BLOCKCHAIN 4 INDUSTRY

Über eine Technologie und ob der Hype berechtigt ist
Die Blockchain – ihre ökonomische Sprengkraft beschwören derzeit viele, doch die wenigsten wissen, wie man sie nutzt. Ist diese Technologie den Hype wert? Zwischen Euphorie und Zweifel: ein Gedankenspiel.
TEXT: Eva Rossner

Don Tapscott, US-amerikanischer Innovationsexperte und Ökonom, sagt: „Die Blockchain-Revolution ist nichts Geringeres als die zweite Generation des Internets.“ Sie verändere Institutionen und Gesetze des Geschäftslebens, Regierungen, Demokratie und Kultur. Er rät Entscheidern, enthusiastisch an der Blockchain- Nutzung teilzuhaben, da jedes Unternehmen, jede Institution, jede Regierung und jeder Mensch davon profitieren könne. Was sollen Digitalverantwortliche tun, wenn eine Technologie, die nur Kryptografen richtig verstehen, priorisiert auf der CEO-Agenda stehen soll?

1. KOMPLEXITÄT REDUZIEREN

Jamie Skella, ein US-amerikanischer Technologieexperte, veröffentlichte kürzlich einen Artikel mit dem Titel „A Blockchain explanation your parents could understand“. Seine Argumentation: Blockchain ist wie ein digitales Kassenbuch, in das jede Transaktion eingetragen wird. Von diesem Kassenbuch gibt es zahlreiche Kopien weltweit. Jeder neue Posten erscheint in jedem einzelnen Kassenbuch, wird dort gespeichert und von allen anderen Kassenbuchinhabern authentifiziert. Erst dann ist die Transaktion gültig. Da jede Zeile unveränderlich im Kassenbuch steht und zudem von Hunderten Kassenbuch- Computern authentifiziert werden muss, gelten Transaktionen über eine Blockchain als nahezu fälschungssicher. Skella rät in seinem Artikel dazu, das Potential der Technologie nicht an dem zu messen, was möglich sein könnte, sondern daran, was derzeit möglich ist. Die meisten Blockchain-Projekte seien nicht einmal umgesetzt, wie er sagt, es handele sich um eine erste Experimentierphase.

2. ÖKONOMISCHE EFFEKTE EINORDNEN

Von Zeit zu Zeit entstehen Hypes um eine Technologie. Dann ist es umso wichtiger, ihre Relevanz einzuschätzen, ohne sich dem Hype zu ergeben – oder dem Anspruch, die Technologie in ihrer Gänze zu begreifen. Im Vergleich zu Artikeln über die Blockchain, die mit Begriffen wie „Merkle Tree“, „Hashing“ oder „Mining“ um sich werfen, erstellt Skella eher eine Skizze – doch damit lässt sich arbeiten. Letztlich geht es um die Frage, was eine Technologie bewirken könnte und welche ökonomischen Effekte sich dadurch erzielen lassen.

In einem ersten Szenario könnten Blockchains schlichtweg zur Verbesserung von Prozessen führen und so langfristig Kosten reduzieren. Eine weltweit zugängige Datenbank über alle getätigten Transaktionen würde es beispielsweise möglich machen, Verträge günstiger abzuschließen und zu überprüfen. Selektiv könnte sie in Form von solchen Smart Contracts (siehe Artikel Blockchain-Technologie) zur Effizienzsteigerung beitragen, aber auch Effekte für einen ganzen Investitionsstandort haben.

Das wäre ein zweites Szenario, für das die Technologie weiter fortgeschritten sowie in den wirtschaftlichen und politischen Institutionen verankert sein müsste. Durch die Automatisierung von Backoffice-Prozessen ließen sich Personalkosten senken. Gerade für Produktionsstandorte mit hohen Lohnkosten zahlen sich Prozessoptimierungen aus. „Bislang besteht hier ein strategischer Nachteil im Vergleich zu Asien“, sagt Andreas Freitag, Manager bei der Strategieberatung EY. Wenn dieser durch die Blockchain- Technologie ausgeglichen werden könne, könnten Investitionen hierzulande stärker in wertschöpfende Arbeit wie R&D fließen. „Ich sehe ein großes Potential im öffentlichen Bereich“, fügt Freitag hinzu. Er spricht von Grundbucheinträgen, Firmenbüchern und Pensionskonten. Seine Rechnung: Wenn Unternehmen wissen, dass ein Grundbuch- oder Firmenbucheintrag heute der gleiche ist wie morgen, können sie auch in Ländern mit schwachen Compliance- Strukturen verlässlich investieren. Das schlagende Argument der Blockchain: Die Kontrolle über die Einträge würde staatlichen Instanzen entzogen und durch die Kontrolle vieler ersetzt, was in Märkten mit geringer oder mangelnder Rechtssicherheit entscheidende Investitionskriterien sein können.

