CEDO-TALK

Digitale Geschäftsmodelle der deutschen Industrie
Warum Internetfirmen verstärkt auf Hardwareprodukte setzen und wie Industrieunternehmen ihr Datengeschäft treiben: Der aktuelle CEDO-Talk über Plattformstrategien und was es braucht, um bei der Verzahnung von Soft- und Hardware die Nase vorn zu haben.
TEXT: EVA ROSSNER

Hinweis: CEDO-Talk 2016

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CEDO im Praxisdialog: Wofür es CDOs braucht

Lange Zeit waren die Rollen eindeutig verteilt: auf der einen Seite US-amerikanische Tech-Giganten, die mit Daten ihr Geld verdienten, auf der anderen Seite die deutsche Industrie, die mit dem Verkauf großer Maschinen oder Komponenten handelte. Doch derzeit scheint es, als wollten alle in dieselbe Richtung: Industrie- und Internetkonzerne arbeiten gleichermaßen am Aufbau eines digital veredelten Hardwareportfolios, das als verbindendes Element einzelne Softwareservices in ein digitales Ökosystemen integriert.

B2C-DYNAMIK NICHT AUF B2B ÜBERTRAGBAR

Die Verzahnung leuchtet ein: Sie gibt dem Anbieter mehr Kontrolle über die wertschöpfenden Elemente und bewahrt den direkten Kontakt zum Kunden. Nur: Wer hat bessere Karten, als Sieger aus dieser Verzahnung hervorzugehen? Die traditionellen Softwarehäuser mit ihren Programmierspezialisten und weitreichenden Erfahrungen im Umgang mit komplexen Daten? Oder die klassischen Hardwareunternehmen, die über gewachsene Kundenbeziehungen und branchenspezifisches Anwenderwissen verfügen? Der Wettlauf ist offener denn je. Was das Rennen um digitale Geschäftsmodelle jedoch besonders macht: Die Entwicklung von geschlossenen Systemen im B2B-Umfeld funktioniert anders als im Consumer- Umfeld. „Der Vergleich hält nicht immer stand“, präzisiert Ralf Sauter, Partner bei Horváth & Partners Management Consultants. Hier wie dort seien Daten zwar „das neue Gold“, Produktionsdaten im Maschinenbau seien jedoch ungleich geschäftskritischer.

DR. RALF SAUTER

Horváth & Partners

Dr. Ralf Sauter ist Partner und leitet den Bereich Industrial Goods & High-Tech bei Horváth & Partners Management Consultants. Seit über 20 Jahren berät er Unternehmen der produzierenden Industrie in den Bereichen Strategie, Innovation, Performancesteigerung und Unternehmenssteuerung.

 „Wenn jemand weiß, ob ich am Wochenende im Skiurlaub war, tut mir das nicht weh. Wenn Unternehmen jedoch den Kern ihres Wettbewerbsvorsprungs in die Cloud laden, ist das etwas ganz anderes“, sagt er. Sobald beispielsweise ein Konkurrent aus Asien diese Daten nutze, könne er ähnlich produktiv fertigen wie ein deutsches Unternehmen. Daher sei die deutsche Industrie bei ihrem Datengeschäft sehr zurückhaltend, was er gut nachvollziehen könne. Bevor die Datensicherheit nicht gewährleistet wäre, könne er sich nicht vorstellen, dass Unternehmen den Schritt in Richtung Plattform antreten.

FOKUS AUF KONKRETEN NUTZEN

„Industrieunternehmen sind zögerlich, weil dahinter riesige Maschinenparks stehen und Mitarbeiter, die nicht einfach auf Bedarf bestellt oder abbestellt werden. Das ist einfach eine andere Komplexität, als es in der Softwareentwicklung der Fall ist“, sagt Patrick-Benjamin Bök. Was bei Weidmüller einst mit simplen Klemmen begann, wird derzeit zu elektronisch und digital aufgerüsteten Verbindungen. Zum einen forciert das Elektronikunternehmen digital veredelte Produkte, die in der digitalen Fabrik die Datenübertragung optimieren. In Zusammenarbeit mit Belden Inc., einem Anbieter von Signalübertragungslösungen, hat Weidmüller beispielsweise eine modulare Infrastrukturbox für die Anbindung von Fertigungsmodulen entwickelt. Die Schnittstelle sorgt für die standortübergreifende Erfassung von Fertigungsinformationen im Internet der Dinge. Seit 2014 setzt das Familienunternehmen zudem auf die Nutzung der Daten aus der eigenen Produktion und entwickelt daraus softwarebasierte Geschäftsmodelle. „Wir haben eine eigenständige Analytics-Abteilung aufgebaut, die unseren Kunden speziell auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene Lösungen liefert“, erklärt Bök den Ansatz des Industrial- Analytics-Geschäfts.

