Automobil

Autonomes Fahren. Wer macht gerade was? Der internationale Marktüberblick.
Autonomes Fahren, Carsharing, Elektromobilität – kaum eine andere Branche wird derzeit so stark durch die Digitale Transformation geprägt wie der Automotive-Sektor. Wir geben einen aktuellen Marktüberblick abseits von Google und Tesla, Audi, BMW und Daimler, wo derzeit selbstfahrende Autos, Busse und Laster erprobt werden (sollen) und von wem.
TEXT: Boris Karkowski

Der tödliche Unfall mit dem Tesla auf Autopilot wird den Trend zum selbstfahrenden Auto nicht aufhalten, nicht einmal verzögern. Denn auch in Singapur und Russland, China, der Schweiz, Finnland und natürlich Deutschland arbeitet eine Vielzahl von Technologie- und Internetunternehmen, Fahrzeugherstellern und Verkehrsgesellschaften an der Weiterentwicklung. In der Praxis werden derzeit Kompaktautos, Taxis, Luxuslimousinen, kleine und große Busse erprobt.

Dabei finden sich in weniger komplexen Verkehrseinsatzgebieten autonome Fahrzeuge schon länger in der Praxis oder stehen kurz vor der Praxisreife. Das gilt insbesondere für Landmaschinen, aber auch für Nutzfahrzeuge in privaten Großanlagen wie dem Tagebau. Der nächste Schritt ist dann die autonome Fahrt im öffentlichen Verkehr, aber weiterhin „auf Schienen“ – vorgegebenen Routen. In den unterschiedlichsten Ländern verkehren derzeit (Klein-)Busse ohne Fahrer, aber in fest definierten Gebieten. Auffällig ist auch, dass gerade bei Taxis die Entwicklungen deutlich vorangetrieben werden. Damit löst man gleich zwei Schwierigkeiten: Erstens lohnt sich die Investition eines autonomen Taxis eher, weil teure Fahrer eingespart werden bei großen Fahrleistungen. Zweitens müssen Konsumenten nicht über eine Anschaffung nachdenken, sondern können erste Erfahrungen mit dem Computerautosammeln. Erst 48 Prozent aller in einer US-Studie befragten Autofahrer können sich derzeit vorstellen, einmal ein selbstfahrendes Auto zu kaufen.

Bis es jedoch zum alltäglichen Einsatz von selbstfahrenden Autos kommt, müssen nicht nur technische bzw. preisliche Hürden genommen werden, sondern auch viele rechtliche. Städte wie Helsinki oder Singapur ermöglichen bereits heute mit einem laxen regulativen Umfeld den Einsatz solcher Fahrzeuge – und dürften zumindest kurzfristig die Nase vorn haben, auch wenn Berlin (mit Olli) und Hamburg (mit VW) sich als Experimentierfelder versuchen. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit ein Überblick über die aktuellen Aktivitäten und ihre Besonderheiten:

 


NUTONOMY

Da waren die Stadtstaatler schneller. Noch vor Uber hat das MIT-Spin-out Nutonomy selbstfahrende Taxis in Singapur zum Praxistest auf die Straße geschickt. Im Viertel One-North verkehren seit Ende August die weißen Kompaktwagen auf einer rund 6 Kilometer langen Strecke. Die Strecke soll allerdings schon bald ausgedehnt werden. Die Fahrzeuge verfügen noch klassisch über ein Lenkrad; ein Techniker sitzt zur Sicherheit noch im Fahrzeug. Die grundlegende Software wurde übrigens von Forschern am MIT entwickelt.

UBER/VOLVO

Nachdem sich Uber von Alphabet gelöst hat, will es bei der Entwicklung selbstfahrender Autos nun eng mit Volvo zusammenarbeiten. Uber will dazu rund 100 Volvos XC90 mit Sensoren und Computern ausstatten. Noch im August sollten sie über Pittsburghs Stra- ßen rollen. Uber hat zudem das Start-up Otto erworben, für das ehemalige leitende Mitarbeiter von Google, Apple und Tesla arbeiten. Otto baut nicht nur eine Logistiksoftware für Lastwagenfahrer, die damit Abholung, Fracht und Lieferung optimieren können, sondern auch autonome Transportfahrzeuge für die Intralogistik.

YANDEX/NAMI/KAMAZ

Der niederländisch-russische Suchmaschinengigant Yandex unterstützt nun auch die Entwicklung eines selbstfahrenden Kleinbusses. Neben Yandex sind auch der russische Nutzfahrzeughersteller Kamaz sowie das Nami, das russische wissenschaftliche Forschungsinstitut für Automobile und Automotoren, an der Entwicklung beteiligt. 2017 soll der 12-Sitzer mit 200 Kilometer Akku-Reichweite erstmals getestet werden – aber noch nicht im Straßenverkehr. >

EASY MILE

Auch das Joint Venture der indischen Robosoft mit dem französischen Automobilhersteller Ligier, Easy Mile, bringt autonome Kleinbusse auf die Straße. Zwei „EZ10“-Kleinbusse für bis zu neun Passagiere sind auf den Straßen von Helsinkis Stadtteil Hernesaari unterwegs – mit 10 Stundenkilometern. Bald soll der Einsatz auf weitere Städte erweitert werden, allerdings wird im Winter pausiert.

