Diversity

Raus aus der Komfortzone der Konformität
Eine vielfältige Belegschaft hilft dabei, die Herausforderungen der Digitalisierung zu meistern.
TEXT: ELISABETTA CASTIGLIONI

Das durchschnittliche Vorstandsmitglied eines börsennotierten deutschen Unternehmens ist deutsch, männlich, Jahrgang 1964 und Absolvent eines BWL- oder Ingenieursstudiengangs an einer westdeutschen Universität. In den Vorständen sitzen fast doppelt so viele Manager, die Thomas oder Michael heißen, als Frauen insgesamt. Das berichtet der aktuelle Allbright- Bericht „Führung ohne Vielfalt“ – und liefert die Erklärung gleich mit: „CEOs umgeben sich bevorzugt mit Spiegelbildern ihrer selbst.“

Homogenität von Herkunft und Erziehung hat erst einmal auch Vorteile: Die Zusammenarbeit ist oft einfacher, man teilt dieselben Werte, versteht sich ohne viele Worte und kommt bei Entscheidungen schnell auf einen Nenner. Und der Erfolg der deutschen Wirtschaft schien den Verfechtern homogener Vorstände ja auch lange recht zu geben. Jüngere Erfahrungen sprechen allerdings dagegen: Es ist (längst) Zeit umzudenken.

Dass es bei „Diversity“ nicht um eine Modeerscheinung, sondern um harte Zahlen geht, ist eigentlich keine neue Erkenntnis. McKinsey hat schon 2011 in einer weltweiten Studie den Zusammenhang zwischen der Vielfalt im Vorstand und dem Betriebsergebnis nachgewiesen. Und einer Analyse von Crédit Suisse zufolge sorgt schon ein einziges weibliches Vorstandsmitglied für deutlich höhere Eigenkapitalrenditen. Andere Untersuchungen belegen die positiven Auswirkungen von kultureller Vielfalt auf die Innovationsfähigkeit und stellen fest, dass Unternehmen mit divers zusammengesetzten Führungsteams mit größerer Wahrscheinlichkeit neue Produkte entwickeln oder echte Innovationen auf den Markt bringen als solche mit homogener Führung.

NEUE PERSPEKTIVEN WAGEN

Überall dort, wo die Digitalisierung die Spielregeln des Wettbewerbs auf den Kopf stellt, helfen die Erfolgsrezepte und Managementmethoden von gestern nicht mehr weiter. Führungskräfte müssen Bewährtes über Bord werfen und neue Perspektiven wagen. Und genau diesen Vorteil der unterschiedlichen Perspektiven haben diverse Teams. Das haben amerikanische Forscher mit einer ganzen Reihe psychologischer Experimente nachgewiesen. Homogen und divers zusammengesetzte Teams mussten parallel zueinander verschiedene Aufgaben bewältigen, wie beispielsweise Aktien bewerten, Gerichtsurteile fällen oder Kriminalfälle lösen. Und regelmäßig schlug die Diversität die Konformität: Vor allem bei komplexen Problemen und unklarer Faktenlage schnitten divers zusammengesetzte Teams besser ab als Gruppen von Hochbegabten mit einheitlichem Background.

Komplexe Anforderungen und eine unklare Faktenlage sind indes mittlerweile auch Normalität in vielen Unternehmen. Um die zu meistern, muss das Management endlich die Komfortzone der Konformität verlassen und sich auf das „Abenteuer Vielfalt“ einlassen. Dabei geht es längst nicht nur um Unterschiede in Geschlecht, Hautfarbe oder ethnischer Herkunft. Auch Vielfalt in puncto Bildungsweg, sozialem Background, Alter oder Persönlichkeitsstruktur hilft. Entscheidend ist der unterschiedliche Erfahrungshorizont, der andere Sichtweisen auf die Welt und verschiedene Herangehensweisen an Probleme ermöglicht. Anscheinend führt allein die Tatsache, dass man mit Menschen zusammenarbeitet, die anders sind als man selbst, dazu, dass man den eigenen Standpunkt eher hinterfragt – oder ihn gegebenenfalls besser begründet, wie Katherine W. Phillips, Professorin an der Columbia Business School, in langjähriger Forschung nachgewiesen hat. Daneben ist es schon fast zur Selbstverständlichkeit geworden, dass mehr Vielfalt im Unternehmen auch nötig ist, um die vielfältigen Bedürfnisse diverser Kundengruppen besser verstehen und bedienen zu können.

A1 Digital versucht, mit gutem Beispiel voranzugehen. Das Mutterunternehmen, A1 Telekom Austria Group, hat die „Charta der Vielfalt“ unterzeichnet, eine Selbstverpflichtung zur Förderung der Wertschätzung gegenüber allen Mitgliedern der Gesellschaft, unabhängig von Geschlecht, Lebensalter, Herkunft und Hautfarbe, sexueller Orientierung, Religion und Weltanschauung sowie körperlicher oder geistiger Behinderung. Darüber hinaus fördert A1 Digital die Chancengleichheit für beide Geschlechter zum Beispiel im Rahmen seines Frauennetzwerks „Women matter“.

Es lohnt sich, in Vielfalt zu investieren – auch und gerade für Unternehmen, die besonders mit dem Fachkräftemangel kämpfen. Denn weil viele Unternehmen noch auf Konformität setzen, stehen die Chancen gut, genau hier Talente zu rekrutieren. Und diese können sich am besten entwickeln, wenn jeder Mensch seinen Interessen folgen kann – unabhängig von Nationalität, Geschlecht oder Hintergrund. Hier haben auch kleinere Unternehmen im Wettbewerb um die besten (weiblichen) Talente gar nicht unbedingt die schlechtesten Karten. Sie sollten sie allerdings schnellstmöglich spielen.

ELISABETTA CASTIGLIONI ist seit 2017 CEO von A1 Digital, einer B2B-Tochter der Telekom Austria Group, die mittelständische Unternehmen im Bereich der Digitalisierung mit Cloud- und IoT-Lösungen begleitet. Zuvor war die gebürtige Italienerin von 2013 bis 2016 Aufsichtsrätin der Telekom Austria Group.