Autonomes Fahren

Die Zukunft der Logistik: Wann fahren die ersten autonomen Lkw?
Internet der Dinge und autonomes Fahren: Zwei Megatrends werden bis Ende des nächsten Jahrzehnts die Logistik prägen. Bis dahin müssen wichtige Fragen zur Sicherheit und zu den Haftungsrisiken geklärt werden.
TEXT: INGO STEINHAUS

Ab dem Frühjahr sind sie auf der A9 zwischen Nürnberg und München unterwegs: die ersten teilautonomen Lastwagen von DB Schenker. Das Unternehmen erprobt dort das elektronisch unterstützte Fahren im Konvoi, „Platooning“ genannt. Dabei fahren Lkw durch Assistenzsysteme, GPS und Radar unterstützt in sehr geringem Abstand hintereinander her, enger als menschliche Fahrer bewältigen können. Dadurch wird die Straße besser ausgenutzt und die im Windschatten hinter dem Führungsfahrzeug rollenden Lkw sparen Diesel. Der erste Lkw bestimmt Fahrtrichtung und Geschwindigkeit, alle anderen folgen dank Funkkommunikation, als seien sie mit einer digitalen Deichsel angehängt.

BREITBANDIGE 5G-MOBILFUNKNETZE NÖTIG

Diese Versuchsfahrten mit speziell aufgerüsteten MAN-Lastern zeigen zwei Trends auf, die mittlerweile auch in der Transportlogistik angekommen sind: das Internet der Dinge (Internet of Things, IoT) und das teil- oder vollautonome Fahren. Dank IoT-Technologien können digital aufgerüstete Auflieger, Frachtcontainer oder Transportverpackungen jederzeit ihre Position melden, Daten über wichtige Werte wie Temperatur oder Feuchtigkeit der Ladung in die Cloud übertragen und Informationen für einen automatisierten Warenumschlag inklusive Echtheitsdaten mit sich führen. Auch die Assistenzsysteme in den Fahrzeugen werden zunehmend vernetzt, da während der Fahrt sehr viele Daten entstehen, die für Mobilitätsdienste sinnvoll sind. So tragen zum Beispiel die Nutzer von Android-Smartphones zu einer verbesserten Verkehrsführung bei: Sie übertragen auf Wunsch Bewegungsdaten, aus denen Google Maps Stauinformationen berechnet, die beinahe in Echtzeit aktualisiert werden.

Obwohl bereits heute technisch sehr viel möglich ist, stößt das Internet der Dinge noch auf Hindernisse: Zurzeit sind die Mobilfunknetze in Deutschland nicht ausreichend leistungsfähig. Allein hierzulande gibt es knapp drei Millionen Lkw, die sich die Landstraßen und Autobahnen mit etwa 45 Millionen Pkw teilen. Dazu kommen noch die Fahrzeuge aus den Nachbarländern, die Deutschland als Ziel haben oder zum Transit nutzen. Eine vollständige Vernetzung und Digitalisierung dieser Menge ist erst mit 5G-Mobilfunknetzen denkbar, der Nachfolgetechnologie zu den aktuell schnellsten LTE-Netzen. Immerhin sind im vergangenen Jahr einige kleinräumige 5G-Versuchsnetze gestartet. Ebenso im Aufbau befinden sich ergänzende LPWAN-Netze (Low Power Wide Area Network), die vor allem für die stromsparende Dauerübertragung von IoT-Daten gedacht sind und ebenfalls zur 5G-Technologie zählen. Zwar steigt die Anzahl der vernetzten Geräte kontinuierlich, doch die smarte Logistik wird erst dann zu 100 Prozent funktionieren, wenn die Netze im nächsten Jahrzehnt vollständig ausgebaut sind.

AUTONOME LASTER ROLLEN BALD

Assistenzsysteme und Autopiloten für das autonome Fahren sind der zweite Megatrend in der Logistikbranche. „Autonomes und vernetztes Fahren wird den Straßengüterverkehr grundlegend verändern“, sagt Ewald Kaiser, Chief Operating Officer Freight bei DB Schenker. Doch die Technologie ist noch nicht marktreif, die Hersteller inklusive einiger Silicon- Valley-Größen wie Google, Tesla oder Uber erproben sie im Moment noch. „Bis Lkw vollständig autonom fahren, wird es sicher noch viele Zwischenschritte geben“, betont Alex Vastag, Leiter der Abteilung Verkehrslogistik am Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik (IML) in Dortmund. Zunächst dürfte auf den Autobahnen autonom gefahren werden, während Strecken über Land oder in der Stadt noch wie gewohnt von Fahrern bewältigt werden. „Allerdings gibt es auch in der Transportlogistik auf der letzten Meile zahlreiche Versuchsprojekte, die möglichst viel dieses Abschnittes automatisieren wollen“, sagt Vastag.

