PLATFORM ECONOMY: Urknall der Wertschöpfung?

Ein Zulieferunternehmen verändert seine Position in der Wertschöpfungskette
Für den Erfolg plattformbasierter Geschäftsmodelle braucht es Entscheider, die Bedürfnisse organisieren, anstatt in Technologiekategorien zu denken. Und die gibt es: über ein Zulieferunternehmen, das seine Position in der Wertschöpfungskette verändert.
TEXT: Eva Rossner

Weiblich, kein Maschinenbaustudium und Digitalchefin eines Industrieunternehmens: Das ist Mamatha Chamarthi, verantwortlich für die Digitalisierung des Autozulieferers ZF Friedrichshafen. Chamarthi strafft dort seit September 2016 das Sammelsurium aus unterschiedlichen Digitalisierungsaktivitäten, um einem fragmentierten Portfolio eine ganzheitliche Ausrichtung zu geben. Letztlich soll dies zur angestrebten Technologieführerschaft bei automatisiertem Fahren, elektrifizierten Antrieben und integrierter Sicherheit führen, so ihr Plan.

1. GEWÜNSCHTE POSITION FIXIEREN

So weit, so gut – ein Technologiekonzern aus der Automotive-Branche, der sein Kerngeschäft stärkt, um künftig ein noch besserer Technologiekonzern zu sein. Dazu stellt sich ZF auf relevante Trends der Branche ein und bietet diejenigen Produkte und Dienstleistungen, die präferierte Kundengruppen erwarten. Doch warum will ein Digitalchef Herr der Technologie bleiben in einer Zeit, in der plattformgetriebene Netzwerkeffekte exponentielles Wachstum versprechen?

Chamarthi bezeichnet sich als „Digital Transformer in Chief“, und sie meint das ernst. Mit Blick auf das, was ihr Unternehmen derzeit umsetzt, dürfte Technologieführerschaft zwar das Ziel sein. Aber im Ergebnis geht es ZF um nichts Geringeres als eine neue Position in der Wertschöpfungskette. Diese hat Mamatha Chamarthi bereits lokalisiert und ebnet gerade den Weg dorthin.

2. PASSENDE TREIBER FINDEN

Chamarthis CDO-Organisation scoutet und kreiert Ideen, knüpft strategische Partnerschaften, beispielsweise mit dem Accelerator „Plug and Play“. Sie schafft Zugang zu den Ideen internationaler Technologieunternehmen. Relevante Ansätze werden von ZF gezielt gefördert, im Einzelfall bis hin zu einer Beteiligung. Kurz nach ihrem Antritt wurde dazu die Zukunft Ventures GmbH gegründet. Darüber hinaus entstehen aus der CDO-Organisation heraus Partnerschaften mit globalen Technologiekonzernen wie Microsoft oder dem chinesischen Suchmaschinengiganten Baidu, Treiber Künstlicher Intelligenz. Chamarthi betreut im indischen Hyderabat außerdem das neu gegründete Tech-Center, um Softwaretalente vor Ort zu identifizieren. Der Plan: bis zum Jahr 2020 eine Kapazität von 2.500 Ingenieuren aufzubauen. Sie geht davon aus, dass drei Viertel von ihnen an neuer Software für ZF arbeiten werden.

Bislang ist ZF bekannt für Antriebs- und Fahrwerktechnik, außerdem für aktive und passive Sicherheitssysteme. Intelligente mechanische Systeme werden auch weiterhin der Schwerpunkt sein – ergänzt durch neue, intelligente Lösungen und Geschäftsmodelle. Dazu bündelt die Digitalchefin auch die Innovationskraft im Konzern. „Ich denke, man sollte nicht eine Technologie in den Mittelpunkt stellen, sondern den Geschäftsansatz“, sagt Alexander Graf. Er leitet das Projekt Car E-Wallet bei ZF Friedrichshafen. Einfach gesagt, handelt es sich hierbei um das erste Blockchain- Auto, präziser formuliert um den ersten Anwendungsfall des Unternehmens, um auf Basis der Blockchain-Technologie digitale Services rund um das Auto abzurechnen. Das kann der Bezahlvorgang beim Betanken von Elektroautos sein. Hält das Fahrzeug beispielsweise vor einem Zebrastreifen, wird die Batterie per Induktion geladen und der zu zahlende Kleinstbetrag über Car E-Wallet abgerechnet. Aber auch Paketzulieferungen im Kofferraum oder die Vermietung privater Fahrzeuge über Carsharing-Portale sind potentielle Einsatzgebiete für die Technologie.

