Moonshots

Wie Visionäre die DNA der Industrie umschreiben
Fliegende Autos, Hyperloops und Leben auf dem Mars: Was gerade aus dem Silicon Valley kommt, sind keine Spinnereien. Es entstehen neue Schlüsseltechnologien, Wertschöpfungsketten werden neu definiert. Wie Moonshots die weltweite Industrie in die Zukunft katapultieren.
TEXT: Eva Rossner

If schedule holds there will be two Falcon 9 launches within 48 hours (Cape & Vandenberg) this weekend“, schrieb Elon Musk kürzlich auf Twitter. Gegenwärtig reißen die Nachrichten über Moonshots nicht ab, jene Projekte, die ähnlich ambitioniert klingen wie damals die Mondlandung. Entscheider wie der Tesla- Chef investieren in Technologien abseits des Kerngeschäfts aus einem bestimmten Grund. Mit Space X bringt Musk nicht nur die neue Variante eines bestehenden Produkts – Raketen – auf den Markt, sondern er editiert die Grundsätze des Weltraumgeschäfts um, und zwar dermaßen stark, dass er den Preis um ein Vielfaches senkt und den Zugang zum Markt gänzlich neu definiert. Indem Space X recycelbare Raketenteile nutzt, treibt es die Kommerzialisierung des Weltalls voran. Etablierte Raketenhersteller wie Lockheed, Boeing und Airbus drohen, ein weitgehend risikoloses Milliardengeschäft zu verlieren. Schon jetzt kostet ein Flug mit der „Falcon 9“ von Space X nur noch 62 Millionen US-Dollar – weit weniger als die Raketenstarts der Konkurrenz, die Kostenersparnisse durch das Recycling noch gar nicht mit eingerechnet.

TREND 1

F&E WIRD SEHR VIEL STRATEGISCHER

„Moonshots sind ein strategisches Instrument, um unvorhersehbares Zukunftsgeschäft zu entwickeln“: Andreas Faass, führender Manager bei Siemens, findet eine nüchterne Beschreibung für die Kraft, die die Moonshot-Projekte gegenwärtig entfalten. Mit Moonshots kreieren Unternehmen neue Märkte, und zwar Märkte, von denen kein Marktforscher je erwartet hätte, dass es sie in dieser Form geben wird. Faass arbeitet ebenfalls an einer Art Moonshot, ein Kooperationsprojekt von Siemens und Airbus, in dem es darum geht, elektrische Antriebe für Fluggeräte zu entwickeln, die es heute noch gar nicht gibt. Faass geht davon aus, bis 2030 einen ersten elektrisch betriebenen Airliner mit bis zu 100 Sitzen in die Luft zu bekommen, der von Frankfurt nach Paris fliegt. „Sicherlich sprechen wir bei Antriebssträngen von Produkten, doch letztlich können sich auf Basis der Antriebstechnologie auch neue Anwendungen und Geschäftsmodelle ergeben. Wir wissen noch nicht, welche, aber man sollte das Feld früh bestellen, um ernten zu können.“ So weit der klassische Moonshot-Ansatz, übertragen auf das deutsche Ingenieurwesen.

Faass war 2009 zu Tesla nach Kalifornien ausgewandert. Dort hatte er Hochvoltspeicherbatterien entwickelt, die hauptsächlich im Model S zum Einsatz kommen. 2013 begann er, bei Google X an fliegenden Windturbinen zu arbeiten. „Ich habe den elektrischen Antriebsstrang für den aktuellen Energy-Kite mitentwickelt. Das ist das erste kommerzielle Produkt“, berichtet er. Laut Google X, der F&E-Abteilung des Suchgiganten, könnten heutige Windkraftwerke mit jenen Energy-Kites weitaus effizienter arbeiten. Die fliegenden Windturbinen sind – ähnlich wie ein Drachen – über ein Kabel mit einer Bodenstation verbunden und schweben in Kreisbewegungen am Himmel. Sie würden 50 Prozent mehr Strom erzeugen als herkömmliche Windkraftwerke, so Google X. Der Energy-Kite, den Faass mitentwickelt hat, ist noch nicht auf dem Markt, soll aber bald kommen. Dann könnten Energiekonzern wie Eon oder RWE die Technologie kaufen, um alternative Energie preisgünstiger anzubieten. Und Google hätte einen Platz auf dem Markt für saubere Energie erobert.

TREND 2

PRODUKTINNOVATION FÜR SKALIERBARE GESCHÄFTSMODELLE

Was viele Pioniere eint, sind ihre Wurzeln, die ganz woanders liegen: Industrieprodukte zur Energiegewinnung zählen nicht zum Kerngeschäft eines Suchmaschinengiganten wie Google. Elon Musk hat seinen Erfolg mit dem Onlinebezahldienst Paypal begründet. Auch Amazon-Gründer Jeff Bezos, der mit Blue Origin ebenfalls eine Weltraumfirma aufbaut, kommt aus der Internetbranche. Inzwischen zeigt sich, dass E-Commerce und andere hoch profitable Web-Geschäftsmodelle de facto die Basistechnologie für industrielle Durchbrüche im Hardwarebereich sind – wie etwa Raketen.

