Augmented Reality

Durchblick dank Datenbrillen
Augmented Reality boomt – aber nicht bei den Privatanwendern, wie Google einmal glaubte. Der eifrigste Anwender von Datenbrillen ist die Industrie.
TEXT: Ingo Steinhaus

Im Frühjahr 2012 war Google Glass in aller Munde. Die Augmented- Reality-Brille sollte das Smartphone ersetzen und den Alltag revolutionieren. Doch von den hochfliegenden Ideen ist nichts geblieben, Google hat das Projekt mangels Erfolg und wegen der umstrittenen Videoaufzeichnung drei Jahre später eingestellt. Ist Augmented Reality (AR) also tot? Nein, die Technologie lebt. AR-Apps für Privatleute werden vor allem auf dem Smartphone genutzt, haben jedoch außerhalb von Spielen bislang keine große Bedeutung. Datenbrillen wiederum gehören in Industrieunternehmen vielerorts zum Alltag.

Zum Beispiel beim Sportwagenhersteller Porsche. Das Unternehmen hat für den technischen Service der Porsche-Zentren in den USA eine spezielle AR-Anwendung mit dem Namen „Tech Live Look“ entwickelt. Die Lösung verwendet eine Softwareplattform des AR-Anbieters Atheer und leichte Smart Glasses. Ein Servicetechniker kann sich nach Aufsetzen der Brille mit dem zentralen technischen Support- Team von Porsche verbinden. Durch die Kamera in der Brille sieht das Team genau das, was auch der Techniker sieht. Nun kann er per Audio unterstützt werden, oder die Support-Mitarbeiter blenden ihm Anweisungen auf die Projektionsfläche der Brille, die er lesen kann, während er beide Hände frei hat. Denn das ist der eindeutige Vorteil von AR-Brillen gegenüber anderen digitalen Informationsmöglichkeiten wie Tablets oder Smartphones: Die Nutzer der Brille können wie gewohnt arbeiten.

Datenbrillen integriert in Schutzhelme

An vielen Arbeitsplätzen in der Industrie müssen die Mitarbeiter Helme tragen, was den Tragekomfort der leichten Brillen senkt. Aus diesem Grund hat der Stahlkonzern Salzgitter seine eigene Lösung entwickelt: eine AR-Brille, die in einen Schutzhelm integriert ist. Die Salzgitter-Tochter GESIS Gesellschaft für Informationssysteme hat in Kooperation mit der Hochschule Zwickau das AR-Tool „Helmetglass“ für die in der Stahlproduktion üblichen hohen Temperaturen optimiert.

Auch der Aufzugswartungsservice von Thyssenkrupp setzt auf AR bei der Wartung. Das Unternehmen nutzt die Microsoft Hololens, die im Moment als die beste auf dem Markt verfügbare Datenbrille gilt und sich durch eine besonders realistisch wirkende Darstellung auszeichnet. Insgesamt werden 24.000 Wartungstechniker des Konzerns damit ausgerüstet. Erste Erfahrungen zeigen nach Auskunft des Konzerns, dass Wartung und Reparatur mit Unterstützung durch Hololens bis zu viermal schneller werden.

Die meisten Smart Glasses oder Helmets blenden lediglich Bilddaten in das Sichtfeld der Nutzer ein. Die Microsoft-Brille bietet mehr, sie platziert die virtuellen Objekte fest im Raum. Die Nutzer können um sie herumgehen, die virtuellen Gegenstände verhalten sich dabei wie echte. Microsoft spricht hier von „Mixed Reality“, da sich die virtuellen Objekte für den Träger der Brille wie wirkliche Gegenstände anfühlen. Diese Objektkonstanz ist einer der Gründe, warum auch der Elektronikspezialist Weidmüller auf die Microsoft- Lösung setzt, obwohl sich die Software eigentlich bislang eher an Privatanwender richtet und die Microsoft-eigene Businesslösung erst demnächst vorgestellt wird.

„Da gibt es nichts von der Stange, und alles ist noch ein wenig experimentell.“

„Eine für uns passende Lösung haben wir in Zusammenarbeit mit einem Partner selbst entwickelt“, sagt Patrick-Benjamin Bök, Vice President Global Digitalization bei der Weidmüller Gruppe. „Die Umsetzungen sind hier sehr individuell – da gibt es nichts von der Stange, und alles ist noch ein wenig experimentell.“ Bök sieht für AR-Brillen vielfältige Anwendungsmöglichkeiten in der Industrie. So ist Weidmüller bereits seit mehreren Jahren bestrebt, die enormen Papiermengen bei Wartung und Reparatur zu senken und den Mitarbeitern den Umgang mit unhandlichen Dokumenten zu ersparen. Tablets haben sich dabei als wenig geeignet erwiesen, der Mehrwert gegenüber Papier ist nur gering.

REISEKOSTEN EINSPAREN

Ein Anwendungsszenario für die Microsoft-Datenbrille betrifft Servicetechniker, die bei Weidmüller international eingesetzt werden, und erleichtert ihnen ihre Arbeit. „Es kann passieren, dass einer unserer Spezialisten für einen Einsatz von nur wenigen Stunden vier Tage auf Dienstreise nach Asien gehen muss“, erklärt Bök. „Das ist ein enormer Kostenfaktor, und solche Kurzreisen sind bei den Mitarbeitern auch nicht sehr beliebt.“ Die Hololens erlaubt dagegen eine Vor-Ort-Videokonferenz ohne lästiges Hantieren mit Geräten. Der Spezialist in der Zentrale unterstützt den Techniker entweder durch Erklärungen oder die spezifische AR-Funktion der Brille.

So kann er Beschriftungen, Pfeile oder Objekte in das Sichtfeld einblenden. Diese Funktion ist zweiseitig, denn der Mitarbeiter vor Ort kann dank der integrierten Gestensteuerung ebenfalls innerhalb der AR-Umgebung zeichnen. So kann er beispielsweise einen Pfeil einfügen, um die Zentrale auf ein Problem aufmerksam zu machen. Außerdem ist es möglich, dank der Objektkonstanz virtuelle Notizen beispielsweise auf das Gehäuse einer Maschine zu schreiben. Sie sind nur dort zu sehen und erscheinen bei einer erneuten Sitzung mit der Brille von neuem.

Der Hololens-Einsatz bei Weidmüller zeigt, dass Mixed Reality in der Industrie bereits produktiv genutzt werden kann. Dabei waren die betroffenen Mitarbeiter frühzeitig beteiligt und konnten weitere Anregungen geben. In der Praxis hat sich das Microsoft-Produkt bewährt und wird gern genutzt. „Wir führen die Brille nach und nach an allen Standorten ein“, sagt Patrick-Benjamin Bök. „Außerdem erweitern wir den Einsatzbereich und werden die Datenbrille auch in der Wissensvermittlung sowie zur Unterstützung der Rüstarbeiten in der Produktion verwenden.“ So plant das Unternehmen spezielle AR-Anwendungen, bei denen Mitarbeiter im Umgang mit Maschinen und Anlagen anhand virtueller Modelle vor Ort geschult werden können. „Wir nutzen neben persönlichen Schulungen bisher vor allem interne Webinare. Die digitale Demonstration direkt vor Ort verstärkt den Lerneffekt deutlich“, zeigt sich Bök zufrieden.