LOCAL MOTORS

Und noch ein Kleinbus. Olli stammt sogar aus dem 3-D-Drucker und soll ab Anfang 2017 auf Berlins Straßen selbstgesteuert unterwegs sein. Für 10 Millionen US-Dollar soll dort ein Labor als Grundlage für eine spätere Fabrikation entstehen – drei gibt es davon schon in den USA. Die Besonderheit ist allerdings weniger der Druck, sondern die Entwicklung. Im Open-Source-Verfahren wird der Designprozess an Kreative auf der ganzen Welt ausgelagert. Local Motors spricht so von 51.000 Mitarbeitern, hat aber selbst nur wenige wirklich Angestellte. Etliche Elemente wie Batterie, Verkabelung, Motor oder Federung stammen allerdings aus der Serienproduktion für den Renault Twizy. IBM Watson liefert die Intelligenz.

FORD

Schlechte Zeiten für Taxifahrer, auch nach dem Willen von Ford. Der US-Autobauer will in spätestens fünf Jahren selbstfahrende Taxis auf den Markt bringen. Lenkrad, Gas- und Bremspedal soll es nicht geben. Dazu soll die Fläche der Forschungseinrichtung in Palo Alto verdoppelt werden, zugleich wurden Partnerschaften oder Beteiligungen mit dem Lidar-Sensorhersteller Velodyne (gemeinsam mit dem chinesischen Internetkonzern Baidu), dem Kartendienst Civil Maps, dem Spezialisten für Maschinensehen Saips sowie dem AI-Softwarehaus Nirenberg Neuroscience eingegangen.

POST AUTO SCHWEIZ/LUTS/BEST MILE

Bereits jetzt fahren auch im Zentrum der Schweizer 30.000-Einwohner-Stadt Sitten selbstfahrende Busse auf definierten Routen. Die Shuttlebusse stammen aus dem Hause Navya und sind mit 20 Stundenkilometern autonom unterwegs. Mitfahrende können mit einem Notknopf den Bus – bei dem bis Oktober 2017 in der Testphase auch immer noch ein Mensch zur Sicherheit mitfahren wird – zum Nothalt zwingen.

CONTINENTAL/ADVANCED SCIENTIFIC CONCEPTS

Der Zulieferer Continental hat bereits im März das „Hi-res 3D-Flash Lidar“-Geschäft von Advanced Scientific Concepts aus Kalifornien übernommen. Lidar gilt als Schlüsseltechnologie, da die Umfeld- und Objekterkennung per Laser Voraussetzung für die Unfallvermeidung ist. Conti will die Lasersensoren mit bereits im Hause vorhandenen Sensoren kombinieren, um hochautomatisiertes und autonomes Fahren zu ermöglichen. Conti hat in Nevada hochautomatisiertes Fahren (die direkte Vorstufe zum autonomen Fahren) bereits auf über 72.000 Kilometern Fahrstrecke getestet.

DELPHI/MOBILEYE

Der Autozulieferriese Delphi und das israelische Unternehmen Mobileye wollen gemeinsam eine herstellerunabhängige Lösung für autonomes Fahren entwickeln. Schon in drei Jahren soll ein schlüsselfertiges System angeboten werden. Mobileye bringt die Prozessoren und Technik zur Sensordatenverarbeitung ein, Delphi die Algorithmen zur Fahrzeugsteuerung sowie die benötigten Sensoren. Das System soll vollautonomes sowie teilautonomes (z.B. auf Autobahnen) Fahren ermöglichen. Mobileye arbeitet bereits mit etlichen Automobilherstellern – allerdings nicht mehr mit Tesla – zusammen. Als potentielle Kunden werden auch die kommenden zahlreichen chinesischen Elektrofahrzeughersteller gesehen.

ZF/IBEO AUTOMOTIVE SYSTEMS

Die Friedrichshafener ZF hat sich ebenfalls an einem Lidar-Spezialisten, der Hamburger Ibeo Automotive Systems, beteiligt. ZF und Ibeo wollen die vorhandene Technologie als 3-D-Lidar kompakter und ohne die aufwendigen Spiegel weiterentwickeln. Ibeo will in kurzer Zeit die Belegschaft von 50 auf 250 Mitarbeiter aufstocken. ZF hat allerdings nur eine Minderheit von 40 Prozent an Ibeo erworben. Durch seine vorherige Akquisition von TRW hat ZF bereits Zugang zu anderen Fahrerassistenzsystemen, die zum autonomen Fahren benötigt werden, erworben.


UND SONST NOCH?

China

Bereits im September 2015 hat der chinesische Bushersteller Yutong einen 10,5 Meter langen Bus 30 Kilometer lang autonom durch eine Stadt in der zentralchinesischen Provinz Henan fahren lassen. Dabei wurden u.a. 26 Ampeln passiert. Bis zur Serienreife sei aber noch ein gutes Stück Wegstrecke zurückzulegen.

Japan

Im Mai 2015 haben sich die beiden japanischen Unternehmen DeNA und ZMP – eine Sony-Beteiligung – zusammengetan, um autonome Taxis für ländliche Regionen zu entwickeln. ZMP ist für die Technik, DeNA für die IT und den überwiegenden Teil der Finanzierung zuständig.

USA

Anfang dieses Jahres ist der USAutobauer GM eine 500-Millionen-USDollar teure Beteiligung an dem Mitfahrdienst Lyft eingegangen. Gemeinsam wollen beide autonom fahrende Autos entwickeln.

Google

Und zum Schluss doch noch Google: Im Mai hat Google eine Zusammenarbeit mit Fiat Chrysler vereinbart. So sollen „echte“ Autos mit der Google-Technologie bestückt werden; zuerst sind testweise 100 Minivans vorgesehen. Die deutschen Automobilbauer sind vor einer solchen Zusammenarbeit immer zurückgeschreckt – wohl auch aus Angst, zu einem Zulieferer des IT-Konzerns zu werden.