"Der aktuelle Trend geht weg von der Innovation virtueller Dienstleistungen hin zu reinen Produktinnovationen."

Der aktuelle Trend geht weg von der Innovation virtueller Dienstleistungen – jeder möchte Daten sammeln und sie zu Services verarbeiten – hin zu reinen Produktinnovationen. Der Kern dieses Produktfokus ist die Skalierbarkeit der Geschäftsmodelle. Musk, Bezos und die Google-Gründer sind nicht an Produkten für die Energie- oder Raumfahrtindustrie interessiert, sie nutzen sie als Wachstumshebel. 

Das Kerngeschäft von Google ist die Verarbeitung von Daten. Deshalb sucht Alphabet gerade nach der nächsten Milliarde Nutzer. Sie könnten in Schwellenländern zu finden sein, im mobilen Sektor – oder eben im Energiesektor. Technologietreiber wie Künstliche Intelligenz befähigen die Google-Tochter Deep Mind, die Energieeffizienz von Rechenzentren zu verbessern. Aktuell gibt es sogar Pläne, wie mittels der Google-Technologie der Stromverbrauch Großbritanniens um 10 Prozent gesenkt werden kann.

ONLINE-SPECIAL

MOONSHOTS – Wegweiser der Industrie

„ICH BETREIBE KEIN MANAGER-BASHING“

Investor Frank Thelen über die strategische Relevanz von Moonshot-Technologien, darüber, welche Experimente Entscheider hierzulande ernst nehmen sol lten – und warum.

FEATURE: MOONSHOT TRANSPORTWESEN

Aus den Hintergrundgesprächen: Andreas Faass/Siemens skizzier t die effektivsten Netzwerke und Er folgsfaktoren für Moonshots; Mar tin Losekamm/Hyperloop gibt Einblicke in aktuelle und künf tige Moonshots aus der Raumfahr t.

Eine solche Diversifikation passt auch zu der Idee, das Risikokapital gleichmäßig zu verteilen. Ob es fliegende Windturbinen sind oder eine neue Version der Netzauslastung: Viele der Investments werden sich als fehlallokiert herausstellen, doch niemand weiß genau, welche. Wenn man das notwendige Geld hat, zahlt es sich aus, die Investments ins Neugeschäft breit zu streuen und nach Zeichen für rapides Wachstum Ausschau zu halten. Übertragen auf Elon Musks Strategie bedeutet das:

Sein Kerngeschäft ist die Entwicklung von Schlüsseltechnologien für industrielle Güter und Industriedienstleistungen. Kurzfristig könnten Akteure wie Musk oder auch Bezos vom Raketen- ins Satellitengeschäft springen. Ihre Trägerraketen sind jetzt schon die Basistechnologie, um über neue Satellitenkonstellationen Breitbandinternet in jeden Winkel der Erde bringen. Erst die gesunkenen Transportkosten der wiederverwendbaren Raketen machen dies möglich.

"Es geht um nichts Geringeres als den Zugang und die Kontrolle über die wichtigsten industriellen Wertschöpfungsströme."

Langfristig aber wollen Akteure wie die beiden Tech-Pioniere die Welt nicht mit neuen Satellitensystemen und Breitbandinternet beglücken. In seinem kürzlich veröffentlichten Strategiepapier konkretisierte Musk seine Pläne für die Besiedelung des Mars. Aktuell würde ein Ticket dorthin etwa 10 Milliarden US-Dollar pro Person kosten. Ihm schwebt ein Ticketpreis von rund 200.000 Dollar vor. Die Wiederverwertbarkeit der Raketen ist einer der zentralen Faktoren bei seiner Rechnung zur Kostenersparnis. Wenn die Eintrittsbarrieren ins Weltall derart gesenkt werden, könnte Musk die Gewinnung von Rohstoffen und Energie für Schlüsseltechnologien in den Weltraum auslagern. Bemannte Raumflüge sind der nächste Meilenstein auf diesem Weg – Skalierbarkeit im ganz großen Maßstab.

TREND 3

SCHLÜSSELTECHNOLOGIEN FÜR ÖKOSYSTEME

Vom Ende her gedacht heißt das, Musk würde die komplette Wertschöpfungskette für Industriegüter neu definieren – oder zumindest die Besetzung der relevanten Positionen. Dann wären es nicht mehr Nationen wie China oder bestimmte Gebiete in Afrika oder Russland, woher deutsche Industrieunternehmen ihre Rohstoffe beziehen. Unternehmen wie Bosch, die derzeit Milliarden in die Chiptechnologie stecken, liefern dann Sensoren für Musks Autos oder seine Batterietechnologie – und die dafür notwendigen Rohstoffe kaufen sie bei ihm selbst. Musk wäre Herr eines industriellen Ökosystems, beginnend bei der Ressourcenversorgung über den Zugang zu relevanten Märkten bis hin zur dazugehörigen Infrastruktur. Zugegeben, das klingt nach einem James-Bond-Film, und auf dem Weg dorthin muss noch sehr viel passieren. Zudem ist Musk nicht der Einzige, der Raumfahrzeuge auf fremden Himmelskörpern mit neuem Treibstoff versorgen will, um dort Rohstoffe zu fördern. Doch die Kommerzialisierung der Raumfahrt ist Plattformkapitalismus in Reinform. Es geht um nichts Geringeres als den Zugang und die Kontrolle über die wichtigsten industriellen Wertschöpfungsströme.

