Digitalisierung in der Agrarbranche

Wer schafft die führende Landwirtschaftsplattform?
Die großen Player im Bereich Agrartechnologie treiben die Digitalisierung voran. Mitentscheidend sind dabei Kooperationen mit Start-ups und anderen kleineren Technologieunternehmen.
TEXT: Matthias Schmidt-Stein

Hören sie das Wort Landwirtschaft, denken viele Menschen an altmodische Technik aus der guten alten Zeit: gemütlich tuckernde Traktoren, antiquierte Maschinen und Werkzeuge – und vor allem viel Handarbeit. Und tatsächlich: Gerade dort, wo kleine Parzellen bewirtschaftet werden müssten, stimmten Klischee und Realität auch heute oft noch überein, sagt Oliver Lofink. Doch der Experte für digitale Agrarwirtschaft bei der PA Consulting Group weiß auch: Dort, wo die Felder groß sind oder „high value crops“ mit überdurchschnittlichem Ertrag angebaut werden, lohnen sich auch größere Investitionen in Technik. Dort hat die Digitalisierung in der Landwirtschaft längst Einzug gehalten – getrieben auch durch Pflanzenschutz- und Agrartechnikkonzerne wie Bayer, Monsanto, BASF und John Deere. Und seit einiger Zeit auch durch immer mehr Start-ups.

Wie sich die Agrartechnologiebranche weiterentwickelt und welche Partnerschaften, Kooperationen und Plattformen dabei eine Rolle spielen, hat PA-Agrarexperte Lofink im Rahmen einer Studie untersucht. Angeschaut hat er sich dafür elf der größten Agrartechnikunternehmen sowie etwa 200 Start-ups und Technologieunternehmen. Eine zentrale Erkenntnis seiner Untersuchung: Etablierte Akteure und Start-ups arbeiten immer häufiger und enger zusammen. „Die Technologie- und Pflanzenschutzunternehmen, die diese Entwicklung nicht mitmachen, werden auf der Strecke bleiben“, sagt Lofink.

ROHDATEN VERLIEREN AN WERT

Das liegt vor allem daran, dass in der Landwirtschaft – wie in zahlreichen anderen Industrien auch – die Daten immer wichtiger werden. „Sie sind auch in dieser Branche das neue Öl“, sagt Lofink. In seiner Untersuchung hat er die verschiedenen Player am Markt entlang der Daten-Wertschöpfungskette in drei Gruppen unterteilt: Das sind zunächst Unternehmen, die zum Beispiel mit Sensoren helfen, Rohdaten zu sammeln. Dann gibt es solche, die bei der Analyse und der Interpretation der Daten durch Algorithmen helfen. Die dritte Gruppe schließlich besteht aus Firmen, die die Daten in Erkenntnisse umwandeln und daraus Geschäftsmodelle entwickeln, etwa im Bereich Robotics und Automatisierung. Die meisten Unternehmen sind nur in einem der drei Bereiche aktiv. Die großen Player versuchen allerdings, die komplette Daten-Wertschöpfungskette abzubilden. Häufig arbeiten sie dafür mit Start-ups zusammen oder kaufen sich diese als Know-how-Träger zu.

Bayer und Monsanto

Auch bei der Übernahme von Monsanto durch Bayer spielt das Thema Digitalisierung eine große Rolle. Die EU-Kommission hat der Übernahme grünes Licht erteilt, allerdings unter einigen Auflagen – auch im Bereich Digitales. „Offenbar muss Bayer einem Wettbewerber Zugang zu seinen aktuellen Angeboten und seiner Pipeline im Bereich Digitaler Landwirtschaft gewähren“, sagt Oliver Lofink. Profitieren könne vermutlich am ehesten BASF. Monsanto selbst hingegen muss kaum Auflagen erfüllen. Künftig dürfte also gerade in Europa neben der Bayer-Plattform „Xarvio“ auch die Monsanto-Plattform „Climate Fieldview“ eine Rolle spielen.

Besonders interessant seien derzeit vor allem Unternehmen aus dem zweiten und dem dritten Bereich. „Rohdaten verlieren an Wert“, sagt Lofink. „Die Schwierigkeit und damit der Wert liegt eher in der Verarbeitung und Nutzung der Daten.“ Bei Kooperationen mit oder der Akquisition von Start-ups geht es den etablierten Unternehmen nicht zwangsläufig darum, möglichst kurzfristig ein profitables Produkt anzubieten. Wichtig ist ihnen der Zugang zur Data-Science-Kompetenz, die die jungen Unternehmen mitbringen. Denn daran fehlt es den großen Playern aus dem Pflanzenschutz- oder Agrartechnologieumfeld noch häufig.

