Sharing-Economy

Vom Maschinenring zur Blockchain
Während Millionen Privatkunden in Airbnb-Privatwohnungen statt in Hotelzimmern übernachten und auch Carsharing immer beliebter wird, sind Sharing-Modelle in der Industrie noch selten.
TEXT: INGO STEINHAUS

Um ein neues Geschäftsmodell einzuführen, ist manchmal nur ein frischer Blick auf den betrieblichen Alltag notwendig. Mitarbeitern der Hotelkette Marriott fielen vor etwa fünf Jahren zwei Dinge auf: In den Hotels gab es viele ungenutzte Konferenzräume. Gleichzeitig waren zahlreiche Geschäftsleute auf der Suche nach einem ruhigen Arbeitsplatz. Seit Herbst 2013 bietet die Hotelkette ungenutzte Konferenzräume über Liquidspace an, einen weltweit auftretenden Vermittler von Büroräumen.

Das Angebot von Marriott ist eines der vielen Konzepte der Sharing- Economy, wie die „industriell- kollaborative Wirtschaft“ auch genannt wird. Dieser etwas sperrige Begriff ist von Wirtschaftswissenschaftlern am Fraunhofer- Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) geprägt worden. „Dabei geht es im Wesentlichen darum, Betriebsmittel und andere Ressourcen nicht mehr zu erwerben, sondern auf anderem Wege zu nutzen – etwa durch das Sharing von Maschinen oder das Pooling von Produktionskapazitäten“, erklärt Christian Lerch, Leiter des Geschäftsfelds Industrielle Innovationsstrategien am ISI.

Besonders viele und erfolgreiche Sharing-Modelle entstanden in den vergangenen Jahren im C2C- sowie im B2C-Sektor. Sie erlauben Privatleuten, Dinge kurzfristig zu teilen und zu mieten, anstatt sie zu besitzen. So macht seit einigen Jahren Airbnb als wohl bekannteste Sharing-Plattform Hotelbetreibern das Leben schwer. Das Unternehmen vermittelt über seine Webseite weltweit Zimmer oder Wohnungen, die von privaten und gewerblichen Vermietern angeboten werden. Coworking- Spaces bieten Büroarbeitsplätze oft auch stundenweise an. Und der Versicherungsmakler Friendsurance schließt mehrere Versicherte zu einer Gruppe zusammen, die gemeinsam einen hohen Rabatt erhält.

DIGITALISIERUNG SENKT TRANSAKTIONSKOSTEN

Sharing-Modelle im B2B-Bereich und in der Industrie gibt es hingegen weniger – trotz einer langen Tradition. Fraunhofer-Forscher Lerch zählt zur Sharing-Economy nämlich auch altbekannte Konzepte wie Leasing oder Pooling, die zum Teil bereits seit Jahrzehnten genutzt werden. Auch sie zeichnen sich dadurch aus, dass Betriebsmittel nicht erworben, sondern gemietet oder geteilt werden – ohne eine große Einzelinvestition für die Anschaffung.

Zum Beispiel versorgen Maschinenringe seit 1958 zahlreiche Landwirte mit Erntemaschinen und anderen Geräten, die sie sich einzeln nicht leisten können. Stattdessen werden sie gemeinsam angeschafft und vom gemeinsamen Maschinenring vermietet. Dadurch trägt jeder Landwirt etwas zum Maschinenring bei, profitiert aber auch davon. Das Pooling, also die gemeinsame Nutzung von Ressourcen, kennen Brauereien bereits seit langer Zeit, unter anderem durch die sogenannten Kuckucksbrauer. Das sind Brauer, die keinen eigenen Maschinenpark haben, sondern sich während Leerlaufzeiten bei Brauereien einmieten und dort ihr eigenes Bier herstellen.

„Die verschiedenen Sharing-Modelle werden dann interessant, wenn es um große und teure Betriebsmittel geht.“

Christian Lerch, Leiter des Geschäftsfelds Industrielle Innovationsstrategien am ISI

„Die verschiedenen Sharing-Modelle werden dann interessant, wenn es um große und teure Betriebsmittel geht“, sagt Lerch. Dann sei der Vorteil für die Nutzer am größten, und die Transaktionskosten für die Vermittlung würden weniger ins Gewicht fallen. „Zudem hilft die Digitalisierung dabei, die Transaktionskosten stark zu senken.“ Gerade der Einsatz von Onlineplattformen und Smartphone-Apps für die Vermittlung der Ressourcen ermöglicht Sharing-Modelle, die ohne digitale Technologien zu umständlich wären. Am deutlichsten zeigt sich das bei Car- und Ride-Sharing.

Carsharing ist ein B2C-Modell für den Endkundenmarkt, bei dem der Betreiber Autos zur unkomplizierten Kurzzeitmiete anbietet. Es kam in den siebziger Jahren auf und erforderte damals einen Sonderparkplatz, auf dem die Fahrzeuge abgeholt und später wieder abgestellt werden mussten. Erfolgreich wurde das Konzept erst, als sich leistungsfähige Smartphones durchzusetzen begannen. So konnte die Zahl der Abstellplätze massiv erhöht werden beziehungsweise können die Autos bei vielen Carsharing- Diensten heute irgendwo im Stadtgebiet abgestellt werden. Dank GPS-Funktion lassen sie sich vom nächsten Kunden orten. Auf ähnliche Weise funktioniert auch das B2C-Sharing für Fahrräder.