Space X arbeitet am Hyperloop, einem Transportsystem, das Menschen und Lasten mit bis zu 1.200 Kilometern pro Stunde befördern soll.

Und Musk verschafft sich nicht nur Zugang zur Raumfahrt, er will außerdem tief unter die Erde, um dort einen weiteren neuen Markt zu schaffen – und natürlich wieder die dafür relevanten Schlüsseltechnologien samt Infrastruktur bereitzustellen. Space X arbeitet am Hyperloop, einem Transportsystem, das Menschen und Lasten mit bis zu 1.200 Kilometern pro Stunde befördern soll. Die Grundidee, wie eine Kapsel bei Unterdruck möglichst schnell durch eine Röhre rasen kann und Menschen oder Fracht transportieren soll, stammt von ihm, das Antriebssystem ebenfalls.

Die Entwicklung des Produkts und der dazugehörigen Teiltechnologie hat er an die Technische Universität München ausgelagert. Er begleitet alles als Mentor. Die Studenteninitiative WARR entwickelt für Space X die passenden Bremssysteme, das Kompressions- und das Levitationssystem.

TREND 4

KAMPF DER GIGANTEN

Space X treibt die Marktreife des Hyperloops nebenbei voran, was aber nicht zu verwechseln ist mit nebensächlich. Denn auch der Zukunftsmarkt Transportwesen könnte von Musk mit Schlüsseltechnologien in den dazugehörigen Produkten und dem passenden Ökosystem bedient werden. „Für ihn laufen Transport und Mobilität unterirdisch und elektrisch ab. Musk bietet das dazu nötige Gesamtkonzept“, erklärt Martin Losekamm, der an der Technischen Universität München studiert und sich beim WARR-Projekt engagiert. Musk will mit seiner Boring Company ein riesiges Untergrundnetzwerk aus Tunneln errichten, die in bis zu 30 Schichten über- und untereinander verlaufen. Autos werden über Aufzüge nach unten gefahren, auf elektrisch betriebene Schlitten gesetzt und dann durch Röhren geschossen. Beim Hyperloop könnte Musk also wieder die Technologie, das Produkt und die Infrastruktur bereitstellen. Ganz abwegig ist die Idee des unterirdischen Transportwesens nicht, derzeit interessiert sich der Bürgermeister von L.A., Eric Garcetti, für ein Tunnelnetzwerk unter seiner Stadt, das Expressstrecken von A nach B ermöglichen würde.

Obwohl es beim Hyperloop um ein Herzensprojekt geht, das er mit viel Engagement neben seinem Studium begleitet, rechnet Losekamm nüchtern: „Aus technischer Sicht sehe ich keinen Grund, warum man so viele Tunnel bauen sollte, das ist sehr teuer.“ In der Luft müsse niemand Infrastruktur anlegen, es brauche nur das Gefährt, das vertikal in unterschiedlichen Ebenen arbeiten kann. Wenn die Luftfahrt als direkter Konkurrent zum elektrisch betriebenen Hyperloop Fortschritte machen würde, die Kostenbasis also unschlagbar sei, dann lohne sich der Hyperloop nicht. Wenn dies jedoch nicht gelänge, sei es wiederum etwas anderes. Wenig überraschend: Parallel zum Hyperloop arbeiten andere Pioniere an fliegenden Autos, Industrieriesen wie Airbus stehen kurz davor, ebenfalls einzusteigen.

Niemand weiß, welche der vielen unternehmerischen Visionen am Ende Realität wird. Fest steht aber: Mit ihren Moonshots bringen sich die Akteure in Stellung und definieren die Zukunftsmärkte. Die industrielle Wertschöpfung könnte künftig auf dem Mond beginnen und tief unter der Erde noch lange nicht enden. Auch einige deutsche Industrieunternehmen haben sich bereits auf den Weg gemacht, wie die Siemens/ Airbus-Kooperation im Bereich Luftfahrt zeigt. Der Industriestandort Deutschland insgesamt hat aber noch einen weiten Weg vor sich. „Moonshots sind eine Frage der Einstellung. In Deutschland dominieren oft lange Innovationszyklen, Produkte durchlaufen zähe Marktforschungsphasen. Mit dieser Herangehensweise erzeuge ich kleine Verbesserungen, aber keine Moonshots“, sagt Andreas Faass.