Produktivität

Hält die Industrie 4.0 ihr Produktivitätsversprechen?
Industrie 4.0, die vierte industrielle Revolution. Doch es gibt gute Gründe, an den Wachstumshoffnungen, die mit den Innovationen des Digitalzeitalters verbunden werden, zu zweifeln. Ein Diskussionsanstoß.
TEXT: Boris Karkowski

DIE GROSSE VERHEISSUNG

Die Hoffnungen, die mit der Digitalen Transformation der Industrie verbunden werden, sind groß. Sie reichen von jährlich 30 Milliarden Euro (PwC) bis 145 Milliarden Euro (McKinsey) zusätzlicher Bruttowertschöpfung. Allein für sechs große Branchen sieht der Bitkom das jährliche Steigerungspotential bei 1,74 Prozent – auf die deutsche Gesamtbruttowertschöpfung übertragen wäre das allein eine Steigerung von 1,27 Prozent.

Es wäre nicht das erste Mal, dass sich die Versprechung eines spürbaren Produktivitätsschubs in der Wirtschaft nicht erfüllen würde.

Doch es wäre nicht das erste Mal, dass sich die Versprechung eines spürbaren Produktivitätsschubs in der Wirtschaft nicht erfüllen würde. So zeigt sich, dass auch die „klassische“ Digitalisierung, der flächendeckende Einsatz von EDV-Systemen, letztlich kaum Produktivitätszuwächse gebracht hat. Das Wirtschaftswachstum in den G7-Ländern lag in den 60er Jahren noch zwischen 6 und 7 Prozent jährlich. Seitdem ist es aber kontinuierlich gesunken und liegt seit Beginn dieses Jahrtausends nur bei etwas über 1 Prozent. 

Wachstumsprognosen, wie die im Jahr 2005 für die kommende Dekade aufgestellte Schätzung des US-amerikanischen Congressional Budget Office, haben sich – auch unter Herausrechnung der 2008/2009er-Finanzkrise – als deutlich zu optimistisch erwiesen. Schon im Jahr 2000 schrieb der Ökonom Robert J. Gordon, dass die Innovation des Internets nicht im Ansatz die Wachstumskraft entwickeln würde wie vorhergehende Umbrüche – beispielsweise die Elektrifizierung.

Inzwischen warnen auch andere Volkswirte, beispielsweise Larry Summers, ehemaliger Chefökonom der Weltbank und 2009 von Barack Obama zum Direktor des National Economic Council berufen, vor einer langen Dürreperiode beim Wirtschaftswachstum in den Industrieländern. Die Ökonomen nennen verschiedene mögliche Ursachen für die Wachstumsenttäuschung. Gordon sieht durchaus Produktivitätszuwächse durch die Digitalisierung, doch bezeichnet er sie als einmaligen Vorgang, der die Produktivität nicht kontinuierlich erhöht. Beispiel: Die Automatisierung des Check-ins am Flughafen macht den Prozess für Fluggesellschaften punktuell effizienter, sorgt aber nicht für eine Produktivitätskaskade, wie z.B. die Installation von elektrischem Licht in Fabriken, die vom Management bis zur Fertigung die Voraussetzung für kontinuierlich mehr und besseres Arbeiten geschaffen hat. Weitere Faktoren, die Summers aufzählt, sind die Alterung der Gesellschaften in den Industriestaaten (und die damit sinkende Innovationskraft und eine stetige Verschlechterung der Arbeitskräftequote) sowie die steigende Ungleichverteilung von Einkünften und Wohlstand (wodurch die Mittelschicht als Nachfragetreiber ausfällt).


Tatsächlich spricht manches dafür, diese makroökonomischen Überlegungen auch auf die vierte industrielle Revolution zu übertragen. Denn auch hier gilt:

1. Es gibt auf absehbare Zeit nur eine unzureichende Zahl von Arbeitskräften, die für die neuen Aufgaben in der Digitalen Transformation qualifiziert sind. Allein die Nachfrage nach Programmierern für die komplexen Maschinennetze dürfte das Angebot bei weitem übersteigen. Damit werden nicht nur die Preise für solche raren Köpfe deutlich steigen; vielmehr werden andere Arbeitskräfte immer weniger benötigt. Das Gefälle zwischen Menschen mit der notwendigen Qualifikation und dem „Rest“ dürfte dadurch weiter steigen.

Wenn aber die Mittelschicht noch stärker erodiert, sinkt auch die Nachfrage. Und ohne Nachfrage gibt es keine ausgeweitete Produktion, sprich: kein Wachstum, wie Summers in Umkehrung des Sayschen Theorems – das Angebot schafft die Nachfrage – argumentierte.

2. Viele Unternehmen werden gar nicht erst Zugang zu den qualifizierten Arbeitskräften erhalten, um die Möglichkeiten der Digitalen Transformation für sich zu nutzen. Oder sie werden sie nur eingeschränkt und zu hohen Kosten bekommen.