Die Blockchain wird elementar für sämtliche Industrien, nicht nur dort, wo es virtuelle Produkte gibt, sondern vor allem für die Orchestrierung physischer Assets.

In einem dritten Szenario, das weiterhin von einer funktional begrenzten Nutzung der Blockchain ausgeht, könnten Wertschöpfungsketten sogar aufgebrochen werden und neue Geschäftsfelder entstehen. „Die Blockchain wird elementar für sämtliche Industrien, nicht nur dort, wo es virtuelle Produkte gibt, sondern vor allem für die Orchestrierung physischer Assets“, sagt Sebastian Ley, Principal Consultant bei der Managementberatung Horváth & Partners. Blockchain sieht er als einen wichtigen Baustein der Industrie 4.0. Ein CAD-Template beispielsweise könne über die Blockchain an die Maschine übermittelt werden, um den Zustand des zu produzierenden Teils zu überwachen.

Unternehmen, die tiefer in die Wertschöpfungskette eindringen wollen, können die Blockchain als Enabler nutzen. Ein Fertigungsunternehmen beispielsweise produziert heute, will morgen aber mit Services Geld verdienen. Um jene Tiefe in der Wertschöpfungskette zu erreichen, also die Möglichkeit, Logistikprozesse mit abzuwickeln, diese Systeme zu überwachen und so eine durchgängige Wertschöpfungskette zu kreieren, kann die Blockchain ein Lösungselement sein. Gerade bei Produktionstechnologien seien komplett individualisierte Produkte der Traum jedes Unternehmens, argumentiert Ley. Könnte man nun mittels der Blockchain einen Mechanismus auslösen, der Produkte „on demand“ produziere und die Logistik mit der Logistikkette von Amazon verknüpfe, so ließen sich selbst hochkomplexe Werkzeugteile innerhalb einer Stunde ausliefern. „Die Blockchain verknüpft mit neuen Produktionstechnologien, zusätzlich dockt sie an eine hocheffiziente Logistikkette an: So wird ein Schuh draus“, lautet seine Vision für die Zukunft der industriellen Wertschöpfung.

Schließlich, Szenario vier: die Peer-to-Peer-Gesellschaft. Wenn sich Informationen im Internet ohne Mittelsmann senden und speichern ließen und sogar der Austausch von Werten möglich würde, könnte dort eine stärkere oder sogar vollkommene Entkopplung von Unternehmen oder zentralen Plattformen stattfinden. US-Ökonom Tapscott geht davon aus, dass im Zuge dessen neue Geschäftsmodelle wie Pilze aus dem Boden sprießen und „traditionelle“ digitale Geschäftsmodelle ablösen würden. Digitale Plattformen sind für ihn bloße Service- Aggregatoren, die nebenbei wertvolle Daten sammeln, um sie zu monetarisieren. Das Vertrauensprotokoll der Blockchain indes mache diese obsolet. Mittels der Blockchain könnten die einzelnen Anbieter auf einer Plattform selbständig agieren und den größten Teil der Wertschöpfung auf sich vereinen. Das hätte Folgen: Alle Anbieter, die keine physische Infrastruktur besitzen, würden wegfallen, das sagt auch Sebastian Ley. Wenn Unternehmen indes über physische Assets verfügten, seien sie nicht substituierbar. Sein Rat an Industrieentscheider: „Bleibt bei eurer Kernkompetenz, kennt eure Assets. Denn wenn die Blockchain eines zeigt, dann das: Kapitalintensives Geschäft ist nicht tot.“

3. GRENZEN ABSCHÄTZEN

So sehr die Potentiale für die Industrie aus der Sicht von Ley auf der Hand liegen: Noch längst ist die Technologie nicht massentauglich, es fehlen Anwendungsfälle und das Wissen darüber, wie Entscheider die Blockchain in einer komplexen Organisation verankern können. Anfänglicher Enthusiasmus kann rasch dem Gefühl weichen, durch Honig zu schwimmen, anstatt etwas voranzutreiben. „Regulierung“, zählt Ley als ein Hindernis auf. So passe ein hochregulierter Datenschutz generell nicht zur Idee der dezentralen Speicherung von Daten. Das betreffe auch das Produktionsumfeld, sobald einzelne Netzwerke zum Endkunden hin geöffnet würden – was im Übrigen ein weiteres Hindernis darstellt: das Denken in Endto- End-Ketten über das eigene Geschäftsmodell hinaus. Das sei bislang eher selten in den Vorstandsetagen anzutreffen.

