Buzzword-o-Rama

Mitreden können bei: Sprunginnovationen
Wer unversehens zwischen Start-up-Unternehmer und Digital Consultants gerät, bekommt Buzzwords um die Ohren. Damit Sie gewandt mitreden können, klärt CEDO über die wichtigsten Hypes auf.
TEXT: MATTHIAS SCHMIDT-STEIN

WER REDET DARÜBER?

Vor allem die Bundesregierung.

WAS MUSS ICH DARÜBER WISSEN? 

Das Bundeskabinett will eine „Agentur zur Förderung von Sprunginnovationen“ gründen. Eine Milliarde Euro an Fördergeldern soll die Agentur vergeben, um „bahnbrechenden Ideen zum Markterfolg zu verhelfen“, gut 150 Millionen Euro sind für die ersten drei Jahre eingeplant. Sprunginnovationen sind nach Definition der Politik „solche Innovationen, die eine radikale technologische Neuerung beinhalten. Sie haben das Potenzial, bislang bekannte Techniken und Dienstleistungen bahnbrechend zu verändern und zu ersetzen.“

Es geht also, in der Sprache der Wirtschaft, um Disruption. Diese will die Bundesregierung fördern, damit Deutschland auch in Zukunft zu den wirtschaftlich stärksten Ländern der Welt gehört. Zwar landet die Bundesrepublik in Innovationsrankings dank unzähliger Patentanmeldungen regelmäßig weit vorn. Doch hinter vorgehaltener Hand klagen Vertreter aus der Wirtschaft immer wieder darüber, dass diese Zahlen wenig aussagten: Insgesamt, so wird moniert, seien weite Teile der deutschen Industrie schwerfällig und innovationsfeindlich. Während hierzulande der Diesel optimiert werde, ginge es in den USA und China um Elektromobilität und Brennstoffzellen.

Das Problem bei der Sache: Was eine disruptive Idee, also eine „Sprunginnovation“ ist, zeigt sich oft erst im Nachhinein. Um die besten Ideen schon in der Frühphase identifizieren und fördern zu können, braucht es Expertise und das „richtige Näschen“ – sprich: das richtige Personal. Um die klugen Köpfe wird die Agentur kämpfen müssen. Ob sie die nötigen Gehälter zahlen will und kann, ist unklar.

NUR HYPE ODER AUCH SUBSTANZ? 

In beinahe jedem Artikel zur Sprunginnovationsagentur kommt irgendwann das Beispiel des MP3-Standards auf. Dieser wurde in Deutschland entwickelt, Geld verdient haben mit ihm aber vor allem Firmen aus anderen Ländern. Apple zum Beispiel mit iPod und iTunes, aber auch Unterhaltungselektronikhersteller aus Asien. So etwas soll nach dem Willen der Politik nicht wieder passieren, weshalb – anders als bei dem Dateiformat, das am Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen in Erlangen entstand – vor allem die Innovationskraft innerhalb von Unternehmen gefördert werden soll. Das wiederum kritisieren einige Ökonomen als Eingriff in den Markt.

WAS KOMMT DANACH?

Als eines der Vorbilder der Agentur gilt die Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA) des US-amerikanischen Verteidigungsministeriums. Auf deren staatlich geförderte Arbeit gehen sowohl die Anfänge des Internets als auch das Satellitennavigationssystem GPS zurück, ihr jährliches Budget liegt bei etwa 3 Milliarden US-Dollar. Auch in Israel profitieren viele Start-ups von staatlichen Aufträgen unter anderem im Bereich Cybersicherheit; China investiert wiederum Milliardensummen unter anderem in die KI-Forschung. Das heißt: Soll die deutsche Agentur dauerhaft Erfolg haben, benötigt sie viel Geld und Geduld. Eine Alternative wäre die Einrichtung einer solchen Agentur auf EU-Ebene, wie sie der französische Präsident Emmanuel Macron vorgeschlagen hat. Vielleicht gibt es irgendwann aber auch auf dem Gebiet der staatlichen Innovationsagenturen eine völlig neue Art von Vorgehen. Sozusagen eine Sprunginnovation im Behördendschungel.


UND WAS SAG ICH NUN BEIM SMALL TALK DAZU?

"Ganz schön innovativ von der Politik, einen neuen Namen für das zu finden, was wir Disruption nennen."

"Ein gutes Pferd springt immer nur so hoch, wie es muss."

"Die letzte echte Sprunginnovation war der Fosbury-Flop im olympischen Hochsprungwettbewerb 1968."