Damit werden Investitionen für diese Unternehmen weniger rentabel und angesichts der großen technologischen Unsicherheiten in vielen Fällen aufgeschoben werden.

Damit sinkt nicht nur die Nachfrage nach Investitionsgütern, sondern die Folge ist auch hier eine weitere Polarisierung in sehr erfolgreiche Unternehmen einerseits und kaum noch wettbewerbsfähige Zombie-Firmen andererseits. Auch hieraus entstehen keine breiten Wachstumsimpulse.

3. Viele der heute bekannten Möglichkeiten der Industrie 4.0 sind noch nicht ausreichend erprobt und vor allem nicht bepreist, weil sie noch Pilotcharakter haben. Zwar liegen die Vorteile oft auf der Hand, beispielsweise bei der Predictive Maintenance oder der Datenanalyse in der Produktion.

In der Praxis dürfte es aber häufig so sein, dass eine Produktion einmal aufgrund der besseren Datenlage optimiert wird und danach nur noch kleinere Anpassungen vorgenommen werden.

Wie nachhaltig produktivitätssteigernd die Industrie 4.0 mit ihren Möglichkeiten also wirklich ist, liegt noch im Dunkel. Und ob sie einen gesamtwirtschaftlichen Wachstumsschub über eine breit angelegte Produktivitätskaskade anstößt oder z.B. über die zunehmende Polarisierung der Unternehmens- und Arbeitswelt eher wachstumshemmend wirkt, ist auch noch offen.

Konsequent umgesetzt, bietet die Industrie 4.0 aber durchaus die Chance zur permanenten Produktivitätssteigerung. Drei Faktoren sind hier entscheidend:

1. Die Kosten von Innovationen sinken drastisch. Nicht nur durch den 3-D-Druck, sondern auch durch die Transparenz von Produktionsdaten bis hin zur Simulation von ganzen Fabriken („Digitaler Zwilling“) werden Neuentwicklungen deutlich günstiger.

So können auch kapitalschwache Unternehmen neue Angebote schnell bis zur Serienreife entwickeln und große Unternehmen immer mehr Produkte parallel entwickeln.

Nie war es einfacher, auch als Startup in der Produktion bestehen zu können. Produktivitätspotentiale, die durch neue Angebote und Produkte möglich sind, können einfacher realisiert werden.

2. Die Kosten für kleine Stückzahlen sinken. Lange wurde die Produktion auf eine Optimierung des Mitteleinsatzes bei größeren Stückzahlen optimiert. Die Industrie 4.0 und die Einführung agiler Strukturen erlauben jedoch auch die Herstellung von kleinen Losgrößen zu niedrigeren Preisen. Denn viele Schritte in der Supply-Chain können automatisiert werden, Rüstzeiten sinken, und Maschinen sind flexibler einsetzbar. So werden Produkte neuen Zielgruppen zugänglich. Damit wird bei physischen Produkten noch nicht unbedingt der sogenannte Long Tail erreicht, wie er bislang vor allem bei digitalen Angeboten möglich ist, aber die Zahl möglicher Kunden steigt. In eine ähnliche Richtung laufen neue Geschäftsmodelle, die eine Abrechnung nach Verbrauch oder Nutzung erlauben:

Der Kunde kauft immer nur das und so viel, wie er für den Moment beispielsweise in der Produktion benötigt. Das frei gewordene Kapital kann produktiver eingesetzt werden.

Natürlich ist auch dieser Produktivitätshebel in der physischen Produktion nicht so leicht zu realisieren wie bei digitalen oder mobilen Produkten – doch was mit Just-in-time-Produktion begonnen hat, kann durch die vernetzte Industrie in ganz neue Dimensionen geführt werden.

Kollaboration, die nicht an Unternehmensgrenzen haltmacht, kann ein weiterer wichtiger nachhaltiger Produktivitätstreiber sein. Schon heute zeigen Maker-Spaces, was möglich ist.

3. Zugegeben, die Vorbehalte sind groß – denn am Ende wird auf Unternehmensbasis abgerechnet. So werden sich viele Unternehmen weigern, sensible Daten zu teilen. Die Sorge vor einer Manipulation durch Dritte ist zu hoch. Trotzdem zeigen Projekte aus der digitalen Welt, dass die Ergebnisse von offenen, in Kollaboration entstandenen Arbeiten nicht schlechter oder fehleranfälliger sind. Denn Transparenz kann nicht nur zu Manipulation führen, sondern auch deren schnellerer Entdeckung und Korrektur.

Die Industrie 4.0 hat das Potential, die Produktivität nachhaltig zu steigern. Sie kann zu einer Trendumkehr der immer schwä- cheren Wachstumsraten in den Industrieländern führen. Doch ohne eine Politik, die dafür Sorge trägt, dass auch die Verlierer dieser Entwicklung nicht zu kurz kommen, könnte die sinkende Nachfrage große individuelle Produktivitätsgewinne auf makroökonomischer Ebene wieder zunichtemachen. Die vierte industrielle Revolution wäre geschafft – doch sie hätte zu wenige Gewinner produziert.