Start-Ups

Buy or build: Zwei Investoren über Start-up-Strategien für Konzernlenker
Junge Tech-Unternehmen faszinieren Deutschlands Konzernlenker, versprechen sie doch Agilität und Ideenreichtum, die in der eigenen Organisation oft Mangelware sind. Einhörner trüben jedoch den Blick auf die Geschäftsrealität. Zwei Investoren reden Klartext.
TEXT: Eva Rossner

Christian Nagel

EARLYBIRD

Christian Nagel ist Partner und Mitgründer von Earlybird Venture Capital. Seit 1997 managt der Kapitalgeber 700 Millionen Euro in fünf Fondsgenerationen. Fonds Nummer sechs ist in Vorbereitung. Im Wesentlichen investiert der Berliner VC in der ersten institutionellen Finanzierungsrunde, dann weiter bis zum Exit. Auf eine konkrete Summe legt sich Nagel ungern fest; 15 Millionen Euro kann er pro Beteiligung ausgeben, was in der ersten Runde zwischen 1,5 oder 4,5 Millionen Euro sein können. Das westeuropäische Portfolio besteht derzeit aus 29 Unternehmen in verschiedenen Sektoren von Consumer-Internet bis Enterprise-Services.

NICHT MAL JEDER 4. VERSUCH ERFOLGREICH

Grob geschätzt, führen wir ein Viertel der Unternehmen zum sehr erfolgreichen Exit, ein weiteres Viertel rechnet sich gar nicht, und die restlichen zwei Viertel sind sozusagen „Mittelmaß“. Natürlich würden wir gern jedes Unternehmen aus unserem Portfolio erfolgreich zum Exit führen. Immerhin lebt ein Risikokapitalgeber von diesen 25 Prozent an Start-ups, die er beispielsweise an Microsoft verkauft. Bei Investments in der Frühphase ist die Ausfallwahrscheinlichkeit allerdings sehr hoch.

WENIGER TECHNOLOGIE, MEHR GESCHÄFTSMODELLE

Geschäftsmodelle werden digitalisiert, die Technologie dahinter ist letztlich nur das Mittel zum Zweck. Daher investieren wir kaum in Hardware. Sicherlich, gerade für produzierende Unternehmen mag es sinnvoll sein, sich bestimmte Technologien für ihr Kerngeschäft zu sichern. Weltmarktführer sollten jedoch vor allem beobachten, wer künftig ihr Geschäftsmodell umkrempeln könnte – und genau dort einsteigen.

HABEN SIE ZEIT, 4.000 GESCHÄFTSMODELLE ZU PRÜFEN?

Wir schauen uns jährlich mehr als 4.000 gute Geschäftsmodelle an, investieren jedoch nur in eine Hand voll. Und das ist gut, denn so erhalten wir Zugang zu jungen Technologien. Es geht darum, ein Gefühl dafür zu bekommen, welcher Trend relevant ist. Bitte glauben Sie nicht, dass Sie, weil Sie eine Handvoll Start-ups besucht und analysiert haben, nun wissen, wohin der Trend läuft. Denn auch unsere Arbeit – siehe oben – wird nur selten belohnt.

B2B IM TREND

Im vergangenen Jahr haben wir rund 60 Prozent unserer Investitionen im B2B-Bereich getätigt. Das ist für uns neu und zeigt, dass Digitalisierung zeitversetzt verläuft und die relevanten Trends im Geschäftskundensegment gerade erst entstehen. Derzeit beobachte ich vermehrt Plattformen, die den Vertrieb neu organisieren. B2B-Unternehmen sollten also ihren Blick derzeit auf Start-ups richten, die neue Lösungen für den After- Sales-Service bieten. Sehr spannend sind auch Ansätze zur Routenoptimierung, hier sind gigantische Einsparungen durch die Reduktion von Fahrzeugen im Fuhrpark möglich. Sicherlich spielen hier auch Technologien wie beispielsweise Sensorik eine Rolle, aber das datenbasierte Geschäftsmodell dahinter ist wirklich relevant.

ALLES HINTERFRAGEN

Nicht jedes Unternehmen hat die Finanzmittel, um ein Start-up zu kaufen. Doch warum nicht ein bisschen Start-up im eigenen Unternehmen riskieren? Dazu braucht es allerdings das entsprechende Personal: nicht nur gute Ideen, sondern vor allem den analytischen Blick auf die Zielgruppe. Die Kernfragen: Was beschäftigt den Kunden, welche Digitalkanäle kann ich als Zugang nutzen und wie daraus ein Geschäft generieren? Das ist meist weitaus günstiger und näher am bestehenden Geschäft als der Zukauf.

EINFACH MAL MACHEN

Wenn es eine Idee gibt, direkt einen Prototyp entwickeln und testen. Was hier wichtig ist: mit einem eigenständigen Team außerhalb der Fachabteilung arbeiten. Das kann ein Team aus bestehenden Mitarbeitern sein, die für die Aufgabe freigestellt werden, oder ein eigens dafür angeheuertes Team – beispielsweise in Form eines Joint Ventures, wo Ideen entwickelt werden.

Philipp Depereux

ETVENTURE

Philipp Depiereux ist Gründer und Geschäftsführer der Digitalberatung Etventure. Die Berater betreuen 20 Start-ups und unterstützen mittelständische Unternehmen und Großkonzerne bei der digitalen Transformation. Das Start-up-Portfolio ist vorwiegend auf das B2B-Segment ausgerichtet und adressiert Themen rund um Mobile, Crowd, Social und SaaS.

ABSTAND WAHREN

In jedem Fall sollte ausreichend Abstand zur Bewahrerorganisation und zugleich die nötige Nähe zu einem Start-up-Hub wie Berlin bestehen. Das Thema digitale Transformation ist mächtig, die Themen bei Mitarbeitern nicht unbedingt positiv besetzt, da kann ich nur raten: Lasst die Unternehmensstruktur in Ruhe. Die Organisation muss gewohnt weiterarbeiten können, das „Neue“ allerdings auch.

SPIELT NICHT VC

Wer ein junges Unternehmen kauft, versorgt die Organisation mit neuen Geschäftskonzepten. Zudem kann ein Start-up für das Talentmanagement spannend sein. Doch braucht es dafür wirklich den Zukauf? Geht es beim Investment auch um das Exit-Spiel, übernimmt das Unternehmen also die Rolle des Venture Capitalist – dann zwei Hinweise: Erstens fließt beim Verkauf auch Know-how wieder ab, darunter könnte der Rest leiden. Zudem geht es angesichts aktueller Bewertungen fast immer um große Geldsummen. Bei 80 Millionen Euro Jahresumsatz ist es verdammt riskant, ein Start-up für 20 Millionen Euro zu kaufen.

AUGEN AUFS SILICON VALLEY

Auch B2B-Unternehmen sollten die großen B2C-Erfolge des Silicon Valley im Blick haben. Was passiert dort, und ist das für mich relevant? Viele Trends, die wir heute im B2B-Bereich sehen, hatten ihre Vorläufer vor wenigen Jahren im B2C-Segment.