Corporate Venturing

Studie: Großes Angebot, große Nachfrage
Eine EY-Studie zeigt: Konzerne investieren immer mehr Geld in deutsche Tech-Start-ups. Vor allem Industrieunternehmen sind auf dem Corporate-Venture-Markt aktiv.
TEXT: Matthias Schmidt-Stein

Nie zuvor wurde so viel Geld in deutsche Technologie-Start-ups gesteckt wie im vergangenen Jahr. Das ist das zentrale Ergebnis der Studie „Fast growth in Germany: Venture Capital and Start-ups in Germany 2017“, die die Wirtschaftsberatung Ernst & Young (EY) vorgestellt hat. Die 100 am höchsten finanzierten deutschen Start-ups haben bis zum Ende des Jahres 2017 8,5 Milliarden US-Dollar Risikokapital akquiriert. Zum Vergleich: Im Vorjahr waren es knapp 6 Milliarden Euro.

„Auf der einen Seite gab es 2017 ein großes Angebot an interessanten Start-ups“, sagt EY-Partner Thomas Prüver, der die Studie geleitet hat. „Und auf der anderen Seite war auch die Nachfrage hoch.“ Nicht zuletzt aufgrund der positiven Konjunkturaussichten seien etliche neue Fonds entstanden, die nach Targets für ihre Investitionen suchten.

Auch international steht die deutsche Tech-Start-up-Szene gut da. „Neben London ist Berlin einer der führenden Märkte in Europa“, sagt Prüver – wobei sich die weitere Entwicklung derzeit schwer abschätzen lässt. Denn zum einen könnte der Brexit dazu führen, dass London als Standort geschwächt wird und Investoren und Start-ups (ähnlich wie die Banken) vermehrt auf das europäische Festland setzen. Zum anderen könnte Paris ein neuer Standort werden: „Emmanuel Macron versucht sehr stark, die Digitalisierung voranzutreiben“, konstatiert Prüver. Vom vehementen Standortmarketing des französischen Präsidenten könne die deutsche Politik durchaus etwas lernen.

KNAPP 90 PROZENT SIND CORPORATES

Nach wie vor sind knapp 90 Prozent der Start-up-Investoren bei sogenannten Trade Sales, also mehrheitlichen Übernahmen, Corporates beziehungsweise Corporate- Venture-Fonds. Lediglich 12 Prozent der Übernahmen werden von Finanzinvestoren getätigt. Geändert hat sich allerdings, welche Corporates investieren. Kam 2014 zum Beispiel noch jeder dritte investierte US-Dollar aus einem Medienunternehmen, war es 2017 nur noch jeder achte. Umgekehrt haben Industrie- und Technologieunternehmen ihren Anteil von 22 auf 43 Prozent fast verdoppelt. „Die Medienbranche war damals eine der ersten, die disruptiert wurden“, erinnert sich Prüver. Mittlerweile hätten aber gerade die großen Medienunternehmen ihre Hausaufgaben und sich auch mit Hilfe von Zukäufen fit für die Zukunft gemacht. Jetzt zögen die Industrieunternehmen nach.

Insgesamt bewertet Prüver die Entwicklung hierzulande positiv. Insbesondere habe sich das Spektrum der verschiedenen Start-ups verändert. „Während noch vor sechs oder sieben Jahren vor allem E-Commerce-Start-ups erfolgreich waren, gibt es heute immer mehr Deep-Tech-Gründungen, zum Beispiel im Bereich Blockchain oder Künstliche Intelligenz“, sagt Prüver. Gleichwohl waren auch 2017 viele der bestfinanzierten Start-ups hierzulande E-Commerce-Anbieter oder Plattformbetreiber – allen voran Delivery Hero mit einer Gesamtfinanzierung von 1,86 Milliarden Euro bis zum erfolgreichen IPO.

Ihnen geht es nach den Beobachtungen des Experten nicht nur darum, mit dem Geschäft eines Start-ups selbst direkt viel Geld zu verdienen. Ebenso wichtig sei es, Talente zu sichern. „Durch Zukäufe holen sich die Konzerne junge Mitarbeiter mit Digitalexpertise ins Haus“, sagt Prüver. Zudem seien Zukäufe auch ein Weg, schnell an neue Technologien zu kommen. Und auch der Standort der Startups kann bei der Investmententscheidung eine Rolle spielen: „Konzerne versuchen mitunter, durch Zukäufe auch in Berlin vertreten zu sein.“

Bleibt die Frage, wie die Entwicklung weitergeht. In der Studie schreiben Prüver und seine Kollegen, dass internationale Corporates und Finanzinvestoren auch 2018 mit großem Interesse auf deutsche Start-ups schauen werden. Schon heute seien sie für einen immer größeren Teil der Investitionen verantwortlich. Zudem dürfte der Anteil der Technologieunternehmen am Investitionsvolumen noch weiter steigen. Doch auch wenn er sich selbst im Gespräch mit CEDO als „Berufsoptimist“ bezeichnet, warnt Prüver vor dem Ende der Niedrigzinspolitik. „Wenn die Zinsen irgendwann einmal wieder substantiell steigen, dann steht dem Markt deutlich weniger Liquidität zur Verfügung“, sagt er voraus. Dann werde die Zahl der Investitionen abnehmen. Tech-Start-ups seien eben keine Ausnahme, sagt der Experte. „Wie in jeder Industrie wird es auch nicht ewig aufwärtsgehen.“