Interview mit Robert Jung

„Mehr Agilität, weniger Planung“
Robert Jung, Digital Strategy and Transformation Solution Lead GSA bei EY, spricht im Interview darüber, was die Digitalisierung hemmt – und welche Branchen Vorreiter sind.
TEXT: CHRISTIAN PREISER UND MATTHIAS SCHMIDT-STEIN

Führt die brummende Konjunktur dazu, dass die Unternehmen vor lauter operativem Geschäft die Digitalisierung verpassen?

Vielen Unternehmen geht es gefühlt und nach Kassenlage sehr gut. Daher empfinden sie derzeit keinen akuten Schmerz. Ohne Schmerzgefühl fehlt aber das Verständnis dafür, dass es in Sachen Digitalisierung Handlungsdruck gibt. Unsere Konjunktur basiert nicht zuletzt auf einem außergewöhnlich langen Aufschwung mit außergewöhnlich niedrigen Zinsen. Das kann sich schnell ändern – und dann muss man vorbereitet sein.

Woran liegt es noch, dass die Digitale Transformation nur schleppend vorankommt?

Gerade in jüngerer Zeit sind viele Unternehmen aufgewacht und aktiv geworden – keinen Moment zu früh. Trotzdem lassen sich hierzulande häufig eine fehlende Risikoaffinität beobachten sowie der Wunsch nach dem perfekten Plan für die nächsten fünf Jahre. Die Zeiten, in denen das möglich war, sind allerdings vorbei. Einige Geschäftsmodelle halten kaum noch zwölf Monate. Deshalb müssen wir lernen, Risiken besser zu managen und die fehlende Planbarkeit mit größerer Agilität in den Griff zu bekommen.

Wo muss der Digitalverantwortliche im Unternehmen verortet sein?

Wenn der amtierende IT-Leiter digitale Affinität und die Fähigkeit zur Mitsprache bei unternehmensstrategischen Fragestellungen besitzt, braucht es womöglich gar keine separate CDO-Position. Viele CIOs denken aber in „Plan, build, run“ statt in den Kategorien „Unternehmenserfolg, Kostenreduktion und Wachstumschancen“. In diesem Fall sollte der CDO neben oder über den CIO gestellt werden.

Welche Branchen sind Vorreiter in Sachen Digitalisierung?

Die Faustregel lautet: Je mehr Hightech ein Produkt enthält, umso affiner ist die Branche in Sachen Digitalisierung. Die ITK- und die Entertainmentbranche sind daher ganz vorn mit dabei, Versorger und Verwaltung liegen eher hinten. Gerade Letzteres ärgert mich doppelt: Denn als Berater sehe ich das Potential, und als Bürger ärgere ich mich über unnötige Behördengänge.

Woran erkennt man, dass ein Digital-Buzzword echtes Geschäftspotential besitzt?

Gar nicht. Jedenfalls nicht in der Theorie oder durch Gedankenspiele. Besser ist es, im eigenen Unternehmen in kleinem Kreis und bei übersichtlichem Risiko auszuprobieren, zu experimentieren, dazuzulernen, anzupassen und – falls erfolgreich – schnell zu implementieren und zu skalieren. Das ist selbst dann eine exzellente Investition, wenn das Experiment scheitert. Denn es hilft, digitale Fähigkeiten aufzubauen und die Unternehmenskultur agiler zu gestalten.

Robert Jung

EY

ROBERT JUNG ist ist Digital Strategy and Transformation Solution Lead GSA bei EY.