Interview mit Dwight Cribb

„Der Titel CDO ist verbrannt“
Der große CDO-Hype ist vorüber, sagt Personalberater Dwight Cribb. Denn egal, wie gut der Digitalchef ist: Der Rest der Unternehmensleitung muss mitziehen.
TEXT: Matthias Schmidt-Stein

HERR CRIBB, WIE SCHWIERIG IST ES, EINEN CHIEF DIGITAL OFFICER ZU FINDEN?

Das kommt darauf an. Wenn Sie jemanden suchen, der die Digitalisierung in Ihrem Unternehmen überhaupt erst einmal anstößt, ist das Suchen nicht so schwer. Noch stehen die meisten deutschen Unternehmen ganz am Anfang ihrer Digitalisierung. Daher sind die Anforderungen an den Digitalchef – jedenfalls fachlich gesehen – nicht allzu hoch. Eher müssen Sie darauf achten, dass der Typus stimmt: Sie brauchen eine mitreißende, empathische und durchsetzungsstarke Persönlichkeit, die auch Frustrationstoleranz mitbringt. Wenn es aber darum geht, in einem Unternehmen den bereits begonnenen Digitalisierungsprozess machtvoll voranzutreiben und zu einem tragfähigen Geschäftsmodell zu entwickeln, gestaltet sich die Suche nach einem passenden Kandidaten schon schwieriger. Denn dann muss der Digitalchef nicht nur fachlich top, führungsstark und vorstandstauglich sein.

WAS MUSS EIN SOLCHER DIGITALCHEF DENN KÖNNEN?

Vor allem muss er verstehen, dass die Digitalisierung sämtliche Bereiche der Wirtschaft viel schneller und viel radikaler verändert als irgendeine Entwicklung in den vergangenen Jahrzehnten. Digitalisierung bedeutet im Zweifelsfall einen echten Umbruch für ein Unternehmen: Geschäftsmodelle entwickeln sich nicht mehr länger evolutionär weiter – sondern sie brechen revolutionär weg. Das nennt man Disruption. Mit einem solchen Wandel, in dem potentiell alles in Frage gestellt wird, müssen Sie als Topmanager erst einmal umgehen können – vom Managen dieser Disruption ganz zu schweigen. Nehmen Sie zum Beispiel die Hersteller von Fernsehapparaten: Bei denen geht es nicht mehr darum, statt eines Röhren- einen Flachbildfernseher zusammenzuschrauben. Sondern es geht um ungleich größere und grundsätzlichere Fragen: Welche Rolle sollen, können und werden Tablets, Handys und VR-Brillen in Zukunft für den Konsumenten spielen, und wie wird er die Technik nutzen? Und das Unternehmen muss die Antwort auf die Frage finden: Wie können wir, als Hersteller von Fernsehapparaten, künftig Geld verdienen?

DIESE FRAGEN MUSS DER CDO STELLEN?

Genau. Er muss sich und den anderen Führungskräften die Frage stellen, welche Rolle moderne Technologie und die Veränderung von Wirtschaft und Gesellschaft für das eigene Geschäft spielen. Und er muss die Frage klären, ob beziehungsweise wie das Unternehmen in der Lage ist, diesen Wandel zu überstehen. Ein CDO muss die Radikalität der Veränderung verstehen und zeitlich einordnen können. Und er muss wissen, wie er ein Produkt zur Marktreife führen kann.

WAS HEISST DAS KONKRET?

Heute kauft zum Beispiel noch niemand autonome Autos. Aber in Zukunft – und zwar vermutlich in recht naher Zukunft – wird der Punkt erreicht sein, wo es einen Markt für autonome Fahrzeuge gibt. Dieser neue Markt wird dann aller Voraussicht nach sehr rasant wachsen. Wenn ein Unternehmen diese Entwicklung nicht genau verfolgt und höllisch aufpasst, wird es sehr schnell den Anschluss verpasst haben – und dann ist es vorbei. Genau davor muss ein CDO das Unternehmen schützen.

GIBT ES GENÜGEND QUALIFIZIERTE KANDIDATEN

Ja, wenn man genau weiß, wonach man suchen muss, findet man solche Leute. Wobei man eines dabei immer bedenken muss: Die Trends und Veränderungen aufzuspüren und zu bewerten ist keine präzise Wissenschaft. Wer einmal richtig lag, kann beim nächsten Mal falsch liegen oder zu langsam sein. Etwa wenn, wie gerade beim Thema Virtual Reality, wieder mal eine Technologie gehypt wird, sie aber möglicherweise schon überholt ist, bevor sie sich endgültig durchgesetzt hat.