3. BEDÜRFNISSE ORGANISIEREN UND GESCHÄFTSMODELL ENTWICKELN

Der promovierte Elektrotechniker Graf gründete bei ZF Friedrichshafen im Jahr 2015 die Initiative IoT-Lab, die Geburtsstätte des Car E-Wallet. Das Projekt wird von der CDO-Organisation gesteuert, das IoT Lab ebenfalls. „Die CDO-Organisation kann nicht alle Digitalisierungsprojekte im Konzern führen, sondern öffnet Türen, generiert Ideen, sorgt für Rückendeckung“, wie Graf sagt. Im IoT-Lab beschäftigte sein Team zweierlei: Elektromobilität und autonom gesteuerte Mobilität. Klar war für die Beteiligten: Wie es derzeit angegangen wird, funktioniert beides noch nicht so recht. Die Fahrzeuge selbst seien nicht schuld, es fehle vor allem an Ideen, wie Mobilitätskonzepte sinnvoll miteinander vernetzt werden können.

Ein autonom fahrendes Fahrzeug steuert beispielsweise eine Familie am Samstagnachmittag in die Frankfurter Innenstadt. Die Insassen steigen aus, doch was macht das Fahrzeug? Es wird parken, diese Parkplätze müssen bezahlt werden, eine autonome Bezahlfähigkeit der Fahrzeuge ist also unabdingbar. Sie sollte so sicher sein, dass der Nutzer einer Maschine erlaubt, in den eigenen Geldbeutel zu greifen. Grafs logischer Schluss: Derzeit kann das nur die Blockchain-Technologie. Er hat sich das genau überlegt. Blockchain ist eine offene Architektur, die Transaktionen über Smart Contracts automatisiert und sicher darstellen kann. Deshalb wollte er auf Basis dieser Technologie eine Plattform bauen, die Serviceanbieter und Nutzer verknüpft.

4. ÖKOSYSTEM MODELLIEREN

Es gibt durchaus prominente Technologien wie Ethereum, allerdings sind das Public Blockchains. Ein Problem für Geschäftsprozesse, denn für seinen Ansatz wäre es nicht zielführend, wenn einzelne Transaktionen und ihre Häufigkeit von jedem einsehbar wären. Graf wollte für sein Vorhaben eine Private Blockchain mit dem entsprechenden Datendurchlauf haben. „Deshalb haben wir auch IBM mit an Bord geholt und nutzen die Hyperledger- Blockchain.“

In Hyperledger kann Graf nun Kanäle definieren, die entsprechend geschützt sind und die nur von berechtigten Personen eingesehen werden dürfen. Hyperledger bietet über die Endorsement-Technologie einen sogenannten Proof by Authority. So lassen sich Transaktionen gut absichern. Es handelt sich dabei auch um wesentlich schnellere Verfahren, die mehrere Tausend Transaktionen pro Sekunde ermöglichen. „Wir D können nicht warten. Heute sind in einer offenen Blockchain wie Ethereum 160 Transaktionen pro Sekunde möglich. Sobald unsere Anwendung skaliert und in einem Fahrzeug angewendet wird, würde uns selbst eine Verdreifachung dieser Leistung nicht genügen“, rechnet Graf vor.

IBM ist in diesem Konsortium Technologiepartner, außerdem arbeitet Graf mit der Schweizer Bank UBS zusammen. Doch ZF gibt dadurch nicht seine Position als Technologieexperte auf, im Gegenteil. Das Fahrzeug muss an die Technologie angeschlossen werden. ZF arbeitet hierfür an einer Technologielösung für die Integration der Blockchain ins Auto, eine Art Dockingstation. Der erste Prototyp wurde bereits in einem Auto verbaut. „Wir haben zwar keine Erfahrung in Finance, wir haben auch keine Serverlandschaft. Wenn es aber um Lösungserstellung, Integration und die Domäne Automotive geht, verfügen wir über geballte Technologiekompetenz“, sagt Graf.

5. MEHR SERVICES ANDOCKEN

Dieses Wissen verbindet er mit der passenden Geschäftsmentalität. „Die eine Hälfte unseres Teams sind technische Entwickler. Die zweite Hälfte ist mindestens genauso wichtig: das Business- Development.“ Mehrere Personen spinnen hier Netzwerkfäden und initiieren Partnerschaften, beispielsweise mit dem Parkraumbewirtschafter Apcoa oder dem US-Ladenetzspezialisten Chargepoint. Aktuell laufen Gespräche mit weiteren Serviceanbietern, dazu kann Graf allerdings noch nichts sagen.

