Online-Special Platform Economy: Eine, sie alle zu binden

Der Plattformkapitalismus hat ein Ziel: Finde ineffizient organisierte Märkte, definiere ihren Bedarf, organisiere diesen über ein Ökosystem, und sei dort die Spinne im Netz. Doch die Herrin der Dienste sollte sich vorsehen: eine neue Technologie dreht diese Logik. Über den Einfluss der Blockchain auf die Plattformökonomie.
TEXT: Gastbeitrag Matthias Walter

Der Aufbau eines Plattformgeschäftsmodells gilt als die Königsdisziplin der Digitalisierung. Das Zauberwort lautet „Skalierbarkeit“. Kein anderes Modell schafft es derzeit, überproportional zu wachsen und gleichzeitig den Ressourcenaufbau vom Wertzuwachs zu entkoppeln. Dabei ist der Netzwerkeffekt der Hauptwachstumstreiber eines erfolgreichen Plattformunternehmens. Je mehr Produkte oder Services eine Plattform bietet, desto mehr Konsumenten bindet sie. Die Anzahl der Konsumenten wiederum macht eine Plattform umso interessanter für Hersteller von Produkten oder Services, die Zugang zu den verschiedenen Kundengruppen suchen. Nicht zuletzt ist eine Plattform daher vor allem so viel wert, wie die Nutzer, die sie bindet. Je mehr Daten zur Personalisierung oder für das Matchmaking zur Verfügung stehen, desto wertvoller wird die Plattform.

Netzwerke und Vertrauen schaffen

Was Plattformen dafür besonders gut können müssen: Vertrauen schaffen. Und das tun erfolgreiche Plattformanbieter; nicht umsonst vertrauen Nutzer heute den Algorithmen einer Plattform mehr als bisher etablierten Vertrauens- oder Reputationssystemen. Das mag zunächst verwundern, heißt es doch vielerorts, dass die Technologieakzeptanz nicht zwingend mit der Anzahl neuer Services auf dem Markt korreliert. Doch die Hotelbranche beweist beispielhaft das Gegenteil. In der alten Welt orientierte man sich an der Anzahl weniger Hotelsterne und konnte so den Qualitätsstandard und die Servicequalität antizipieren. Plattformen wie Airbnb haben diese Beziehung komplett gedreht. Statt eines zentralen Qualitätsprüfers basiert das Matchmaking zwischen Angebot und Nachfrage nun auf über 200 Millionen Kundenbewertungen weltweit. So sehr eine Plattform nun aber von der transparenten Organisation der Kundenbeziehung profitiert, so sehr profitiert sie ebenfalls davon, bestimmte Parameter des Geschäfts weitestgehend intransparent zu gestalten. So ist es durchaus berechtigt, von der Schattenseite des Vertrauens zu sprechen. Diese befindet sich hinter den Kulissen, auf der Ressourcenseite. 

Ein Problem der Plattformökonomie ist die ungerechte Verteilung der Einnahmen. Plattformbesitzer ist derjenige, der den größten Teil der Einnahmen hat. Den weitaus geringeren Teil der Wertschöpfung teilen sich die Produzenten der Produkte und Anbieter der Services. Dieser Netzwerkeffekt führt zum einen zur Dominanz einiger weniger Plattformen, und zum anderen zur Abhängigkeit der Produzenten-/Anbieterseite. Ein Produzent baut die Reputation für eine Plattform mühsam auf. Dieser Reputationseffekt ist jedoch nicht übertragbar; sobald er die Plattform wechselt, muss er meist wieder bei null anfangen. Jeder Produkt- oder Serviceanbieter überlegt also mindestens zweimal, ob sich der Aufwand lohnt, auf unterschiedlichen Plattformen präsent zu sein. Die monopolistische Tendenz von Plattformbetreibern kommt zum Vorschein.

Daher sind Plattformen als Geschäftsmodell attraktiv, gesellschaftlich gesehen jedoch fragwürdig. Denn letztlich gilt für alle, abgesehen vom Plattformbetreiber: mitgehangen, mitgefangen. Wie lässt sich diese Monopoltendenz auflösen? Wie also können Ökosysteme modelliert werden, die eben nicht in letzter Konsequenz dazu geschaffen werden, der einen Plattform zu dienen?

Distributed Ledger löst Monopolstellung auf

Die Blockchain-Technologie könnte genau diese wichtige Harmonisierungsrolle übernehmen. Immerhin ermöglicht die Technologie den sicheren und dezentralen Austausch von Werten ohne Mittelsmänner oder zentrale Plattformen. Die Blockchain läuft dabei auf den Rechnern bzw. Servern des Peer-to-Peer-Netzwerkes, kontrolliert durch das Netzwerk selbst und nicht durch eine zentrale Instanz.

Vertrauen ist dabei ein Attribut, das die Relevanz der Blockchain-Technologie auszeichnet. Einige der Hauptargumente sind mehr Transparenz in den Transaktionen der verschiedenen Parteien, eine höhere Qualität und Präzision der Daten sowie der Schutz gegen Cyberkriminalität. Noch viel wichtiger: Die Blockchain kann eine neue Art von „Platform Cooperativism“ erzeugen. Produzenten von Plattformen können sowohl die Rolle des Zulieferers als auch die des Teilhabers der Plattform einnehmen. Und da es keinen zentralen Mittelsmann mehr gibt, ergibt sich eine Gleichverteilung unter den Teilnehmern, die das Wachstum der Plattform treibt.

Obgleich es theoretisch klingt, handelt es sich längst nicht mehr um reine Theorie. Das zeigen Start-ups wie Akasha, Steem.io oder Synereo, die soziale Netzwerke aufbauen ohne Mittelsmänner wie Facebook. Spannend ist auch Open Bazaar, ein dezentral gesteuerter Marktplatz. Auch im Bereich Carsharing gibt es bereits Beispiele wie Lazooz oder Arcade City, die zeigen, dass der Bedarf nach Mobilität nicht von einem Anbieter allein organisiert werden muss. Selbst für Airbnb gibt es bereits Konkurrenz: das Start-up Slock.it.

Mit der Blockchain-Technologie ergeben sich neue Möglichkeiten für ein „kooperatives“ Internet. Und auch für Plattformgeschäftsmodelle beginnt eine neue Ära: weg vom monopolistischen Plattformbetreiber hin zu einer Plattformgemeinschaft. Wer als Plattform aber an seiner Stellung festhält und nicht mit dem Wandel experimentiert, kann sich schnell in der Position derjenigen wiederfinden, denen er kürzlich noch die Wertschöpfung gedrosselt hat. 

Über den Autor

Matthias Walter ist Head of Platform & Blockchain Innovation bei T-Systems.