Das große Rennen

Was der Effizienz-Fokus mit der hiesigen Wettbewerbsfähigkeit macht
Viele Unternehmen hierzulande digitalisieren ihre bestehenden Prozesse, die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle priorisieren sie hingegen nicht, wie eine aktuelle Studie zeigt. Welche Konsequenzen hat der Effizienz-Fokus für die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts?
TEXT: EVA ROSSNER

Das Rennen um neue Geschäftsmodelle läuft. Weltweit bereiten sich Unternehmen der unterschiedlichsten Branchen darauf vor, Daten zu sammeln und wertschöpfend zu nutzen. Allerdings setzen deutsche Firmen derzeit noch andere Prioritäten. In vier von fünf deutschen Unternehmen hat die Digitalisierung zwar Einzug gehalten. Dort möchte der Großteil der Entscheider das eigene Geschäftsmodell jedoch nicht antasten. Bei neun von zehn Befragten bleiben die Erlösmodelle dieselben wie bislang. Den meisten Befragten geht es vielmehr um die Digitalisierung bestehender Leistungen und Abläufe. Darüber hinaus nimmt nicht einmal die Hälfte der Befragten an, dass „Big Data“ einen relevanten Einfluss auf ihr Geschäftsmodell haben könnte. Wie ein Unternehmen Geld verdient und woher das Geld kommt, bleibt also gleich. Was man kennt, wird dafür effizienter genutzt: So gehen deutsche Entscheider die Digitale Transformation an, wie die Ergebnisse der aktuellen Studie „Digitalisierung – Der Realitäts-Check“ zeigen, die Anfang November von der Managementberatung Horváth & Partners veröffentlicht wurde. Gemeinsam mit dem Dienstleister Forsa befragten die Berater 200 Unternehmensentscheider unterschiedlichster Branchen.

Doch welche Folgen für die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen hat es, dass die Entscheider die Digitale Transformation zunächst auf Effizienz ausrichten? Immerhin könnte der Eindruck entstehen, als würden sie zunächst einmal nicht allzu viel ändern wollen, darüber jedoch künftige Entwicklungen aus den Augen verlieren. Wer Kosten spart und die Effizienz steigert, mag seine Produkte womöglich heute schneller an den Markt bringen – und wenn es gut läuft, auch kostengünstiger. Doch die Einsparung von Kosten verhindert nicht, dass ein Wettbewerber das effizient erzeugte Produkt bereits morgen obsolet macht. Schlanke Prozesse ändern daran erst einmal nichts.

1. EFFIZIENZ IST NICHT GENUG

Rainer Zierhofer, Partner bei Horváth, ist verwundert über die Priorisierung der Unternehmen. Zwar sollte man die Unterschiede in den Branchen beachten, wie er sagt. In der Finanzindustrie fassen beispielsweise nur 7 Prozent der Unternehmen ihre Erlösmodelle an, weil die Institute bereits einen großen Teil der Wertschöpfung digital erbrächten. Sie nennen das Thema „Erlösmodelle“ daher nicht so oft. Das erkläre aber nicht, warum dennoch so viele Unternehmen auf ihre bestehenden Abläufe setzen. „Die Konzentration auf Effizienz allein reicht nicht, um die Digitale Transformation eines Unternehmens erfolgreich zu bewerkstelligen“, wie er sagt. Dennoch verwehrt er sich, den Effizienz-Fokus als solchen abzustrafen.

ENTSCHEIDER VERSPRECHEN SICH VON DER DIGITALISIERUNG VOR ALLEM EINES: MEHR EFFIZIENZ

2. HYBRIDE KUNDENBEDÜRFNISSE

„Unternehmen initiieren heute einen Transformationsprozess, der sicherlich bis ins Jahr 2030 und darüber hinaus reicht“, sagt Zierhofer. Auf diesem Weg müssten sie alle Kunden mitnehmen, und es sei nun mal nicht so, dass alle Kunden direkt neue Geschäftsmodelle forderten. Kunden setzen derzeit vor allem auf Effizienz und Zeitersparnis. Warum also sollten Unternehmen diesem Bedürfnis nicht nachkommen, fragt er.

3. EFFIZIENZ GENERIERT SCHNELLER NUTZEN

Selbst wenn sich Unternehmen neuen Geschäftsmodellen zuwendeten, dürfen sie alte nicht zum Versiegen bringen, fügt Zierhofer hinzu. Sobald ein Unternehmen an der Schnittstelle zum Kunden einen analogen Prozess plötzlich über eine elektronische Plattform oder App laufen lasse und so auch noch den internen Produktionsprozess verkürze, sei das eine realisierte Effizienzsteigerung. Daher sei es durchaus ein relevanter Wettbewerbsfaktor, Digitalisierung dort zu betreiben, wo sie am schnellsten Nutzen generiere.

DER EINFLUSS DER DIGITALISIERUNG AUF EINZELNE UNTERNEHMENSBEREICHE IST UNTERSCHIEDLICH

4. SCHLANKE PROZESSE SIND DER ANFANG

Was Zierhofer dem Effizienz- Fokus ebenfalls zugute hält: Die Unternehmen schaffen so die notwendigen Voraussetzungen, um Geschäftsmodelle erfolgreich digitalisieren zu können. Denn existierende Organisationen und Systeme so weit zu verbessern, dass Digitalisierung einen Mehrwert für den Kunden liefere, sei der erste Schritt. Gerade produzierende Unternehmen halten die Optimierung ihrer Prozesse und die Vermeidung von Verschwendung für zentrale Ansätze beim Übergang zur Fabrik der Zukunft, wie er sagt. Eine schlanke, entscheidungsfähige und damit effiziente Aufstellung der gesamten Organisation werde so gewissermaßen zum Taktgeber der Digitalen Transformation.