beschäftigen.

Nicht jeder fühlt sich den Herausforderungen gewachsen

Jeder vierte Manager in den Führungsetagen fühlt sich außerdem durch die Digitalisierung überfordert und jeder Zehnte würde gerne in einer Welt ohne digitale Technologien leben. „Das Internet wird genauso wenig verschwinden wie Elektrizität. Daher müssen sich Unternehmen mit den neuen Technologien befassen“, appelliert Bitkom-Chef Berg. Wer sich überfordert fühle, solle sich ein Team aus digitalaffinen Mitarbeitern zusammenstellen, die ihn bei diesem Thema unterstützen.

Überforderung und fehlende Zeit sind aber nicht die einzigen Gründe, weshalb die Wirtschaft wenig bis gar nicht in die Digitalisierung investiert.  „Viele Unternehmen, gerade im Mittelstand, haben derzeit prall gefüllte Auftragsbücher und machen gute Geschäfte mit ihren etablierten Produkten.“, sagt Berg. Ihnen fehle der Druck, sich zu verändern. Das sei ein riskantes Vorgehen, denn: „Das Geschäft von morgen ist ausschließlich digital“, warnt Berg.  Sollten die Unternehmen mit Investitionen solange warten, bis sie Leidensdruck aus dem Wettbewerb verspürten, könne es schon zu spät sein: „Lethargie wäre sehr gefährlich.“