Auf eigene Rechnung

Finanzierungsoptionen der Industrie 4.0
Bislang werden Industrie-4.0-Investitionen meist über den Cashflow finanziert. Doch damit die vierte industrielle Revolution wirklich durchstarten kann, bräuchte es deutlich mehr Finanzierungsmöglichkeiten. Nur: Bislang weiß niemand, wie eine Investitionskostenrechnung 4.0 geht.
TEXT: Boris Karkowski

Alle sprechen über Industrie 4.0 –doch nur wenige machen es wirk-lich selbst. Nur etwa vier von zehn deutschen Industrieunternehmen nutzen die neuen digitalen Mög-lichkeiten bereits, ergab eine Ende 2016 veröffentlichte Studie von EY. Dabei erachten doppelt so viele Unternehmen das Thema für sich als strategisch relevant. Den-noch ist der Anteil der Anwender gerade einmal zwei Prozentpunk-te höher als im Vorjahr. Insbeson-dere die kleinen und mittleren Unternehmen liegen zurück – an-gesichts der Finanzierungsstruk-tur der bisherigen Investitionen ist das allerdings wenig verwun-derlich. Knapp 5 Prozent des Unternehmensumsatzes werden im Durchschnitt jährlich in die In-dustrie 4.0 investiert. Unter den Industrieunternehmen gelten der zu hohe Investitionsbedarf und die mangelnde Qualifikation beim Personal als größte Hemmnisse. Rund 40 Prozent der Mittel fließen bislang in Personalinvestitionen.

Rund 40 Prozent der Mittel fließen bislang in Personalinvestitionen. Dabei waren die Ankündigungen noch vor zwei Jahren ganz andere: 40 Milliarden Euro sollten jährlich in die Industrie 4.0 inves-tiert werden; bis 2020 – so eine PwC-Studie – würden 80 Prozent der Industrieunternehmen ihre Wertschöpfungskette digitalisiert haben. Doch warum geht es nur so zögerlich voran?

Investitionsrechnung schwierig

Besonders der Wunsch nach Investitionskrediten, wie sie bei traditionellen Maschineninvestitionen Usus sind, ist in den Unternehmen groß, sagten Finanzchefs bei einer Befragung durch Siemens Financial Services. Die Eigenmittel stoßen rasch an Grenzen, und auch die bisherigen Förderkredite helfen nur bedingt weiter. Doch bislang tun sich die Banken genauso schwer mit einer Investitionsrechnung wie die Unternehmen selbst. Das hat zahlreiche Gründe. So sind die Ertragsvorteile der Industrie 4.0 abhängig von der Einbindung nicht nur in die eigene Produktion, sondern auch in die Netzwerke mit Lieferanten und Kunden. Durch Updates könnten bestehende Maschinen in Zukunft neue Einsatzmöglichkeiten erhalten – doch die Kosten sind nicht immer vorab bekannt sind. Neue Geschäftsmodelle könnten aus der Verwertung von anfallenden Produktionsdaten abgeleitet werden und eine deutliche Ertragssteigerung entstehen – doch gibt es zum Zeitpunkt des Investitionsantrags noch keinen unternehmensspezifischen Proof of Concept dafür. Schließlich ist auch die Verwertungsmöglichkeit zur Absicherung des Kreditausfallrisikos deutlich variabler, da der Wert einer Industrie-4.0-Maschine maßgeblich von der Güte ihrer Daten abhängt. Damit ist die Fungibilität unter Umständen stark eingeschränkt.

Sowohl Banken als auch Industrieverbände wie der VDMA arbeiten an einer Lösung dieser Probleme. Eine Arbeitsgruppe des VDMA rechnet aber erst in den kommenden Monaten damit, Beispiele öffentlich vorrechnen zu können. Manche Bank kaschiert ihre Ratlosigkeit auf Nachfrage mit Aussagen wie: „Die Industrie finanziert das problemlos aus Eigenmitteln, die fragen gar nicht groß unsere Kredite dafür an.“ Doch hinter den Kulissen wird schon an einer alternativen Lösung gefeilt. So soll noch vor der Sommerpause ein KfW-Förderprogramm vorgestellt werden, das 80 Prozent der Kreditsumme absichert. Allerdings scheint auch der KfW selbst noch keine belastbare Risikobewertung zur Verfügung zu stehen – weshalb ein großer Teil der KfW-Risiken an EU-Institutionen übertragen werden soll. Sollte das Fördervolumen ausreichen, wäre damit ein wichtiger Schritt in Richtung Finanzierungsversorgung von Industrie- 4.0-Investitionen getan.

Bewertung wie immer?

Andere Banken empfehlen eine klassische Finanzierung, die auf eine Gesamthaftung des Unter-nehmens aufsetzt und damit die Unsicherheiten aus einer spe-ziellen Industrie-4.0-Maschine nivelliert. Es geht nicht um die relativ eng abgesteckte Investiti-on, sondern um die Bonität des gesamten Unternehmens. „Das alte und bislang erfolgreiche Un-ternehmen haftet üblicherweise mit“, erklärt Stephan Ortolf, Be-reichsleiter Firmenkundenge-schäft bei der DZ Bank. So be-wertet die Bank Unternehmen weiterhin nach bekannten Maß-stäben wie Cashflow oder Sachanlagevermögen.

„Das alte und bislang  erfolgreiche  Unternehmen  haftet  üblicherweise mit.“

Tatsächlich ist in vielen Finanz- instituten noch nicht einmal  die Demarkationslinie zwischen „traditionell“ und „4.0“ eindeutig definiert. Dennoch löst Ortolfs Ansatz keinesfalls die Heraus-forderungen, sondern verschiebt sie nur in die Zukunft. Denn je weiter die Digitale Transformati-on in der Wirtschaft Einzug hält, desto mehr verändert sich die Struktur der Asset. 

So werden immaterielle Vermögenswerte wie Patente eine deutlich größe-re Rolle spielen als Grundstücke und Maschinen. Diese sind aber schwieriger zu bewerten – eben-so wie beispielsweise meist in-dividuell eingepasste Software-lösungen. Solch immaterielles Eigentum kann extrem wichtig für den Geschäftserfolg eines Unternehmens sein – und weit-gehend wertlos für alle anderen, selbst direkte Konkurrenten. Die zunehmende Vernetzung und Kooperation macht es den Ban-ken nicht leichter, im Schadens-fall beispielsweise Forderungen auch wirklich durchsetzen zu können. Und wie kann eine Boni-tätsprüfung berechnen, bei wel-chem Netzwerkpartner welches Ausfallrisiko liegt, das damit das gesamte Projekt zum Scheitern bringen könnte? Nicht zuletzt das Thema Cybersecurity und die damit verbundenen Risiken werden in Zukunft eine größere Rolle in der gesamten Risikobe-trachtung vernetzter Unterneh-men spielen müssen.

Die Banken stehen noch ganz am Anfang in der Betrachtung des Themas. Daraus aber zu schlussfolgern, dass Unternehmen, die kaum in Industrie 4.0 investieren, Vorteile bei der Kreditvergabe hätten, wäre ein großer Fehler. Denn das Risiko, nicht „in 4.0 zu gehen“, dürfte für ein Industrieunternehmen das größte überhaupt sein.