Kommunaler CDO

„Wenn etwas einfach ist und das Leben bereichert, dann hat es auch Erfolg“
Rolf Heiler hat in seinem Leben zwei Firmen gegründet und geführt. Seit Anfang Oktober ist er CDO der Stadt Ludwigsburg – und profitiert von seinen Erfahrungen als Unternehmer.
TEXT: Matthias Schmidt-Stein

Herr Heiler, Sie waren Gründer und Chef eines IT-Unternehmens und einer Filmproduktionsfirma. Seit Anfang Oktober arbeiten Sie als CDO für die Stadt Ludwigsburg. Ist das nicht eine ziemliche Umstellung?

Sie haben recht: Ich bin unternehmerisch geprägt und in der Wirtschaft sozialisiert und denke immer noch als Unternehmer. Aber auch in meiner Funktion als kommunaler CDO muss ich Projekte voranbringen, die der Markt – und das ist in unserem Fall der Bürger und die Wirtschaft – haben will. Allerdings unterliegt eine Kommunalverwaltung anderen rechtlichen Vorgaben und Rahmenbedingungen als Unternehmen. Meine Lernkurve ist derzeit relativ steil.

In Sachen Kommunalverwaltung sind Sie ein Neuling. Wie wurden Sie von Ihren Kollegen in der Verwaltung aufgenommen?

Ich kann mich absolut nicht beklagen und habe bislang nur positive Erfahrungen gemacht. Auch eine Verwaltung arbeitet ja nicht mehr so hierarchisch wie früher. Natürlich wissen die Mitarbeiter, wer weisungsbefugt ist und wer nicht. Aber im täglichen Arbeitsleben sind Themen wie Motivation und Kommunikation wichtiger. Da unterscheidet sich der öffentliche Sektor kaum noch von der freien Wirtschaft.

Sie üben Ihre Stelle als CDO auf Honorarbasis aus und sind nicht fest im öffentlichen Dienst angestellt. Nebenbei betreiben Sie Ihre Werbefilmfirma Cinecore weiter. Kann es da nicht zu Interessenkonflikten kommen?

Unser Unternehmen ist mit meinem langjährigen Geschäftspartner und seinen Mitarbeitern gut aufgestellt. Mein Engagement für beide Organisationen ist hoch, aber gut leistbar. Mein täglicher Arbeitsaufwand hat sich insgesamt jedoch deutlich erhöht. Aber es macht Spaß und ich freue mich, wenn ich einen Teil dazu beitragen kann, dass Ludwigsburg noch attraktiver wird.

Wie sind Sie denn eingebunden in die Verwaltung?

Wir sind gerade dabei, die Strukturen um den CDO herum aufzubauen. Daher ist etliches im Fluss. In Kürze soll aber ein eigenes Digitalreferat geschaffen werden. Ich berichte jedoch heute schon direkt an den Oberbürgermeister und verfüge über ein Team von mehreren Mitarbeitern. Meine Aufgabe wird vor allem darin bestehen, digitale Projekte zu konzipieren, zu koordinieren und gemeinsam mit den Fachbereichen für ihre Umsetzung zu sorgen.

Im Grunde also ähnlich wie bei dem CDO eines Unternehmens – wobei sich die Projekte unterscheiden dürften. Was ist in Ludwigsburg geplant?

Da ist zunächst ein Gründer- und Technologielabor, das wir in Kooperation mit der Filmakademie aufsetzen wollen. Wir werden dafür sorgen, dass die Studenten auf einzigartige Weise mit der Wirtschaft vernetzt werden – und dann nach dem Studium auch in unserer Stadt bleiben und dort ihre Karriere beginnen können. Daneben spielt der Bereich Mobilität eine große Rolle.

Was planen Sie dort konkret?

Wir wollen zum Beispiel das Parkmanagement und den Verkehrsfluss insgesamt optimieren – auch um die Luft in der Stadt zu verbessern. Dafür benötigen wir neben leistungsfähigen Verkehrsleitrechnern mit intelligenter Steuerung durch Algorithmen eine flächendeckende 5G-Versorgung, um zum Beispiel Ampeln und Sensoren in Straßen und Radwegen mit Fahrzeugen, Radfahrern und Fußgängern zu verbinden. Besserer Verkehrsfluss durch intelligente Systeme reduziert Abgase und Stress.

