Industrieplattformen

Junger Markt für neue Geschäftsmodelle
Die Plattform ist das digitale Geschäftsmodell schlechthin. Was aber bieten die aktuellen Industrieplattformen, auf welche Geschäftsmodelle setzen die Anwender? Was Plattformen können, was Anwender suchen, und welche Marktdynamiken wichtig sind: ein Überblick.

Das jüngste Mitglied des Clubs ist erst wenige Wochen alt: SAP Leonardo. Die Plattform des größten deutschen Softwarekonzerns widmet sich dem industriellen Internet der Dinge (Industrial Internet of Things, IIOT). SAP bündelt so seine Lösungen für Connectivity und Analytics und bietet Anwendungen für vernetzte Produkte, Maschinen und Anlagen. Der Anbieter ist eher ein Nachzügler und reiht sich ein in eine recht große Runde aus teils sehr unterschiedlichen Industrieplattformen.

ANBIETER

WAS DIE PLATTFORMEN KÖNNEN

Der Markt ist derzeit noch unübersichtlich. Auf den ersten Blick ist nicht immer erkennbar, welchen Mehrwert die einzelnen Plattformen für ein Unternehmen bieten. Auffällig ist, dass sich neben den altbekannten Industriegrößen wie Siemens, Bosch, Trumpf und General Electric auch die Softwareunternehmen in diesem Markt tummeln. So hat nicht nur SAP eine eigene IoT-Plattform aufgebaut, auch Microsoft, Amazon, T-Systems und IBM bieten IoT-Lösungen im Rahmen ihrer Cloud-Dienste an. Und auch weniger bekannte IT-Unternehmen sind in den Markt eingestiegen, beispielsweise der US-Anbieter PTC mit Thingworx oder der Kölner IT-Dienstleister QSC mit einer selbst entwickelten Plattform, die vom Tochterunternehmen Q-Loud angeboten wird.

Allen gemein ist das Ziel, die Komplexität von Lösungen für das Internet der Dinge und die Industrie 4.0 zu senken und den Anwendern einen leichten Einstieg in die Welt der vernetzten, smarten Produkte und Services zu bieten. Damit richten sie sich in erster Linie an Unternehmen aus der Industrieproduktion, die keine eigene IoT-Infrastruktur aufbauen möchten – aus Kostengründen, aber auch wegen des größeren Know-hows der Experten.

ANWENDER

WAS DIE UNTERNEHMEN SUCHEN

Ein typischer Anwender ist das Maschinenbauunternehmen Gehring aus Ostfildern, das Spezialmaschinen für die Oberflächenbearbeitung herstellt. Es visualisiert und analysiert die Daten seiner Werkzeugmaschinen seit neuestem mit Hilfe der Siemens-Lösung Mindsphere. Dabei geht es in erster Linie darum, die Zeiten mit Maschinenstillstand möglichst stark zu reduzieren. Die Plattform macht dafür den Zustand aller angeschlossenen Maschinen transparent und vergleichbar. Außerdem erhält der Betreiber eine Prognose über den Verschleiß und die verbleibende Nutzungsdauer.

Das Mindsphere-Pilotprojekt des Maschinenbauers zeigt einige der Möglichkeiten dieser Plattformen. Gerade für die Zukunft der Produktion sind technische Lösungen zur horizontalen und vertikalen Vernetzung das Zünglein an der Waage. Gehring beispielsweise könnte allein durch die Ausstattung der Produkte mit Sensoren Daten über das Kundenverhalten erheben und daraus neue Dienstleistungen ableiten. So würde das Unternehmen selbst zum Betreiber einer Plattform, über die Produkte oder Daten verschiedener Anbieter getauscht werden. Das wäre ein neues Geschäftsmodell, das den Anwender gewissermaßen zum Anbieter werden lässt. Gehring könnte als Teil seines Geschäftsmodells Daten über die Plattformnutzer sammeln und deren „Einkaufsverhalten“ analysieren. Daraus ließen sich Empfehlungen ableiten, um beispielsweise die Lagerhaltung zu optimieren oder mit dem Kunden Ideen für neue Produkte zu entwickeln.

„Es gibt zwei Stoßrichtungen für die Unternehmen“, fasst es Patrick Vollmer zusammen. Er ist Geschäftsführer für den Bereich Industrial Equipment bei der Strategieberatung Accenture und Experte für Industrieplattformen. Unternehmen würden durch den nach innen wirkenden Einsatz von Plattformen beispielsweise Bereiche wie Produktion und Supply- Chain miteinander zu einem „Digital Enterprise“ verknüpfen. Auf der Marktseite seien digitale, produktnahe Services möglich, die oft disruptiv neue Geschäftsmodelle und Mehrwertdienste zur Folge hätten.