„Es gibt im Agrarsektor zahlreiche fokussierte und spezialisierte Startups“, sagt Lofink. Viele seien für die großen Player interessante Investitionsobjekte – und würden mitunter für viel Geld übernommen. So hat etwa der Traktorhersteller John Deere im vergangenen Herbst das US-Agrartechnologie- Start-up Blue River Technology für gut 300 Millionen US-Dollar übernommen. Das im Jahr 2011 von zwei Stanford-Absolventen gegründete Hightechunternehmen mit mittlerweile 60 Mitarbeitern hat eine Technologie entwickelt, die mit Hilfe von Echtzeit-Bilderkennung der Pflanzen den Herbizid-Einsatz reduzieren soll.

Der deutsche Chemieriese BASF wiederum hat bereits im vergangenen Mai die amerikanische Zed-X gekauft. Das 1987 gegründete Unternehmen hat mehrere Algorithmen entwickelt, die mit Hilfe von Daten etwa zur Bodenbeschaffenheit und zum Wetter Landwirten helfen sollen, „bessere und fundierte Entscheidungen zu treffen“, wie es damals in einer Pressemitteilung hieß. Zum Kaufpreis machten weder BASF noch Zed-X Angaben. Kooperationen zwischen großen Market-Playern innerhalb derselben Industrie sind seltener, hat Lofink beobachtet. Es gebe zwar manche zwischen Pflanzenschutzund Agrartechnologiefirmen, aber unter direkten Konkurrenten wolle man in jedem Fall etwaige Wettbewerbsvorteile erhalten.

DER KAMPF UM DIE VORHERRSCHAFT

Die großen Unternehmen haben dabei ein Ziel: Sie wollen die führende Agrar-Plattform schaffen, ohne die Landwirte im digitalen Zeitalter nicht mehr auskommen. Doch ob Monsanto (mit Climate Fieldview), BASF (Maglis), John Deere (My John Deere) oder der amerikanische Agrikulturgigant AGCO (Fuse Technologies) – noch haben alle Plattformen am Markt ihr eigenes Software-Ökosystem, für das zum Beispiel Start-ups und andere Unternehmen zusätzliche Funktionen oder Schnittstellen programmieren. 

„Am Ende werden sicherlich nur zwei bis vier Plattformen übrig bleiben“

Auch Du Pont hat vor kurzem die Farmmanagement-Plattform Granular für 300 Millionen US-Dollar erworben, um sich in diesem Bereich zu positionieren. „Am Ende werden aber sicherlich nur zwei bis vier Plattformen übrig bleiben“, ist sich Lofink sicher. Welche das sein werden, könne man heute aber noch nicht sagen.

Solche Plattformen muss man sich ähnlich vorstellen wie zum Beispiel die App-Stores für Smartphones. Start-ups, Dienstleister und andere Unternehmen nutzen die vom Technologieanbieter bereitgestellte Infrastruktur und bieten dort Zusatzfunktionen oder -programme an. Das Versprechen, das solche Plattformen den Unternehmen bieten, erklärt Lofink am Beispiel des „Climate Fieldview“-Projekts von Monsanto und der Tochterfirma The Climate Corporation: Diese Plattform habe bereits über 100.000 Nutzer und decke mehr als 48,6 Millionen Hektar Fläche ab – und sei entsprechend attraktiv für Anbieter, die über die Plattform einen großen Kundenkreis erreichen könnten. Das könne zu einem sich selbst verstärkenden Prozess führen, sagt Lofink: „Wer die meisten Nutzer vereint, holt die meisten Anbieter auf seine Plattform – und wird dadurch noch attraktiver für neue Nutzer.“

Bei den großen Plattform-Architekten selbst, die unter anderem von den Nutzungsgebühren kleinerer Anbieter profitieren dürften, tun sich manche Abteilungen allerdings schwer mit diesem Wandel in der Branche. Pflanzenschutzunternehmen zum Beispiel müssen erst noch zeigen, wie offen sie für Anbieter und deren Technologien sind, mit deren Hilfe der Einsatz von Chemikalien reduziert werden kann. Deshalb hält Lofink es für schlauer, diejenigen Unternehmenseinheiten, die sich mit neuen Geschäftsfeldern beschäftigen, organisatorisch vom Kerngeschäft zu trennen. Insbesondere weil Monsanto, Bayer und BASF auf absehbare Zeit weiter mit Pflanzenschutz, Saatgut und Traits den Großteil ihres Geldes verdienen werden, John Deere und Claas hingegen mit Landmaschinen.

Das letzte Wort dürften aber ohnehin die Landwirte haben. Sie müssen die Technologie annehmen. Auf den Feldern entscheidet es sich also, ob und wie schnell die Digitalisierung der Landwirtschaft vonstattengeht. Dass diese Entwicklung passieren wird, daran hat Lofink allerdings keinen Zweifel. Zumindest große Agrarbetriebe, die zum Beispiel Mais und Soja anbauen, sind schon heute in Sachen Hightech Spitzenreiter – und zwar nicht nur in Amerika mit seinen gigantischen Agrarflächen. Auch für Deutschland gilt: je größer die Betriebe, desto verbreiteter die Technologienutzung. Specialty-Crops mit geringen Ertragsmengen werden aber vermutlich auch in Zukunft noch mit viel Handarbeit geerntet.