Finanzierung

Wie finanziert man I-4.0-Investitionen?
250 Milliarden Euro sollen in den kommenden zehn Jahren allein in Deutschland in die Industrie 4.0 investiert werden. Doch wer soll das finanzieren? Denn die alten Maßstäbe der Investitionsrechnung helfen nicht mehr.
TEXT: Boris Karkowski

UND WAS BRINGT DAS IN EURO?

Uwe Kaschub hat ein anschauliches Beispiel parat, um das Problem aufzuzeigen. „Nehmen Sie eine neue Technologie, die dem Mercedes-Fahrer anzeigt: ‚Ihr vorderer Stoßdämpfer muss ausgetauscht werden. Die nächste Werkstatt ist bereits informiert, Ihr Navi führt Sie dorthin.‘ Bei Ankunft kann der Werkstattmitarbeiter den Kunden schon mit Namen begrü- ßen. – Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass der Kunde zufriedener ist als früher. Doch der Stoßdämpfer muss ohnehin irgendwann ausgetauscht, die Werkstatt beauftragt werden – der Kunde vermeidet lediglich mögliche Folgeschäden mit höheren Kosten. Wo ist da für Mercedes ein Mehrertrag angefallen?“ Kaschub, Partner bei EY in Mannheim, kennt auch keine einfache Antwort, obwohl er es als Wirtschaftsprüfer gewohnt ist, die Cash-Generating Unit zu identifizieren.

Leider geht es den Banken nicht viel anders. In einem gemeinsamen Positionspapier mit dem BDI stellt der Bankenverband fest: „Unternehmensprozesse werden völlig neu gestaltet. Weiche Kosten für die Entwicklung und Einführung von Prozessinnovationen gewinnen gegenüber ‚hard costs‘ an Bedeutung: Die Akquise von Humankapital und immaterielle Vermögenswerte wie zum Beispiel Patente werden zentrale Bereiche des Investitionsbegriffs.“ Doch konkrete Antworten kennt auch der Bankenverband noch nicht, kapitalmarktnahe Finanzierungen wie Schuldscheine oder Konsortialkredite werden empfohlen. Das dürfte für viele mittelständische Unternehmen keine befriedigende Antwort sein.

Da die Entwicklungen in der Industrie 4.0 noch sehr jung sind und der tatsächliche Nutzen (und vor allem die Rentabilität) erst in einigen Jahren messbar sein wird, stehen viele Anbieter von Industrie-4.0-Lösungen mit ihren Profitabilitätsversprechungen vor einem Dilemma: ohne Rentabilitätsbeweis kein Auftrag, ohne Auftrag kein Rentabilitätsbeweis. Daher gehen viele Anbieter, auch Start-ups, dazu über, großen Kunden ihre Leistungen quasi kostenlos zur Verfügung zu stellen. Wer anschließend länger die angebotenen Leistungen in Anspruch nehmen möchte, muss zahlen. „Viele Investitionen in die Industrie 4.0 werden daher nicht von den Industrieunternehmen, sondern von den Start-ups getä- tigt“, hat Kaschub festgestellt.

Wer nicht in den Genuss von „Vorschussleistungen“ seines Anbieters kommt, hat andere Möglichkeiten, die Investitionen überschaubar zu halten. Eine Möglichkeit ist der Retrofit (mehr zu Optionen und Anbietern siehe Titelgeschichte CEDO#4) und eine entsprechende Finanzierung. Dabei kauft der Finanzier die Altanlage, rüstet sie auf eigene Kosten um und auf und verleast sie anschließend wieder an den alten Maschineneigner. Ebenso denkbar ist eine Inzahlungnahme, auf Englisch Trade-in: So wie der Autohändler auch nimmt der Anbieter die Altmaschine in Zahlung, wenn bei ihm auch eine neue Maschine geleast wird. Und auf noch eine Option macht beispielsweise Siemens Financial Services aufmerksam: Energy-Performance-Contracting. Als Pay-as-yousave-Lösung werden Investitionen in Energiekosteneinsparungen, zum Beispiel in sparsamere Antriebsmotoren, mit den eingesparten Energiekosten refinanziert. Dazu wird analysiert, wie hoch die Energiekosten bei der derzeitigen Ausstattung sind und wie viel die Investition einsparen würde.

