Online Special: „Ich betreibe kein Manager-Bashing“

Frank Thelen bemängelt das risikoaverse Verhalten der hiesigen Industrieentscheider, gerade dann, wenn es um die Erschließung neuer Märkte geht. Der Investor und CEO der e42-Gruppe im Gespräch über die strategische Relevanz von Moonshot-Technologien, darüber, welche Experimente Entscheider hierzulande ernst nehmen sollten – und warum.
TEXT: Eva Rossner

Herr Thelen, Sie haben 2016 in das bayrische Start-up Lilium Aviation investiert. Das Unternehmen arbeitet an ultraleichten Elektroflugzeugen, die irgendwann das Auto ersetzen sollen. Warum setzen Sie auf Moonshots?

Als Investor durchläuft man unterschiedliche Technologiezyklen. Ich muss mich immer wieder fragen: Was ist die nächste Welle? Derzeit wird der Transport neu erfunden. Elektromotorbetriebene Mobilität ist die Zukunft. Dieser Technologiesprung wird bestehende Industrien völlig verändern und neue Industrien hervorbringen. Wir wollen so früh wie möglich wissen, in welche dieser neuen Industrien wir vordringen müssen.

Sie zählen nicht zu den Ersten, sondern folgen eher einer Reihe an Moonshot-Akteuren, allen voran Elon Musk, der bereits sehr früh auf elektrische Antriebe und vertikale Mobilität gesetzt hat. Warum ist genau jetzt der richtige Zeitpunkt für fliegende Autos?

Der Markt ist reifer geworden in den vergangenen Jahren. Als Elon Musk 2009 mit der Entwicklung von elektrischen Antriebssträngen begonnen hat, fanden alle das E-Auto bescheuert. Man lachte ihn regelrecht aus. Und dann ein elektrisch betriebener Jet? Da haben die meisten Leute bis vor kurzem noch das Gleiche gesagt. Das sei ein unrealistischer Traum, das könne unmöglich funktionieren. Vor eineinhalb Jahren gab es dann dieses 100-Millionen-Investment von Google-Gründer Larry Page, spätestens da waren Elektrojets kein Hype mehr. Der Markt ist aufgewacht. Unternehmen wie Uber mit ihrer Elevate-Plattform befeuern diese Dynamik weiter. Ich bin mir sicher, dass die Industrie für Vertical Landing in 15 Jahren ähnlich groß sein wird wie die heutige Autoindustrie. 

Ist das gut oder schlecht?

Für die deutsche Industrie könnte es eng werden. Wertschöpfung generieren die neuen Industrien. Wir müssten die Basistechnologien für diese neuen Industrien liefern, aktuell tun wir das aber nicht, sondern überlassen die neuen Märkte Unternehmen wie Google, Facebook, Uber oder Tesla. Wenn sich die Unternehmen hierzulande nicht verändern, werden wir in 15 Jahren ein armes Land sein.

Was beobachten Sie?

Wir leben von den industriellen Lorbeeren der vergangenen Jahrzehnte. Es ist wie bei einem Frosch, der in einem sich langsam erwärmenden Wasser sitzt. Er wird sterben. Setzt man ihn hingegen ins kochend heiße Wasser, springt er raus. Um bei diesem Bild zu bleiben: Das Wasser hierzulande erwärmt sich zusehends. Die aktuelle Marktkapitalisierung ist ein erstes Indiz. Die Wertentwicklung von vier großen Unternehmen aus dem Silicon Valley frisst den gesamten DAX auf – mit allem, was wir bislang groß und stark finden. Und das wird in der industriellen Realität ankommen, dann werden wir nicht nur Arbeitsplätze verlieren, sondern im weltweiten Wettbewerb massiv zurückfallen.

Wie lautet Ihr Rat an die Entscheider?

Sie brauchen mehr Killer-Instinkt, es gibt zu wenige Leute, die durch die Wand laufen wollen – und es auch können.

Deutschlands Entscheider sind schwach?

Die meisten Großunternehmen werden von älteren Herren geführt, die in diesen Organisationen jahrzehntelang immer weiter aufgestiegen sind. Diese „Lehmschicht“ in deutschen Konzernen ist ein Problem, da immerzu Bestehendes reproduziert wird. Entscheider sollten ihre Organisationen deshalb umbauen. Im Vorstand würde ich neben dem CEO einen zweiten CEO installieren, der denkt und handelt wie Jeff Bezos und Elon Musk.

Das klingt nach einem Superhelden, den es in der realen Welt nicht gibt.

Es braucht keinen Superhelden. Wir sollten uns einfach sehr viel aggressiver bewegen. Das ist ein schwieriger Prozess, zugegeben. Shareholder werden nervös, aber es gibt keine Alternative. Die Energieindustrie beispielsweise: In Deutschland gibt es das Start-up Sonnen, die das Thema Energie komplett neu überdenken. Warum kaufen Eon oder RWE dieses Unternehmen nicht? Google hat Android gekauft, Zuckerberg hat Instagram gekauft, wir bewegen uns indes im Krebsgang voran.

Wenn es um das Backing von Start-ups geht: Ist das M&A-Portfolio der deutschen Industrieunternehmen nicht ausreichend gefüllt?

