Intelligente Städte

Auf Schleichwegen in die Smart City
Bis zur intelligenten Stadt wird es noch einige Zeit dauern – vor allem in Deutschland. Doch zumindest die großen Konzerne profitieren von zukunftsträchtigen Projekten in aller Welt.
TEXT: INGO STEINHAUS

Breitband-Kommunikationsnetze, Energiemanagement für Gebäude und Straßenbeleuchtung, intelligente Verkehrssteuerung und Parkraumbewirtschaftung, Apps für den Zutritt zu Parkhäusern, Theatern, Museen und dem Nahverkehr – all das kann zu einer Smart City gehören. Die Aufzählung ist lange nicht vollständig, und sie zeigt das Problem mit dem Begriff: Es gibt kein einheitliches Konzept und auch keine allgemeingültige Definition. Praktisch jeder Protagonist aus Politik, Verwaltung und Wirtschaft greift sich etwas heraus, das zur örtlichen Lage und den vorhandenen finanziellen Kapazitäten passt.

„Die intelligente Stadt ist eher ein Dachbegriff, unter dem sich eine große Anzahl von Einzelinitiativen versammelt“, sagt Bernd Groß, CEO und Gründer von Cumulocity, einer IoT-Plattform, die auch an Smart-City-Projekten beteiligt ist. „Die strategischen Ziele der Stadt sind wichtig, um die entscheidenden Anwendungsfälle auszuwählen.“ Aus seiner Sicht interessieren sich die Städte vor allem für die drei Aspekte Kosteneffizienz, Nutzungsoptimierung und neue Services – in dieser Reihenfolge. Obwohl die meisten Projekte mit Schlagworten wie „lebenswerte Stadt“ oder „bürgernahe Services“ beworben würden, stünden Effizienzgewinne an erster Stelle. Digitalisierung und die Informationstechnologie wirkten auf die Städte sehr attraktiv als kostensenkende Faktoren.

Gleichzeitig sind für smarte Städte Investitionen erforderlich, in erster Linie in Hardware und Software. Groß sieht hierbei die Gefahr, dass aus Angst vor Kostenexplosion und langen Projektzeiträumen zu viele Insellösungen entstehen. Seine Kritik: „Bei der Umsetzung wird zu selten die Möglichkeit genutzt, Komponenten wiederzuverwenden.“ Das sei aber langsam und kostspielig in der Entwicklung und der Wartung, sagt er. „Zudem entstehen Silos mit nicht integrierten Daten.“ Besser sei ein strategischer Ansatz, der für konkrete Probleme langfristige Lösungen entwickelt.

HOHES WIRTSCHAFTLICHES POTENTIAL

Ein Beispiel für ein ebenso strategisches wie pragmatisches Vorgehen findet sich auf der anderen Seite der Erde: Melbourne ist eine Multi-Millionen-Einwohner-Stadt im australischen Bundesstaat Victoria. Ein 360-Grad-Konzept dürfte Politik, Verwaltung und Wirtschaft überfordern. Also widmet sich die Verwaltung ihrem drängendsten Problem: Die Stadt wächst rasend schnell und wird 2030 voraussichtlich sieben Millionen Einwohner haben, was enorme Probleme mit Pendlern und Lieferverkehr bedeutet. Daher will Vicroads, der privatwirtschaftlich organisierte Betreiber der Autobahnen des Bundesstaates, mit dem „Smart Motorway“ den Verkehrsfluss intelligenter steuern. In naher Zukunft werden Zehntausende vernetzte IoT-Geräte Verkehrsdaten erfassen und auswerten. Die Analyseergebnisse erzeugen Verkehrsinfos oder steuern Wechselverkehrszeichen.

Obwohl es „nur“ um die Stadtautobahnen geht, zeigt dieses Projekt bereits das wirtschaftliche Potential. Es werden Tausende neue Geräte aufgestellt, spezifische Anwendungen sind zu entwickeln und später zu betreiben. Neben dem Auftraggeber sind zahlreiche weitere Unternehmen beteiligt, unter anderem auch die Software-AG-Tochter Cumulocity mit ihrer IoT-Plattform. Die Smart City ist aber nicht nur für Unternehmen aus der Digitalwirtschaft interessant. Auch Firmen aus traditionellen Branchen, beispielsweise Transport und Logistik, Elektrotechnik und andere, können von diesem Wachstumsmarkt profitieren.

Nach einer Studie des Eco-Verbandes der Internetwirtschaft hat der Smart-City-Sektor in Deutschland 2017 bereits 20,4 Milliarden Euro Umsatz gemacht. In den nächsten vier Jahren soll sich diese Zahl mehr als verdoppeln. Das klingt zwar gut, zeigt aber auch den Nachholbedarf: Laut Marktforschungsunternehmen Frost & Sullivan sollen die weltweiten Smart-City-Umsätze bis 2025 auf mindestens zwei Billionen US-Dollar anwachsen. Deutschlands Anteil laut Eco-Studie würde also magere zwei Prozent betragen.