Wie sieht es mit der Digitalisierung der Stadtverwaltung selbst aus?

Auch daran arbeiten wir – vor allem in den Bereichen, wo der Bürger direkten Kontakt zur Kommunalverwaltung hat. So arbeiten wir an der Einrichtung eines Bürgerkontos, über das die Bürger zum Beispiel einen Wohnortwechsel melden oder einen Reisepass beantragen können – ohne von den Öffnungszeiten der Stadtverwaltung abhängig zu sein. Unser Ziel ist es, den Bürgern die Möglichkeit zu geben, sämtliche Anträge, Bewilligungen und Transaktionen mit ihrem Laptop oder einem Mobilgerät abzuwickeln. Der Gang ins Rathaus ist dann nur noch für die Eheschließung notwendig und wenn die Bürger an öffentlichen Gemeinderatssitzungen teilnehmen wollen.

Wie nehmen die Bürger solche Angebote an?

Unterschiedlich. Eine Stadt wie Ludwigsburg hat eine vielschichtige Bevölkerung mit Menschen in jedem Alter sowie in unterschiedlichen Einkommens- und Bildungsklassen. Grundsätzlich beobachte ich, dass die Bevölkerung digitale Angebote schätzt und annimmt, wenn die Bedienung einfach und der Nutzen hoch ist. Das gilt auch für ältere Menschen. Wenn etwas einfach zu bedienen ist und das Leben bereichert, dann hat es auch Erfolg. Wenn es hingegen kompliziert ist und der Nutzer keine wesentliche Verbesserung für sich selbst sieht, dann funktioniert es nicht. Deshalb konzentrieren wir uns am Anfang auch auf die „quick wins“ – also auf Projekte, die einen hohen Mehrwert bringen und niederschwellig sind.

Sie sind ja nicht der einzige CDO einer Kommune. Tauschen Sie sich mit den Kollegen aus?

Ja, so oft wie möglich. Wir besuchen uns gegenseitig und treffen uns auf Konferenzen. Wir tauschen uns zu konkreten Themen aus. Gerade in meinen ersten Wochen haben mich Rat und Tat des Kollegen aus Karlsruhe weitergebracht. Da gibt es zwischen den Städten, mit denen wir sprechen, kein Konkurrenzdenken oder gar Rivalität. Schließlich sind die Projekte und Probleme überall dieselben, so dass wir von den Erfahrungen der anderen lernen.

Heißt das, dass jede Stadt und jeder Landkreis einen CDO braucht?

Ein CDO macht dann Sinn, wenn die Stadt oder der Landkreis das Thema Digitalisierung als wesentlichen Katalysator für ein besseres Leben der Bürger und der Wirtschaft versteht. Wenn wir bei sämtlichen Themen und Herausforderungen von Beginn an die Digitalisierung bedenken, dann entwickelt sich im Laufe der Zeit eine Mentalität der maximalen Serviceorientierung. Die Technik darf dabei nicht dominieren. Sie ist ein wichtiges Werkzeug. Aber die darüberstehende Idee muss dem Wohl der Stadt und ihrer Bürger dienen.

Welche Rollen spielen die politisch Verantwortlichen in Land und Bund? Was würden Sie sich von diesen wünschen?

Die Politik steht an unserer Seite – insbesondere beim Thema saubere Luft und der nachhaltigen Verbesserung der Lebensqualität in den Städten. Die aktuellen Förderprogramme zum Beispiel sind wichtig und hilfreich. Wir müssen jedoch noch mehr Überzeugungsarbeit bei der Einführung neuer, digitaler Geschäftsmodelle und bei der Unterstützung von jungen Firmengründern leisten. Dort müsste die Politik noch mehr Mut zeigen und Verantwortung übernehmen. Zum Beispiel indem Gründerprojekte mit großem Potential und hohen Alleinstellungsmerkmalen erkannt und unterstützt werden.

Rolf Heiler

CDO der Stadt Ludwigsburg

ROLF HEILER gründete 1987 Heiler Software. 2000 brachte er das Unternehmen an die Börse, 2012 verkaufte er seine Anteile an den US-Konzern Informatica. Wenig später gründete Heiler in Stuttgart die Werbefilmfirma Cinecore Motion Pictures. Seit Oktober 2018 ist er Chief Digital Officer der Stadt Ludwigsburg.