NIMMT DIE NACHFRAGE NACH CDOS AKTUELL ZU?

Nein, im Gegenteil: Die Nachfrage nimmt seit einiger Zeit wieder ab. Etwa vor eineinhalb Jahren gab es einen CDO-Hype. Heute ist der Titel fast schon verbrannt.

WIESO DENN DAS?

In den vergangenen zwei, maximal drei Jahren haben etliche Unternehmen einen Digitalchef eingestellt. Mittlerweile sind viele davon aber schon nicht mehr da. Und auch die Unternehmen haben festgestellt, dass es nicht reicht, lediglich eine neue Position zu schaffen und jemand Externes mit viel digitalem Know-how zum CDO zu ernennen, um die Digitalisierung ihres Geschäfts voranzutreiben. Egal, wie gut der CDO ist: Allein wird er es nicht schaffen. Wenn der CDO die Digitalisierung eines Unternehmens vorantreiben und auch umsetzen soll, braucht er Unterstützung, von seinen Kollegen aus dem Vorstand und insbesondere vom CEO.

DAS HEISST: EIGENTLICH BRAUCHEN ALLE VORSTÄNDE EINES UNTERNEHMENS DIGITALKOMPETENZ?

Ganz genau. Egal, ob Unternehmen einen CFO oder einen Personalchef suchen – die Digitalkompetenz wird immer mehr nachgefragt. Das gilt übrigens auch für CIOs und CTOs. Denn viele von denen sehen die IT als geschützten Raum an und lehnen Vernetzung und Kooperation ab, schon aus Gründen der Datensicherheit. Zur Digitalen Transformation gehört aber beides dazu: eine solide Infrastruktur und exzellente Vernetzung. Gerade die technisch versierten Führungskräfte haben häufig Nachholbedarf, was ihre Fähigkeiten angeht, sich zu öffnen und über den Tellerrand hinauszublicken.

WIE FINDEN SIE SOLCHE LEUTE?

Erfahrung und systematisches Vorgehen: Das ist das Entscheidende in unserem Job als Personalberater. Unser Anspruch ist es ja, die Besten der Besten zu finden. Dabei machen wir die Erfahrung, dass die Wechselbereitschaft von qualifizierten Leuten durchaus vorhanden ist – wenn das suchende Unternehmen einen guten Ruf genießt. Das gilt eigentlich für alle Positionen, aber für die des CDO im Besonderen. Digitalchefs fühlen sich häufig als Einzelkämpfer, weil sie in ihrem Unternehmen nicht genügend Unterstützung von Seiten der operativen Geschäftsführung erfahren. Diese gefühlte „One-Man-Show“ macht sie auf Dauer unzufrieden und erhöht ihre Bereitschaft, das Unternehmen zu wechseln.

WO WERDEN SIE EHER FÜNDIG – IN DEUTSCHLAND ODER IM AUSLAND?

Wissen Sie, viele Menschen haben in Deutschland das Gefühl, wir hinken irgendwie hinterher in Sachen Digitalisierung. Das stimmt aber gar nicht – wie auch die Situation auf dem Kandidatenmarkt zeigt. Der ist nämlich gut gefüllt mit lauter interessanten und hochqualifizierten möglichen CDOs. Aber natürlich gibt es überall auf der Welt Leuchtturmunternehmen, die digital ganz vorn stehen und über exzellentes Personal verfügen. Schon um den Pool potentieller Kandidaten zu erweitern, ist es sinnvoll, international zu suchen. Außerdem führt die Digitalisierung in vielen Fällen zu einer zunehmenden Internationalisierung der Unternehmen. Entsprechend international parkettsicher muss natürlich auch der Kandidat sein.

LETZTE FRAGE: MACHT DIE DIGITALE TRANSFORMATION EIGENTLICH VOR HEADHUNTERN HALT?

Nein, keinesfalls. Wir verfolgen die Trends und Tendenzen der Digitalisierung ganz genau. Besonders das Thema Künstliche Intelligenz halte ich aktuell für sehr relevant. Denn die KI kann uns als Personalberater unter Umständen überflüssig machen – oder uns helfen, unsere Arbeit noch besser zu machen.

DWIGHT CRIBB

Personalberater

Dwight Cribb ist Inhaber der gleichnamigen Personalberatung in Hamburg, die er 1998 gegründet hat. Als Headhunter hat er sich auf die Suche nach digitalen Köpfen für Vorstands- und Führungspositionen spezialisiert.

Foto: Dwight Cribb