BANKEN WERDEN NEUE INSTRUMENTE ZUR EVALUIERUNG VON INVESTITIONEN MIT IHREN BEWERTUNGSCHANCEN UND SICHERHEITSSTANDARDS ENTWICKELN MUSSEN.

Die entscheidende Hilfe für die Aufrüstung dürfte aber in der neuen Möglichkeit von gebrauchsabhängigen „XaaS“-Zahlungsmodellen liegen. Dabei wird nicht mehr die Einmalinvestition gezahlt, auch keine regelmäßige Leasingrate, sondern nur noch nach Ver- und Gebrauch der Maschine abgerechnet. Der Kunde schließt quasi einen Dienstleistungsvertrag mit dem Maschinenanbieter, der auch für die Instandhaltung etc. zuständig ist. Hohe Upfront-Investitionskosten sind damit obsolet – zumindest für den Kunden.

Doch nicht jeder Anbieter von Industrie-4.0-Investitionsgütern wird in der Lage oder willens sein, die notwendige Vorfinanzierung zu stemmen. Wie viele Investitionen sich sinnvoll über XaaS-Modelle finanzieren lassen, ist noch unklar, weil die Angebote selbst von Maschinenbau-Riesen in Deutschland noch sehr überschaubar sind (siehe CEDO#4 News).

An den Banken als Finanzpartner dürfte also auf absehbare Zeit doch nur selten ein Weg vorbei führen. Banken ist vor allem die Sicherstellung der Zahlungsströ- me wichtig, damit Zins und Tilgung regelmäßig beglichen werden können – und für den Notfall sollten andere Sicherheiten vorhanden sein. Der Bankenverband kündigte schon im vergangenen Jahr an, dass die Banken neue Instrumente zur Evaluierung von Investitionen mit ihren Bewertungsusancen und Sicherheitsstandards entwickeln werden.

Der Wert der Investitionen wird künftig eher immateriell sein. Daher wären nicht nur Sicherheiten deutlich fungibler und schwieriger gerichtsfest einzutreiben, sondern die Bewertung auch komplizierter und unzuverlässiger. Außerdem verlangen Industrie-4.0-Investitionen auch nach kontinuierlichen Investitionen, um die Leistungsverbesserungen aus Updates etc. nutzen zu können. Finanzierungsinstrumente, die diese Anforderung in ihrer Auszahlungsstruktur und Laufzeit abbilden, müssen jedoch auch den regulatorischen Anforderungen an das Risikomanagement genügen.

Keine einfache Aufgabe – denn der Erfolg und damit die Rentabilität der Industrie-4.0-Investitionen hängen sehr häufig auch vom erfolgreichen Zusammenspiel mit Dritten wie unterschiedlichsten Zulieferern ab. Wer wo welche Risiken hat und wie kontrollieren kann, ist für eine Bank deutlich schwieriger zu analysieren. Ebenso, siehe das Beispiel mit dem Mercedes, die Identifikation und Planung von Zahlungsströmen. Ohne die Finanzierung von Banken wird es aber mit den 250 Milliarden Euro, die in Deutschland in den kommenden zehn Jahren in Industrie 4.0 investiert werden sollen, schwierig. Gelingt es den Banken jedoch, die notwendigen Bewertungsmaßstäbe für ihre Kreditvergabe an die neuen Bedürfnisse anzupassen, werden die Unternehmen gleich doppelt profitieren: als Kreditnehmer – und im Hinblick auf eine Plausibilitätsprüfung ihrer eigenen Rentabilitätsrechnung, für die es ja bislang nur wenig belastbare Daten gibt.