Ride-Sharing ist ein verwandtes Konzept mit drei Akteuren: Eine Plattform vermittelt zwischen Anbietern und Nachfragern von Fahrten über bestimmte Strecken. Es ist die digitale Variante der klassischen Mitfahrzentralen, die es bereits seit den siebziger Jahren gibt. Der einzige Unterschied: Die Vermittlung via App und Web ist einfacher und das Angebot größer.

SHARING IN DER INDUSTRIE SEIT 20 JAHREN

Grundsätzlich können solche und ähnliche Konzepte auch in der Industrie verwirklicht werden. Timocom existiert bereits seit mehr als 20 Jahren. Das europaweit agierende Unternehmen gilt als Marktführer unter den Frachtenbörsen und bringt Fracht und Laderaum zusammen. Das US-Unternehmen Wework arbeitet weltweit und bietet vor allem in den großen Städten Büroräume und Coworking-Spaces an. Dafür mietet es Gewerberaum an, der andernfalls leerstehen würde. Ebenfalls aus den USA stammt der E-Machine-Shop, der ungenutzte Kapazitäten auf CNC-Maschinen, Spritzgussanlagen und 3-D-Druckern vermakelt.

Dass ein Großteil dieser Unternehmen aus den USA kommt und dort auch die größten Erfolge hat, hat seinen Grund. Im deutschen Wirtschaftsraum ist das Eigentum an Betriebsmitteln immer noch sehr verbreitet. So lag die Leasingquote hierzulande im Jahr 2016 bei etwa 24 Prozent der gesamtwirtschaftlichen Investitionen ohne Wohnungsbau. In anderen Ländern werden je nach Branche bis zu 90 Prozent der Betriebsmittel geleast oder gemietet. Daher haben es Sharing-Modelle in Deutschland schwerer als anderswo.

Diese Erfahrung musste auch Tomas Zelic machen, der Geschäftsführer das Start-ups Klickrent aus dem Stall des Zeppelin- Inkubators „Z Lab“ in Berlin. Die Ausgangsidee war Sharing- Ökonomie in Reinform: Das Start-up wollte sich als Vermittlungsplattform für Maschinen in der Bauwirtschaft etablieren. Große und kleine Bauunternehmen sollten dort als Anbieter und Nachfrager gleichzeitig auftreten.

Allerdings klappte das nicht wie geplant. „Es gibt leider vor allem bei kleineren Bauunternehmern eine gewisse Skepsis gegenüber solchen Modellen, vor allem was rechtliche Fragen bei der Vermietung angeht“, sagt Zelic. „So haben wir in der Praxis ein B2B-Plattformkonzept verwirklicht: Wir arbeiten mit etwa 100 spezialisierten Vermietungsfirmen sowie einigen großen Bauunternehmen zusammen. Sie waren leicht von unserer Idee zu überzeugen.“ Trotz dieses Schwenks im Geschäftsmodell ist Zelic zuversichtlich, dass sich Sharing-Konzepte durchsetzen werden, aber auch dann nur einen kleinen Teil des Marktes einnehmen werden.

„Es gibt leider vor allem bei kleineren Bauunternehmern eine gewisse Skepsis gegenüber solchen Modellen, vor allem was rechtliche Fragen bei der Vermietung angeht.“

Tomas Zelic, Klickrent

Zusätzliche Dienstleistungen rund um das Sharing sollen es interessanter für Unternehmen machen. „Wir haben festgestellt, dass eine reine Plattform allein nicht funktioniert“, schränkt Zelic ein. „Wir werden den gesamten Prozess abdecken, der sich rund um die eigentliche Vermietung aufspannt.“ So könnten die für einen Verleih vorgesehen Maschinen mit Zusatzgeräten ausgestattet werden, die eine GPS-Ortung erlauben. Dadurch kann der Verleiher oder der Plattformenanbieter die aktuelle Position einer Maschine feststellen. Denkbar wären auch automatisierte „Smart Contracts“ in der Blockchain, die den Leihprozess verwalten, oder Kurzzeitversicherungen zur Absicherung des Haftungsund Diebstahlsrisikos.

Selbst erfolgreiche Sharing-Konzepte rechnen sich allerdings häufig allenfalls auf lange Sicht. So gaben Daimler und BMW im Frühjahr bekannt, unter anderem ihre Carsharing- Anbieter Drivenow und Car2go zusammenzulegen, um wirtschaftlich(er) arbeiten zu können. Trotz eines relativen Erfolges in den Großstädten handelt es sich immer noch ein Nischenkonzept. Doch die Autohersteller investieren stark, weil Sharing ein Versuchsfeld für die Zukunft ist (siehe CEDO 3/2018). Denn Carsharing lässt sich bei fortschreitender Digitalisierung leicht in ein System aus fahrerlosen „Robotertaxis“ überführen.