Zukunft der Arbeit

Mut zur Veränderung
Lebenslanges Lernen, mehr Kreativität und Arbeiten ohne Büro: Wie die Digitale Transformation die Arbeit verändert.
TEXT: Karolin Hewelt

Die Digitale Transformation verändert mit ihren Technologien und Geschäftsmodellen nicht nur die Gemengelage und Zusammensetzung ganzer Industrien, sondern auf Ebene des Individuums auch Arbeitsprozesse und Arbeitsprofile. Die Automatisierung gilt dabei als böses Omen für den Wegfall einer Vielzahl von Arbeitsplätzen. Doch der digitale Wandel bringt auch neue Möglichkeiten mit sich und eröffnet Chancen für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.

Zentral ist dabei die Frage, wie der Begriff der Arbeit in einer digitalen Zukunft definiert wird. Wir bewegen uns in eine Welt nie dagewesener Produktivität, die Arbeitnehmern den Freiraum eröffnet, jenseits der reinen Leistungserbringung eine sinnstiftende Tätigkeit zu finden. Letztlich muss jedes Unternehmen für sich selbst herausfinden, welche Vision zu ihm passt. Es gibt keine Blaupause, jeder muss eine individuelle Lösung für sich und seine Organisation finden. Das Wichtigste ist aber: Vor dem Veränderungsprozess darf man keine Angst haben, sondern muss ihn aktiv und mutig gestalten. Dabei muss der Mensch mit seinen Bedürfnissen und Verhaltensweisen im Zentrum stehen. Aber wie wird sich die Arbeit in unserer Gesellschaft verändern?

Drei Visionen für 2019, 2023 und 2030.

2019

KARRIERENETZWERK STATT KARRIERELEITER

„Ein Leader bist du nur, wenn du Follower hast“ – dieses Zitat lässt sich nicht nur abstrakt auf das virtuelle Leben auf Linkedin oder Xing anwenden, sondern ganz real auf das Netzwerk, das sich Führungskräfte selbst aufbauen. Der Karriereweg in Konzernstrukturen, der sich über Jahre hinaus planen lässt, wird immer seltener. Stattdessen verlaufen Karrieren in unterschiedlichen Organisationen und Kontexten ab. Treibstoff erfolgreicher Karrieren sind die Verbindungen in Netzwerken. Erfolgsfaktor sind die Personen, die fördern, empfehlen und weitervermitteln.

Genau wie sich die Karrierepfade verändern, wandeln sich auch die Aufgaben der einzelnen Mitarbeiter sowie deren Selbstverständnis. Soft Skills wie Kreativität, Empathie, Führungskompetenz und emotionale Intelligenz spielen eine immer wichtigere Rolle; auch der Cultural Fit ist wesentlich wichtiger als Hard Skills. Denn diese können auch noch nachträglich erlernt und trainiert werden.

Auch der Work-Spirit unterliegt einem Wandel: Die Grenzen zwischen Arbeiten und Lernen sind zunehmend fließend. Die Ansicht, dass man einen Beruf erlernt oder ein Studium absolviert und dann darin 40 oder 50 Jahre arbeitet, ist heute obsolet. Lebenslanges Lernen liegt im Trend, Berufsbilder und die damit verbundenen Aufgaben ändern sich durch die Digitalisierung stetig. Als Reaktion werden zum einen die Arbeitgeber mehr in Trainings und Fortbildungen investieren: Studien zeigen, dass Firmen ihre Produktivität um bis zu 10 Prozent steigern können, wenn sie ihre Mitarbeiter in den jeweils fehlenden Bereichen ausoder weiterbilden. Die Mitarbeiter werden sich zum anderen auch eigenständig Wissen aneignen, zum Beispiel über E-Learning-Plattformen und Webinare. Zunehmend erlernen und vertiefen sie die neuen Skills durch Ausprobieren unmittelbar in der täglichen Arbeit. Es wird immer wichtiger, Mitarbeitern den Freiraum zu geben, sich Wissen aus anderen Bereichen anzueignen und dies bestenfalls zu fördern.

Dies wird sich verstärken, sobald die Generation Z – also die nach 1999 Geborenen – in den Arbeitsmarkt eintritt, denn über die Hälfte der Jobs, die sie übernehmen wird, gibt es heute noch gar nicht.

2023

DER FESTE ARBEITSPLATZ GEHÖRT DER VERGANGENHEIT AN

In den kommenden Jahren werden 70 Prozent der Weltbevölkerung im urbanen Raum leben. Auch die Produktionsstätten und Arbeitsplätze werden sich in den Städten bündeln. Gleichzeitig wird es aufgrund der Globalisierung und Vernetzung der Welt in Zukunft außer in der Industrie kaum noch feste Arbeitsplätze geben.

Coworking-Modelle wie Mindspace oder Wework zeigen, dass die Nachfrage nach flexiblen Arbeitsplätzen stetig steigt. Diese haben für Unternehmen den Vorteil, dass sie flexibler auf unterschiedliche Auslastungen reagieren können. Schon in naher Zukunft wird die Technologie der virtuellen Realität so ausgereift sein, dass Meetings über Distanzen nicht anders ablaufen werden als reale Meetings in der Gegenwart.

2030

KÜNSTLICHE INTELLIGENZ VERÄNDERT DEN ARBEITSBEGRIFF

Es ist eine der entscheidenden Debatten, die im Rahmen der Digitalisierung geführt werden: Werden Maschinen Arbeitsplätze vernichten? Außer Frage steht, dass sie die Arbeitswelt verändern werden. Vor allem in der Industrie und Produktion können Maschinen und Roboter zahlreiche Aufgaben übernehmen, die bisher von Menschen ausgeführt wurden. Doch dies hat nicht nur negative Folgen.

Wahrscheinlich kann uns auch ein Roboter in Zukunft eine Sprache perfekt beibringen. Doch gerade in vielen sozialen Berufen wie Lehrer, Pfleger oder Arzt ist uns der persönliche Kontakt zum Menschen und dessen Empathie wichtig. Aber auch in der Produktion und im Handwerk wird das Label „Made by Humans“ an Bedeutung gewinnen, zum Beispiel beim Esstisch, der mit Sorgfalt vom Schreiner hergestellt wurde, oder bei dem Lieblingskleidungsstück, das mit Liebe und Kreativität designt wurde. Zudem wird mit dem Wegfall von einfachen Arbeiten mehr Zeit für kreative und assoziative Arbeit sein.

Fähigkeiten wie Innovationsgeist, Vorstellungskraft und Fantasie werden für Arbeitgeber immer wichtiger bei der Auswahl ihrer Mitarbeiter sein. Und nicht zuletzt wird es auch neue Berufsbilder und -felder geben. Weil beispielsweise der Bedarf an Wasser und Energie bis 2030 um 40 bis 50 Prozent steigt, werden deutlich mehr neue Arbeitsplätze in den Bereichen erneuerbare Energien, Ingenieurswesen, Produktdesign und Abfallmanagement entstehen.

KAROLIN HEWELT ist Mitgründerin und Geschäftsführerin von RCKT, der Beratungs- und Kreativtochter von Rocket Internet. Hewelt verantwortet mit der Unit RCKT Next insbesondere Digitalinitiativen von Großkunden wie Commerzbank, Deutsche Bahn, Merck und dem Bundeswirtschaftsministerium sowie Corporate-Venture- Programme für Mittelstandsunternehmen.