MARKTDYNAMIK I

ZUM APP-STORE WERDEN

Sollte nun jedes Unternehmen seine eigene Plattform auf den Markt bringen? Wohl kaum, denn mit Plattformen verhält es sich ähnlich wie mit Werkzeugmaschinen: Nicht jeder Hersteller entwickelt sie selbst. Für bestimmte Branchen oder Produktionsverfahren gibt es Standards. Die großen Anbieter haben dies erkannt und streben etwas Ähnliches bei den Plattformen an. Dafür müssen sie allerdings möglichst viele Anforderungen der Anwender berücksichtigen. An diesem Punkt kommt eine Besonderheit der Plattformen ins Spiel. Sie können mehrseitig gestaltet werden, so dass Geschäftsbeziehungen von den Nutzern nicht nur zu den Plattformanbietern, sondern zu weiteren Partnern möglich sind.

Das Modell hierfür ist der Appstore von Apple, der einen Großteil des iPhone-Erfolgs ausmacht. Übertragen auf eine Industrieplattform bedeutet dass, dass jeder Nutzer zugleich auch Anbieter von speziellen Apps für diese Plattform werden kann. Damit sind beispielsweise Schnittstellen und Konnektoren zu anderen Anlagen und Softwarelösungen gemeint. Ein einfaches Beispiel: Wenn ein Smart-Home-Hersteller die Sensordaten bestimmten Käufern zuordnen möchte, benötigt er eine Schnittstelle zu einer Lösung für das Kundenmanagement. Das Potential einer Plattform für ein bestimmtes Unternehmen liegt in genau solchen „Apps“. Die Möglichkeit, Daten zu ermitteln und Anlagen zu steuern, reicht noch lange nicht aus. Erst wenn viele Aufgaben und Funktionen rund um die Produkte mit Hilfe einer Plattform erledigt werden können, wird sie zu einem unverzichtbaren Werkzeug für den Nutzer.

Genau diesen Weg gehen die Plattformanbieter. Es ist bereits absehbar, dass auf mittlere Sicht die Herstellung ohne den Einsatz von Industrieplattformen auf dem Rückzug ist. Denn zum einen werden nicht vernetzte Werkzeugmaschinen und nicht via Internet steuerbare Anlagen langsam aus den Unternehmen verschwinden und durch die neue Gerätegeneration mit Netzanschluss ersetzt. Ältere Maschinen lassen sich häufig auch durch Retrofitting bereit für das Internet der Dinge machen.

Zum anderen werden immer mehr Endprodukte mit einer Netzanbindung ausgestattet, beispielsweise alles rund um das Smart Home oder die Medizintechnik. Auch diese Weiterentwicklung der Produkte erhöht die Relevanz von Industrieplattformen, denn die Käufer möchten natürlich eine komfortable Benutzeroberfläche und eine sichere Datenübertragung haben. Das spricht für Standards und große Anbieter. Doch für welchen der zahlreichen Plattform-Provider sollen sich Industrieunternehmen entscheiden?

MARKTDYNAMIK II

OFFENE PLATTFORMEN INTEGRIEREN ALLE SYSTEME

„Die Unternehmen sehen sich einer strategischen Entscheidung für bestimmte Partner als Betreiber der Plattform und deren Geschäftsmodelle gegenüber“, betont Patrick Vollmer von Accenture. Er sieht drei Entscheidungsoptionen: Die Unternehmen können sich an die großen Marktführer und Plattformbetreiber wie Siemens (Mindsphere), GE (Predix) oder Bosch (IoT Suite) halten. Eine zweite Möglichkeit sind die Angebote von Industriespezialisten wie Kuka oder Kaeser, die ein „Enabler“ für ihre Anlagen und die zugehörigen Dienstleistungen sind. Und drittens gibt es die Anbieter horizontaler Vernetzungen, wie Microsoft, Amazon, Q-Loud oder PTC, die branchenübergreifende Plattformen anbieten. In jedem Fall stellt sich die Frage, ob sich das Unternehmen von einem einzelnen Anbieter abhängig machen will oder nicht. Wenn bereits die Hälfte der vorhandenen Anlagen mit Siemens-Technologie automatisiert ist und Siemens nun auch noch die Plattform stellen soll – ist das eher ein Vorteil oder eher ein Nachteil? Die Gefahr einer Abhängigkeit ist groß, doch auf der anderen Seite fällt natürlich die Integration der vorhandenen Systeme in die Plattform leichter.