Die großen Dax-Konzerne profitieren auch vom globalen Wachstum. Sie sind an mehreren Projekten außerhalb Deutschlands beteiligt, etwa in Dubrovnik (Telekom), Singapur (Siemens) oder San Francisco (Bosch). Die Konzerne besetzen das Thema mit hohem Marketingaufwand und propagieren ihre Lösungen zum Beispiel als „Betriebssystem für die Smart City“ (Siemens über seine Plattform Mindsphere).

Doch auch in Deutschland gibt es erste größere Projekte. Bochum beispielsweise wird in Zusammenarbeit mit dem Breitband-Anbieter Unitymedia zur ersten Gigabit-City in Deutschland – zumindest für 90 Prozent der Haushalte. Ludwigsburg versteht sich als „Living Lab“ und erprobt zusammen mit Siemens und Bosch neuartige smarte Lösungen. T-Systems rüstet im Rahmen des Projektes „Smart City Bonn“ die Bundesstadt mit digitalen Technologien aus.

Im Vordergrund stehen in diesen Fällen intelligente Straßenlampen als Basis für die weitere Digitalisierung, die Parkraumbewirtschaftung mit Leitsystemen und Apps sowie intelligente Müllbehälter zur Planung der Abfuhr. Gemeinsam ist diesen und vergleichbaren Projekten die technologische Basis im Internet der Dinge. Das hat sich als Standardanwendung für Smart- City-Projekte herauskristallisiert, da sich Laternen, Container, Parkautomaten oder Straßenschilder relativ einfach durch Retrofitting mit Zusatzgeräten in IoT-Devices verwandeln lassen. Der Markt gilt als vielversprechend, so dass sogar Konkurrenten zusammenarbeiten: Mitte November verkündeten SAP und Software AG den Aufbau einer gemeinsamen Plattform. Mit ihr sollen Städte und Landkreise ihre Initiativen eigenverantwortlich umsetzen und den Bürgern neue intelligente Dienste anbieten.

VIELE DEUTSCHE UNTERNEHMEN PROFITIEREN

Doch angesichts der Behördenstrukturen ist die Gefahr kurzatmiger Projekte groß. So ist zwar die Initiative „Digitale Stadt Darmstadt“ Sieger in einem Bitkom- Wettbewerb geworden, doch sie wird nur für zwei Jahre von Bund und Land gefördert – für große Würfe ein eher kurzer Zeitraum, zumal Projektförderungen immer befristet sind. „Solange Smart-City- Initiativen auf Fördermittel angewiesen sind, wird es kaum eine nachhaltige Entwicklung geben“, kritisiert Gregor Ilg von der Digitalberatung Etventure. „Einzelne Projekte können hochinnovative Ergebnisse liefern. Aber sobald das Geld ausgegeben ist, ist das Projekt zu Ende.“

Auch Lutz Heuser, ehemaliger SAPForschungschef sowie Gründer und CEO des Smart-City-Lösungsanbieters Urban Institute betont, dass die Städte bei der Verwirklichung von smarten Projekten einen langen Atem haben müssen. „Die deutschen Kommunen sind recht spät gestartet, da Strategien für die intelligente Stadt nur schwer mit Dezernaten und Behördenstrukturen zur Deckung zu bringen sind.“ Heuser ist einer der Gründer des „Smart City Forums“, eines Netzwerks für die urbane Digitalisierung mit etwa 3.200 Mitgliedern. Hier können sich die Kommunen austauschen und von den Erfahrungen der Vorreiter profitieren.

Bislang sind die Smart-City-Vorhaben vor allem für Unternehmen aus Elektrotechnik und Elektronik interessant. Häufig werden die Projekte jedoch bloß als zusätzliches Marktsegment wahrgenommen. Interessierte Unternehmen beteiligen sich im Rahmen ihrer Vertriebsstrategie an Ausschreibungen, geben dem Thema aber häufig keine strategische Priorität. Ein wichtiger Hinderungsgrund ist die Tatsache, dass die Städte solche Vorhaben europaweit ausschreiben müssen – mit dem entsprechenden bürokratischen Aufwand für potentielle Auftragnehmer. Gute Kontakte in die verschiedenen Ebenen in Politik und Verwaltung können helfen, rechtzeitig von neuen Projekten zu erfahren und die eigene Expertise einzubringen – und gegebenenfalls die Details der Ausschreibung zu beeinflussen. Schließlich dürften Gemeinden, die ein Gegenmittel zu Bekämpfung der Parkplatznot suchen, wohl kaum zuerst an bestimmte Geräte oder Softwareplattformen denken.