Das Applikationswissen aus dem Kerngeschäft sei ein wesentliches Element der Unternehmensstrategie, um sich als Automatisierungs- und Lösungsanbieter und nicht mehr einzig als Komponentenhersteller zu positionieren. „Hier etwas Neues zu entwickeln, das ist mit einem ganz anderen Risiko verbunden, als würden wir ein rein virtuelles Geschäft betreiben.“ Ein weiterer Grund für die Zurückhaltung: Gerade Zulieferer sind oftmals in einem Nischenmarkt tätig, ein neues Geschäftsmodell muss dort eine sehr konkrete „Bereicherung“ darstellen. Industrial Analytics stifte einen konkreten Nutzen: Ein Anlagenausfall könne früher vorhergesagt werden. 

URSULA SCHNEIDER

Ernst & Young

Ursula Schneider ist Senior Manager Mobility Innovation in der Strategieberatung der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young. Sie unterstützt Unternehmen der Automotive-Branche, insbesondere bei der Entwicklung und Umsetzung von Mobilitätsangeboten im städtischen Raum.

„Doch hier können wir nichts einfach ausprobieren und darauf warten, dass sich irgendwann ein Geschäftsmodell daraus entwickelt“, erklärt Bök den Ansatz bei Weidmüller. „Wenn wir keinen sehr cleveren Nutzen bieten, bezahlt niemand dafür. Wir müssen uns also immer fragen: Für wen machen wir das digitale Geschäftsmodell?“ Denn während das Preis-Leistungs-Verhältnis bei Facebook für einen Nutzer genau genommen katastrophal sei, spiele der Preis für ein Industrieunternehmen eine erhebliche Rolle. „Das ist sogar der Treiber.“

ZENTRALER SCHLÜSSEL: DIGITAL VEREDELTE HARDWARE

Der Schaeffler-Konzern arbeitet daran, Herstellern und Betreibern von Maschinen und Anlagen ein integriertes System aus Hardware und Software zu bieten. So positioniert sich der Konzern als Hardwareproduzent, der digitale Komponenten der Branche versteht. Anfang des Jahres reiste der Automotive-Zulieferer mit dem „Bio-Hybrid“ nach Las Vegas. „Wir erforschen die Mobilität von morgen. Der Bio-Hybrid ist eine Reaktion auf eine veränderte Markt- und Nachfragesituation, wir testen mit der Studie ein neues Geschäftsfeld“, erklärt Gerhard Baum, Digitalchef bei Schaeffler. Der Bio-Hybrid kann aber auch Teil eines breiteren Geschäftsmodells sein, da er in ein digitales System integriert werden kann und dabei Daten liefert. Nun ist der Bio-Hybrid nicht als Serienprodukt geplant. Auf der CES hieß es, dass gemeinsam mit einem Partner womöglich eine Testflotte denkbar wäre – doch das ist nicht der Zweck des Prototyps. Er weist vielmehr die Richtung, in die der Konzern steuert: „Schaeffler verfügt über jahrzehntealtes Wissen in der Fertigung von Präzisionskomponenten wie Lagern. 

DR. PATRICK-BENJAMIN BÖK

Weidmüller Group

Dr. Patrick-Benjamin Bök ist Vice President Global Factory Digitalization & Intelligence bei der Weidmüller Group. Bök ist seit 2014 für Weidmüller tätig und begann dort als Assistent des Vorstandsvorsitzenden.

Die statten wir derzeit mit Sensoren aus, überall dort, wo sich Bauteile bewegen, liefern wir Daten aus erster Hand“, sagt der Digitalchef. Solche Daten beeinflussen nicht nur den Fahrkomfort oder die Sicherheit der Insassen. „Hochmechatronische Bauteile wie ein Wankstabilisator können Daten generieren. Korreliert mit einem Kartensystem, wären sogar neue Fahrfunktionen denkbar“, sagt Baum. Im Verbund mit einer hochauflösenden GPS-Positionsbestimmung und einer intelligenten Auswertung können Straßenschäden an nachfolgende Fahrzeuge oder Infrastrukturbetreiber gemeldet werden.