„Einfache Antworten darauf sind nicht möglich“, meint Vollmer. „Mit welcher Plattform ein Unternehmen gut bedient ist, hängt ganz von der Branche, der Heterogenität des Maschinenparks und auch der Vertragsgestaltung in Sachen Datensicherheit und Weiterverwendung von Daten ab“, sagt er. Grundsätzlich sind offene Plattformen empfehlenswert, und auch die Anbieter gehen verstärkt dazu über, nicht nur ihre eigenen Produkte zu berücksichtigen. So hat Trumpf seine Plattform Axoom für andere Anbieter geöffnet. Schwerpunkt ist hier neben dem IIoT auch die Steuerung von Produktionssystemen, so dass die Entscheidung für Axoom ganz unabhängig vom Einsatz eines Trumpf-Produkts getroffen werden kann. Doch auch die konkurrierenden Plattformen werben damit, dass Fremdsysteme integriert werden können. Die Offenheit geht sogar so weit, dass etwa Bosch seine IoT-Lösung über verschiedene Public Clouds, wie Microsofts Azure oder Amazons AWS, bereitstellt. Der Vorteil für die Nutzer ist die unkomplizierte Integration vorhandener Lösungen. Ein Beispiel: Wer seine Produktion mit Dynamics 365 auf Azure steuert, kann die IoT-Daten ohne lästige Datenübertragung direkt weiternutzen.

MARKTDYNAMIK III

SEHR VIELE EXPERIMENTE

Das alles klingt danach, als sei die Welt der industriellen Plattformökonomie vollkommen in Ordnung. Ein Mausklick – und jeder ist an Bord. Das stimmt leider nicht, es wird vielmehr fleißig experimentiert. So arbeiten manche Unternehmen mit mehreren Plattformanbietern zusammen, um die beste Plattform durch einen direkten Abgleich mit der Usability im Alltagsgeschäft zu bestimmen. Die aktuelle Marktsituation bedeutet aber auch, dass mit einiger Wahrscheinlichkeit nicht alle Plattformen die nächsten Jahre überleben werden. Derzeit ist die Gefahr eines Flops noch gering: „Der Markt befindet sich in einem sehr frühen Stadium, deshalb ist eine Konsolidierung noch weit entfernt“, fasst Stefan Bley, IoT-Experte von Ernst & Young, seine Erfahrungen zusammen. „Irgendwann werden sich die Anwender den Anbietern mit dem größten Komfort und dem meisten Nutzen zuwenden.“ Das werde allerdings nicht wie im Endkundenmarkt ein Quasi-Monopolist sein. Industrieplattformen seien kein „Winner takes it all“- Markt, findet Bley. Dafür seien die Unterschiede zwischen den Branchen zu groß und ein Switch der Plattform in eine andere Branche zu komplex. Dies bedeute, dass der Markt für Industrieplattformen in Zukunft sicher recht breit bleiben wird.

Zudem gibt es auch andere Plattformmodelle, die Potential für die Industrie haben. Ein Beispiel ist die Stahlhandelsplattform von Klöckner oder die Altpapierbörse von Voith, die im Moment nur in den USA betrieben wird (siehe CEDO, Ausgabe #3). Bley sieht hier noch längst nicht alle denkbaren Konzepte verwirklicht. Ein mögliches Geschäftsmodell ist laut seiner Einschätzung eine Anwendung zur Belegung von ungenutzten Maschinenlaufzeiten. Dabei gehen die Aufträge nicht mehr direkt an die Fertiger, sondern an die Plattform. Sie wäre ein Vermittler des Typs Airbnb: Industrieunternehmen bieten ihre Fertigungsaufträge an, die Fertiger selbst melden ihre freien Kapazitäten nach Volumen sowie Zeitspanne an. Die Plattform sorgt dafür, dass Angebot und Nachfrage passgenau vermittelt werden. Bley: „So etwas gibt es bereits im Transportgeschäft. Portale für die Vermittlung von Transportbedarf sind sehr erfolgreich.“ Solche Überlegungen zeigen deutlich, dass die Plattformökonomie erst ganz am Anfang steht. Unternehmen sollten übereilte oder gar zu große Schritte vermeiden, doch auch nicht zögern, die Bedeutung der Plattformen für ihre eigene Wirtschaftstätigkeit in Pilotprojekten herauszufinden.