„Die Blockchain ist nur eine Technologie, aber die Organisation muss auch liefern können. Wir sehen oft, dass solche Vorhaben Lippenbekenntnisse bleiben, die im operativen Geschäft untergehen“, sagt Ley. Viele CEOs blickten neidisch auf das Silicon Valley, was er nicht nachvollziehen könne. Das führe zu nichts weiter als zu Denken in Defiziten. Dabei gehe es ihnen doch gar nicht so sehr um das, was sie nicht hätten, sondern um das, was ihnen zur Verfügung stehe – und wie sie es rasch umsetzen könnten. „Radikale Innovationen, dazu braucht es nicht nur Ideen, sondern vor allem Manager, die Aufbau und Ablauf solcher Prozesse garantieren. Viele aber wollen neue Wertversprechen mit alter Organisation – und scheitern schlichtweg an der Struktur.“

Radikale Innovationen, dazu braucht es nicht nur Ideen, sondern vor allem Manager, die Aufbau und Ablauf solcher Prozesse garantieren. Viele aber wollen neue Wertversprechen mit alter Organisation – und scheitern schlichtweg an der Struktur.

Dabei stellen derzeit nicht allein die Organisationen ein Hindernis dar, sondern auch die Grenzen der Technologie. Die Basisversion der Blockchain weist einen niedrigen Transaktionsdurchsatz auf, obwohl sie mit sehr hohem Energieaufwand betrieben wird. Es ist bislang unklar, ob sie jemals für die Anwendung in der Massenabwicklung tauglich gemacht werden kann. Im Zuge der explodierenden Bitcoin-Kurse jedoch werden immer wieder paradiesisch anmutende Zustände in Aussicht gestellt, in denen die Blockchain-Technologie höchste Geschwindigkeiten nebst vernachlässigbarer Kosten ermöglichen würde. Das sei ein Trugschluss, wie EY-Berater Andreas Freitag argumentiert. „Die größte Limitierung der Public Blockchain ist zurzeit ihre Skalierbarkeit“, entgegnet er. Wenn plötzlich die gesamte deutsche Industrielandschaft auf die Blockchain setzen würde, dürften die Vorhaben also an der schieren Anzahl der Vorgänge scheitern.

Ein aktuelles Beispiel aus dem Energiesektor macht die Herausforderung greifbar: Peer-to-Peer- Trading. Konsumenten handeln mit Energie in Echtzeit, und die Blockchain koordiniert den Handel virtuell. „Die ersten Projekte belasten zwar das Energienetz kaum merklich, doch für die Blockchain sind diese winzigen Transaktionsmengen schon zu viel“, sagt Freitag. Er geht davon aus, dass es in ferner Zukunft Blockchain-basierte Produkte gibt, die einzelne Communitys installieren und nutzen könnten, aber keine Großstädte wie Frankfurt oder Wien.

Leider bestehen auch einmalig hohe Investitionskosten für Anwender, um die Technologie überhaupt nutzen zu können. Entscheider sollten zunächst die laufenden Kosten in einer Public Blockchain genau kalkulieren, denn bisweilen seien diese sehr volatil und unterschieden sich je nach Anwendungsfall gewaltig, rät Freitag. In einer Public Blockchain würden größere Transaktionsvolumina von Daten natürlich teurer, da eine Transaktionsgebühr anfalle. Allerdings spare man sich die Kosten für Infrastruktur und Server. In privaten Chains indes könnten diese Kosten stark variieren, allerdings würden sensible Daten hier besser verwaltet. Ein Trade-off, den er flexibel nach Anwendungsfall und Datenmenge auflösen würde.

4. PLAYER KENNEN, TECHNOLOGIEDYNAMIK ERNST NEHMEN

Der Skalierbarkeit sind auch auf Seiten der bislang am Markt verfügbaren Frameworks Grenzen gesetzt. Umfangreiche Implementierungsprojekte sind Mangelware, vor allem im Industrieumfeld. Es fehlt an Erfahrungen, zudem an Budget, denn bislang befinden sich die Unternehmen in der Experimentierphase. „Das ist, als befinden wir uns im Jahr 1993 und wollten eine Website pro grammieren“, erklärt Freitag. Aktuell beobachtet er erste Player, die den Markt neu aufrollen und Verbesserungen vorantreiben, so beispielsweise die Ethereum Foundation, die im Bereich Public Chains gut aufgestellt sei. Außerdem gibt es einige Ethereum-Derivate wie Parity, Monax oder die Ethereum Enterprise Alliance sowie Anbieter wie Hyperledger. „Das ist ein Ökosystem an Anbietern, das immer größer wird“, sagt der Berater.

Die Blockchain-Community arbeitet mit viel Energie daran, auch diese Nutzungsschwellen zu senken. Allerdings bedeutet jede vorgeschaltete Benutzeroberfläche wieder eine neue Angriffsmöglichkeit für potentielle Betrüger. Freitag ist dennoch optimistisch; seine Prognose für die Zukunft der Blockchain: In zwei bis fünf Jahren sei die Skalierbarkeit gelöst, die Anbieterlandschaft bereinigt. „In fünf bis zehn Jahren wird die Blockchain eine Commodity sein und sich im Einsatz befinden wie heute relationale Datenbanken.“