INVESTITIONSTRENDS DER INDUSTRIE 4.0

Technologieinvestitionen von heute und morgen
Deutsche Industrieunternehmen planen immer größere Budgets für Industrie-4.0-Projekte. Dafür benötigte Technologien gibt es viele, doch welche sind relevant? Eine Studie zeigt, in welche Industrie-4.0-Technologien Entscheider heute investieren – und wohin Investitionen künftig fließen sollten.

Jedes zweite Unternehmen hierzulande hat erste Industrie- 4.0-Technologien in der Erprobungs- oder Pilotphase, jedes dritte Unternehmen hat erste Industrie- 4.0-Produkte im Angebot. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie „Technologische Trends in der Industrie 4.0“, die von der Managementberatung Horváth & Partners und der EBS Universität für Wirtschaft und Recht im Auftrag der Deutschen Messe AG durchgeführt wurde.

TECHNOLOGISCHER REIFEGRAD IN DEN UNTERNEHMEN

Der Fokus bei der Entwicklung von Industrie-4.0-Technologien liegt aktuell vor allem auf „Smart Products“. Nur rund 27 Prozent der befragten Unternehmen sind hier noch nicht aktiv. „Industrie 4.0 ist damit in vielen Industriebetrieben längst gelebte Realität“, sagt Ralf Sauter, Partner bei Horváth & Partners. Mit Hilfe von „Smart Products“ wie Sensoren oder Microcontrollern kann zum Beispiel bei hochkomplexen Prozessen und hoher Stückzahl die Fehlerquote gering gehalten werden. Zu den ersten fünf von den Befragten als am relevantesten bezeichneten Technologien gehört die Echtzeit-Rückmeldung für ERP- bzw. MES-Systeme. Die Realtime-Vernetzung beschleunigt beispielsweise die Umsetzung einer digitalen Steuerung einer Fabrik. Außerdem zählen Microcontroller, die Energieeinsatzoptimierung, Human-Machine- Interfaces und mobile Bedienund Steuerungssysteme aktuell zu den Top-10-Technologien auf dem Shopfloor.

Ihre zentrale Rolle für die Investitionsentscheidung ist vor allem damit zu erklären, dass die meisten Entwicklungsschritte auf diesen Basistechnologien beruhen. „Man darf trotz des Hypes um Geschäftsmodelle nie vergessen, dass Technologien für Sensorik, Aktorik, Prozessorik und Kommunikation die zentralen Enabler der ganzen Industrie- 4.0-Story sind“, ordnet Jens Butschan, Projektmanager Advanced Development bei der Festo AG, die Ergebnisse ein. Doch was, wenn es um größere Technologieinvestitionen geht, wenn beispielsweise ganze Produktionsnetze und Wertschöpfungsketten vernetzt werden?

WIRTSCHAFTLICHE BEDEUTUNG FÜRS ZUKUNFTSGESCHÄFT

In nächster Zeit halten die Unternehmen die genannten Basistechnologien noch für wirtschaftlich relevant, doch ihr Blick in die Zukunft zeigt: Das höchste Wachstumspotential vermuten sie in den Bereichen intelligente Produkte, Technologien zur Vernetzung und vernetztes Produktsystem, denn Basisprodukte und -technologien allein werden die Kundenanforderungen nicht zufriedenstellen können. Deshalb bewerten die Unternehmen mittelfristig (in den kommenden drei Jahren) vor allem solche Technologien mit hohem Wachstumspotential, die eine automatisierte Predictive Maintenance oder autonomes Maschinenlernen sowie eine kabellose Gerätesteuerung möglich machen. Darüber hinaus werden künftig diejenigen Technologien von den Entscheidern favorisiert, die den Aufbau ganzer Ökosysteme ermöglichen, so beispielsweise das Tracking der Inter- und Intralogistik sowie die Mustererkennung unstrukturierter Daten. Auf Basis dieser Technologien können Produktsysteme in der Produktion eigenständig planen, kommunizieren und Aufträge ausführen.