Grundsätzlich glaubt der Wissenschaftler, dass in wenigen Jahren die ersten selbstfahrenden Laster auf den Straßen unterwegs sein werden. „Es gibt in der Logistikbranche einen enormen Digitalisierungsdruck, vor allem in Richtung autonomes Fahren. Denn die Personalkosten machen fast die Hälfte der gesamten Transportkosten aus.“ Wenn es langfristig gelingt, die Transportkosten zu halbieren, wird vermutlich eher mehr als weniger transportiert. „Der Lkw-Verkehr wird garantiert nicht weniger werden, möglicherweise wird er sogar wachsen“, glaubt Vaskap deshalb. Denn zusätzlich nimmt auch der E-Commerce zu, was zu einer Vervielfachung der Auslieferungsfahrten führt.

„Die wichtigste Konsequenz der autonomen, IoT-gestützten Logistik ist eine Verlagerung der Risiken.“

NEUE RISIKEN DURCH CYBERANGRIFFE

Die wichtigste Konsequenz der autonomen, IoT-gestützten Logistik ist jedoch eine Verlagerung der Risiken. Zwar sinkt das Risiko von Unfällen, die durch riskante Fahrweise, Nachlässigkeiten, Irrtümer oder die lange Reaktionszeit der menschlichen Fahrer verursacht werden, doch an anderer Stelle lauern neue Gefahren. So müssen vernetzte Container und Lkw vor Cyberangriffen durch Hacker geschützt werden. Die auf den Maschinen und Fahrzeugen laufenden Betriebssysteme und Anwendungen zur Ermittlung und Auswertung von Daten sind ebenso anfällig für Angriffe wie Server im Rechenzentrum. Das bedeutet, dass die Hersteller entsprechende Absicherungsmaßnahmen einbauen müssen. Darüber hinaus sollten aufgetauchte Sicherheitslücken sofort geschlossen werden – idealerweise via Update über das 5G-Netz.

Die autonomen Lkw der Zukunft brauchen also eine engmaschige Überwachung via Cloud und Internet, die auch Pannen und digitale Kriminalität erfassen muss. Denn bisher ist jeder Transport mit einem Lkw bewacht, der Fahrer achtet auf die Ladung. Ohne ihn könnten Kriminelle autonome Fahrzeuge kapern und an einen anderen Zielort umleiten – wenn sie Zugriff auf seine internen Systeme haben. Zurzeit richten die Hersteller ihren Blick eher auf die Funktionalität und weniger auf die Sicherheit der Systeme. Doch für eine breite Markteinführung müssen Maßnahmen her, beispielsweise die Verschlüsselung der Verbindungen, so dass Datenzugriffe von Dritten nicht so einfach möglich sind.

NEUE HAFTUNGSRISIKEN ERFORDERN ANDERE VERSICHERUNGEN

Zudem entstehen neue Haftungsrisiken. Die Anzahl der Unfälle wird insgesamt sicher sinken, doch es wird trotzdem einige wenige vom Computer verursachte Unfälle geben sowie Unfälle, die durch Unachtsamkeit anderer Verkehrsteilnehmer entstehen. Zurzeit ist in der Versicherungswirtschaft noch nicht endgültig geklärt, wie die bisherigen Haftungsprinzipien auf diese neue Situation übertragen werden. Lediglich die transportierten Waren dürften wie bisher versichert werden können.

Auf lange Sicht könnten autonome Laster die Versicherungskosten senken. „Es ist gut möglich, dass die Versicherungen für teil- und vollautonome Fahrzeuge unterschiedliche, günstigere Verträge mit gestaffelten Prämien anbieten“, sagt Alex Vastag. Da autonome Fahrzeuge ohnehin mit Telematik- Funktion ausgerüstet sind, ist zudem ein fahrtabhängiger Tarif denkbar. Vastag geht noch weiter: „Auf mittlere Sicht ist ein Verbot von nicht autonomen Fahrzeugen auf der Autobahn denkbar“, glaubt er. Dadurch würde das Unfallrisiko sehr stark sinken, was Versicherungen berücksichtigen könnten. Solche Szenarien klingen interessant, aber auch sehr futuristisch. Vollständig autonome Fahrzeuge werden noch einige Zeit auf sich warten lassen. Vor allem die Innenstädte sind als Hindernis- Parcours für Computer nicht zu unterschätzen. Autobahnfahrten sind da vergleichsweise einfach zu digitalisieren. Die Entwicklungen in der Pkw-Oberklasse der großen Hersteller und der neuen Player im Silicon Valley zeigen deutlich, dass teilautonomes Fahren vor dem Durchbruch in den breiten Markt steht. Der Trend ist eindeutig. Anbieter und Nutzer von Logistikdienstleistungen sollten den Markt genau beobachten und rechtzeitig in die entsprechenden Fahrzeuge und Technologien investieren.