Doch, durchaus, vor allem das der Autobauer. Sie haben die relevanten Moonshots im Blick, diese aber zu spät gesehen. Zudem treiben sie ihre Moonshot-Projekte nicht ernsthaft voran. Ich sehe wilde Concept-Cars, erhalte Hochglanzprospekte vom neuen Elektro-Golf, kaufen kann ich ihn aber erst 2020. Die Autoindustrie macht lustige Präsentationen, entwickelt aber keine ernstzunehmende Technologie – und Elon Musk baut währenddessen eine eigene Batteriefabrik. Die deutsche Autoindustrie hätte das auch tun können, hat sich aber nicht getraut. Die Unternehmen wollen keine 20 Milliarden Euro investieren. Das tun jetzt andere.

20 Milliarden Euro, in dieser Größenordnung investieren auch Sie nicht, Ihr VTOL- Jet ist zudem noch nicht marktreif, oder?

Wir betreiben Seed-Finanzierung, beteiligen uns also in der Anfangsphase mit maximal 500.000 Euro. Bei Lilium Aviation haben wir bislang keine konkrete Summe genannt, sind allerdings mit mehreren Hunderttausend Euro beteiligt. Hier gehen wir ordentlich ins Risiko. Und was unsere Taktung angeht: Wir ticken in Monaten. Wir bauen gerade den 5-Sitzer, den 2-Sitzer überspringen wir und bringen ihn erst gar nicht auf den Markt. Dazu brauchen wir sehr schlaue Köpfe, und die werden wir einstellen. Lilium Aviation hat führende Leute der Flugzeugindustrie gewonnen – von den beiden großen Flugzeugherstellern, zudem von Tesla. 2017 wird es noch einige dieser Talent-Storys geben, zudem mehr Kapitalisierung. Wir werden sehr viel mehr Kapital holen, da bin ich zuversichtlich. Es ist eine völlig andere Stimmung am Markt. Und bis 2020 werden wir nicht nur am Produkt feilen.

Dennoch, Sie sind bekannt dafür, deutsche Industrieunternehmen und ihre Entscheider besonders eng in die Mangel zu nehmen, allen voran die Autobranche. „Null digitalisiert“, „kennen den Krieg nicht“, um nur einige Ihrer Zitate zu nennen. Hand aufs Herz: Gehen Sie hier nicht etwas zu hart ins Gericht?

Ich betreibe kein Manager-Bashing, sondern weise auf ein riskantes Marktverhalten hin, das in letzter Konsequenz einen kompletten Wirtschaftsstandort in die Bedeutungslosigkeit abdriften lassen könnte. In der deutschen Industrie wurde jahrzehntelang jedes Jahr 2–3 Prozent optimiert, doch diese Rechnung stimmt nicht mehr. Technologietreiber wie Cloud, KI, Blockchain, 3D-Druck und viele mehr haben uns sozusagen ins „Zehnmal so viel“-Zeitalter katapultiert. Das neue Tesla-Model ist nicht nur ein bisschen schneller als andere Sportwagen, sondern schneller als der schnellste Sportwagen. Zudem fährt das Model S selber und hat acht Jahre unlimitierte Garantie. Diesen Zehnmal-schneller-Modus, den müssen wir lernen, sonst werden wir zum Entwicklungsland. Und das geht schneller, als wir es uns vorstellen können. Seit wenigen Tagen ist Tesla mehr Wert als BMW, das ist verrückt, oder?

Interessante Moonshot-Technologien gibt es aber auch hierzulande. Wo passiert etwas Wichtiges, und was?

Derzeit sitzen die Technologietreiber im Silicon Valley. Das sind nicht nur solche Player, die mit Software und Datenverarbeitung Geld verdienen, dort wird die Schlüsseltechnologie für die Märkte der Zukunft entwickelt. Nach dem Silicon Valley kommt lange nichts, vielleicht irgendwann China als Hotspot für Hardware, allen voran Shenzhen. Aber die 100-Milliarden-Dollar-Unternehmen stehen im Silicon Valley, und Elon Musk treibt die nächste Industriegeneration. Das wird abstrahlen auf die Auto- und die Energieindustrie, auf die Luft- und Raumfahrt – und es wird zwangsläufig zu neuen Industrien führen, in denen wir bislang keine zentrale Position in der Wertschöpfungskette übernehmen.

Europa steht nicht einmal auf Ihrer Karte für die industrielle Zukunft?

Ich sehe Potential. Wir haben viele kluge Köpfe, wir bauen auf Fairness, schätzen unsere Umwelt und Nachhaltigkeit, wir neigen nicht zum Überkommunizieren, also alles in allem saubere und ethisch gute Denker und Arbeiter. Diese Eigenschaften müssen wir zusammenbringen mit der „Zehnmal so schnell“-Dynamik. Dafür brauchen wir Bildung, Kapital und Idole. Am besten einen Deutschen Elon Musk. Uns fehlen die großen Denker – mal ganz abgesehen von den Kapitalgebern, die abends an einer Bar einen 100 Millionen Euro Scheck schreiben.