WO INVESTITIONEN HINFLIESSEN SOLLTEN:
DIE TOP-10-TECHNOLOGIEN DER INDUSTRIE 4.0

Quelle: Deutsche Messe AG, EBS Universität für Wirtschaft und Recht, Horváth & Partners Legende: Differenz zwischen aktuellem Reifegrad und wirtschaftlicher Bedeutung in drei Jahren (Handlungsindex; Skala von 0 = sehr gering bis 100 = sehr hoch)

Interessant ist hierbei Folgendes: Während die befragten Unternehmen Lösungen für die vorausschauende Wartung derzeit noch wenig Bedeutung beimessen (sie ist nicht einmal in den Top-10-Technologien genannt worden), wird die Technologie mittelfristig bereits den fünften Platz im Ranking der bedeutendsten Technologien belegen. Was außerdem auffällig ist: Der absolute Spitzenreiter im Hinblick auf den wirtschaftlichen Bedeutungszuwachs sind Virtual- und Augmented-Reality-Technologien. Cloud-Lösungen indes, einst als Industrietechnologie schlechthin bezeichnet, haben nach Einschätzung der Befragten eher eine geringe Bedeutung für Investitionen. Die Studienexperten nehmen an, dass die Hürden des Datenschutzes die Cloud-Anbindung unattraktiv machen, aber auch generelle Bedenken bezüglich der Datensicherheit bestehen. Im Zuge der zunehmenden Vernetzung von Anlagen und Geräten wird Datensicherheit immer wichtiger. Daher bescheinigen die Befragten Industrial-Cyber-Security- Lösungen künftig ebenfalls eine große Relevanz für ihre Investitionsentscheidungen.

WO LIEGT DER STÄRKSTE HANDLUNGSDRUCK?

In welche Technologiefelder sollten Industrieentscheider nun investieren, wenn sie ihren Geschäftserfolg künftig absichern wollen? Investitionen lohnen sich besonders in den Bereichen „Smart Operations“ sowie „Data- driven Services“. So können Unternehmen die Effizienzsteigerung und die Informationsgewinnung sowie den Ausbau neuer datenbasierter Dienstleistungen vorantreiben, um das Produktund Serviceangebot zu erweitern. Der Wettbewerbsdruck ist in diesen Feldern noch vergleichsweise gering. Die erwartete Zuwachsrate bei der wirtschaftlichen Bedeutung in den nächsten drei Jahren ist mit mehr als 50 Prozent deutlich höher als in Technologiebereichen wie „Smart Factory“ oder „Smart Products“.

In der Studie wurden zehn Technologiefelder definiert, für die der Handlungsdruck in Form eines Top-10-Rankings aufgelistet und so gewissermaßen ein Investitionsleitfaden für Einzeltechnologien erstellt wurde (siehe Abbildung oben). Auf Platz 1 stehen Industrial-Cyber-Security- Konzepte, dicht gefolgt von Virtual und Augmented Reality sowie additiven Fertigungsverfahren. Die letzten beiden Plätze belegen Industrie-4.0-Komponenten und die automatisierte Bilderkennung. Das Ranking bildet die Differenz ab zwischen der künftigen wirtschaftlichen Bedeutung und dem aktuellen Reifegrad einer Technologie. Die automatisierte Bilderkennung sollten Entscheider in ihrer Investitionsentscheidung demnach im Vergleich zu Cyber-Security- Lösungen depriorisieren. Die Technologie hat einen höheren Reifegrad, zeichnet sich also durch einen relativ hohen Wettbewerb aus, da sich derzeit viele Unternehmen auf den Weg machen, marktfähige Produkte herzustellen. Gleichsam wird das wirtschaftliche Wachstumspotential nicht als sonderlich hoch eingeschätzt, weshalb eine solche Investition durchaus risikobehaftet sein kann.