Diese Art zusammenzuarbeiten sei bei ZF recht neu, berichtet er. Das Vorgehen habe sich aber gerade dann bewährt, wenn es sich um neue Kundenfelder handele, die sich nicht mit etablierten Prozessen abdecken ließen. „Auf Zulieferer warten spannende Optionen im Plattformgeschäft, um ihre Beziehungen zu OEMs und Serviceprovidern neu zu definieren und so auch neue Werte zu schaffen“, sagt der Blockchain-Experte. Das Ziel sei, überall dort eine zentrale Rolle zu spielen, wo Kunde und Anbieter aufeinanderträfen.

6. WERTSCHÖPFUNGSKETTEN AUFBRECHEN

Eine interessante Konstellation und vor allem ein Beispiel dafür, wie eine global gesteuerte CDO-Organisation letztlich eine Technologie nutzt, um die Wertschöpfungskette aufzubrechen. Nicht nur neue Geschäftsfelder können im Zuge dessen entstehen, sondern vor allem die Option auf eine neue Position – sehr viel weiter oben angesiedelt, als es jemals der Fall war. ZF ist heute Tier-1-Zulieferer, steht in der Wertschöpfungskette also hinter dem OEM, der den Endkunden versorgt. In Zukunft könnte das Unternehmen ein Anbieter für Software- und Systemintegration sein – weit über die Automobilindustrie hinaus.

Nicht umsonst bezieht sich Mamatha Chamarthi in ihrer Digitalstrategie auf die Entwicklung neuer Laufzeitdienste für Windkraftgetriebe. Denn auch in der Windkraftdivision von ZF gibt es Bestrebungen, als Plattformanbieter Neugeschäft aufzubauen. Die Frage lautet hier: Wie kann ZF künftig nicht nur intelligente Getriebe, sondern auch noch Wartungsservices verkaufen? Und mit wem? Bislang nehmen OEMs in der Windkraftbranche eine starke Position ein. Sie bieten nicht nur die Anlage selbst, sondern übernehmen den Betrieb in Form sogenannter Vollserviceverträge. Für den Besitzer einer solchen Windkraftanlage bedeutet das: Unabhängig davon, ob er nun eine perfekte Windphase nutzen könnte, steht der Servicemitarbeiter vor seiner Tür. Schickt der Betreiber diesen dann weg und nutzt lieber den Wind, auch auf das Risiko hin, dass seine Anlage nicht gewartet wird und ein Lager kaputtgeht? Oder schaltet er seine Anlage ab, lässt sie warten und verliert Umsatz? ZF könnte hier die Kompetenz als Mechaniklieferant in Verbindung mit dem Wissen über intelligente Mechatronik nutzen. Mit den passenden Partnern lassen sich Daten von der Windkraftanlage mit Daten über Wind und Wetter verknüpfen und so berechnen, wann es sich tatsächlich lohnt, eine Anlage zu warten.

Damit würde der einstige Zulieferer für Automotive-Technologie aber nicht den Platz zwischen seinen OEMs und den Endkunden einnehmen. Stattdessen könnte er sein Geld nun an einer weiteren Position in der Wertschöpfungskette verdienen: zwischen Serviceprovider und Endkunden. Im Fall des Blockchain-Autos wäre dies die Plattform für Betreiber von Ladesäulen und Parkinfrastruktur – oder eben der Plattformanbieter für Windkraftservices. „Wir haben die Wertschöpfungskette neu gedacht. Daher unser Credo: Man darf nicht von der Technik her denken, sondern muss Unternehmerschaft zurück in die Unternehmen bringen“, sagt Graf dazu.

DIE DIGITALCHEFIN: Mamatha Chamarthi, CDO, ZF Friedrichshafen

Mamatha Chamarthi ist Chief Digital Officer bei ZF Friedrichshafen. Sie absolvierte zunächst ein Englisch- und ein Betriebswirtschaftsstudium in ihrer indischen Heimat. Nach einem Informatik- und Wirtschaftswissenschaftsstudium in den USA startete sie 1996 als Programmiererin bei Daimler Chrysler. Dort war sie als Projektleiterin für die IT-Integration der beiden Vorläuferunternehmen sowie später als Programmanager für deren Trennung verantwortlich. 2010 wechselte sie als IT-Verantwortliche zu einem Energieunternehmen. Vier Jahre später kehrte sie in gleicher Position bei TRW in die Automobilbranche zurück. Im Sommer 2016 wurde Chamarthi zum CDO von ZF berufen.