NETZWERKEFFEKTE FÜHREN ZU PLATTFORMKAPITALISMUS

In den vergangenen Jahren hat Ralf Sauter ein Umdenken in der hiesigen Industrie beobachtet, das durch Entwicklungen aus dem Consumer-Bereich getrieben worden ist. Ein Maschinenbauer habe noch vor wenigen Jahren niemanden in die Fertigung gelassen, heute dürften dessen Kunden unter bestimmten Umständen sogar auf die Produktionsdaten zugreifen. „Komponentenzulieferern bietet sich eine enorme Chance“, sagt Sauter, da derzeit die Automatisierungspyramide gewissermaßen auf den Kopf gestellt werde. Die unterschiedliche Integration der einzelnen Systeme erfordere, einzelne Funktionalitäten als Dienste zu bündeln und zu einem flexiblen Netzwerk zu verbinden. Die klassische Automatisierungspyramide könne sogar durch ein Netzwerk aus verteilten, dezentralen Systemen abgelöst werden. Diese Netzwerkeffekte können weitreichende Veränderungen zur Folge haben. Derzeit bemerkt Ursula Schneider zunehmendes Interesse und Investment in Plattformgeschäftsmodelle. „Künftig werden auch in der Industrie sehr viele Plattformen entstehen, von ganz unterschiedlichen Anbietern getrieben.“ Nach einer Konsolidierungsphase seien dann erste Kannibalisierungseffekte sichtbar, wie sie vermutet, aus vielen halbintegrierten Plattformen würden zwar wenige, dafür aber sehr große und mächtige Plattformen entstehen.

„Als Datenanbieter geht es um die Frage, auf welche der Plattformen man gehen will – oder eben muss“, sagt Schneider. Analytics-Experte Bök schätzt die Entwicklung ähnlich ein. Ein Familienunternehmen wie Weidmüller würde sich jedoch sehr genau überlegen, ab wann es mit seinen Daten auf eine Plattform aufspringe. „Das hängt stark davon ab, ob sie den entsprechenden Nutzen generiert. Entscheidend ist die industriespezifische Ausrichtung, denn für jede Industrie wird es etwas geben, dass die jeweiligen Belange berücksichtigt.“

GERHARD BAUM

Schaeffler AG

Gerhardt Baum ist CDO und verantwortet die Digitale Transformation der Schaeffler AG. Er war zuvor Vice President Automotive Industry Europe bei IBM. In der Autoindustrie war Baum zuvor für Daimler in der Forschung und Entwicklung tätig.

INFRASTRUKTUR DER ZUKUNFT: CLOUD

Schaeffler arbeitet daran, Hardware, Software und das passende Ökosystem auf die Straße zu bringen. Der Konzern generiert Daten nicht nur, sondern wertet sie auch aus – und wäre in der Lage, auf Basis der Ergebnisse gezielte Optimierungsvorschläge für produzierende Unternehmen zu liefern. „Um die Daten zu verarbeiten, bevorzugen wir eine eigene Schaeffler- Plattform. Uns mit anderen Plattformen zu vernetzen ist das Ziel. Teil einer großen Industrieplattform zu sein, das ist nicht unser Plan.“ Die Wertschöpfung müsse unter der eigenen Kontrolle möglich sein, betont Baum. Aktuell arbeitet das Unternehmen eigens an einem geschlossenen System. Zumindest schaut alles danach aus, als würde Schaeffler seine Produkte und Services unter einem digitalen Dach bündeln. 

EVA ROSSNER

CEDO

Eva Rossner ist verantwortliche Redakteurin von CEDO und moderierte die Interviewrunde.

Das „Smart Ecosystem 4.0“ soll eine von Schaeffler bereitgestellte Cloud-basierte Soft- und Hardware- Infrastruktur bieten, die von den sensorischen Komponenten bis zu digitalen Services alle Stufen der digitalen Wertschöpfung umfasst. Die konkreten Ergebnisse werden auf der Hannover Messe im April vorgestellt, spannend dürfte es dann vor allem bei den dazugehörigen Geschäftsmodellen werden.

Der CEDO-Talk

CEDO lädt Digitalverantwortliche und Berater regelmäßig zum exklusiven Gespräch, um den Austausch voranzutreiben. Ende Januar traf sich die Redaktion mit zwei Unternehmensvertretern der Zulieferindustrie und zwei Beratern, um das Thema „Digitale Geschäftsmodelle entwickeln“ intensiver zu diskutieren. „Die Zukunft des Plattformkapitalismus in der deutschen Industrie“ war einer von zahlreichen Themensträngen.