Technologie: Blockchain

Den Kuchen neu verteilen: Was industrielle Lieferketten und die Medienbranche gemein haben
Die Blockchain-Technologie macht Prozesse effizienter und gleichsam sicherer. Dennoch sollten Industrieentscheider genau hinsehen, denn die Regeln ihrer Logistik könnten bald andere diktieren. Ein Vergleich zeigt, was industrielle Lieferketten und die Medienbranche gemein haben.
TEXT: STEFAN NOLLER

Wer heute online eine Nachrichtenseite aufruft, löst einen komplexen Supply-Chain-Prozess aus. Innerhalb von Millisekunden und üblicherweise auf Basis harter Service-Level-Agreements (SLA) werden diverse Server von Partnerunternehmen aufgerufen, Daten ausgelesen, Algorithmen gefüttert und ausgewertet, Priorisierungen und Black Lists abgeglichen, weitere Systeme in dritter und vierter Reihe befragt. Vermutlich hält das Supply-Management-System der Website zeitgleich noch mehrere Mini-Auktionen ab und holt Gebote von einer zweistelligen Zahl von Demand-Systemen ein. Zusätzlich trifft das führende Auslieferungssystem eine Reihe von Entscheidungen anhand von Auslastungskurven und Lieferzusagen gegenüber den Kunden der Website. Zusätzlich optimiert dieser Prozess die Monetarisierung jedes einzelnen Slots auf der mit Werbematerial zu beliefernden Seite.

AUTOMATISIERTES SUPPLY-CHAINMANAGEMENT VERÄNDERT DIE WERTSCHÖPFUNG

All das geschieht, um die Nachrichten garniert mit ein paar Werbebotschaften über die Seite verteilt zu präsentieren. Hochskalierende Datenbanken und In-Memory- Systeme, Machine-Learning-Algorithmen, Data-Management-Plattformen und elaborierte Echtzeit- Bidding-Infrastrukturen – und trotz allem lädt eine Nachrichten-Website üblicherweise schneller als ein Augenzwinkern. Diese Prozesse sind nicht nur beeindruckend, sondern sie haben die Art und Weise, wie Werbung online geschaltet wird, revolutioniert – und nebenbei die Größe der Kuchenstücke für die beteiligten Unternehmen neu definiert. Denn noch vor wenigen Jahren wurden Werbeanzeigen in Nachrichten-Webseiten „von Hand“ eingehängt. Daran verdienten vor allem Verlage. Die vollautomatisierte und datengetriebene Werbung hat die Wertschöpfungsanteile indes zugunsten von Tech-Unternehmen und Dienstleistern verschoben.

Ähnlich wie die Medienbranche könnte es bald auch im Supply- Chain-Management massive Innovationsschübe geben – oder vielmehr eine Verschiebung von Wertschöpfungsanteilen. Zwei Technologieentwicklungen sind dafür relevant: Komplexe und verteilte Prozessketten sind regelrecht prädestiniert für digitale Technologien und die Anwendung von Algorithmen, KI und datengetriebenen Prozessen. Hinzu kommt das Internet der Dinge, das auch das Supply-Chain-Management gravierend verändern wird. Allerdings verhindern derzeit noch zwei Faktoren die flächendeckende Anwendung von IoT-Elementen und digitalen Prozessen im professionellen Management von Kühlketten, Logistikinfrastrukturen und in der Vernetzung von Fabriken: Sicherheit und Integrität.

Ein mittelständischer Hersteller von Kugellagern, der seine Maschinen direkt mit der Fabrik des Turbinenherstellers vernetzen möchte, wird häufig zögern – trotz des vermutlich ziemlich beeindruckenden kaufmännischen Vorteils. Er zögert, weil IoT-Infrastrukturen nahezu täglich gehackt werden, egal ob es Atomkraftwerke, Flugzeuge, Autos oder eben Fabriken sind. Daten von IoT-Geräten, also Sensoren oder eben Steuerbefehle für Aktoren, können immer noch viel zu einfach gefälscht werden. Selten ist es sicher, ob ein Datum tatsächlich unzweifelhaft von genau diesem Absender kommt oder nicht in seinem Inhalt verändert wurde. Diese Aspekte sind für die Industrieautomatisierung und das digitale Supply-Chain-Management fundamental, derzeit aber vor allem ein Hemmschuh des Wachstums.

BLOCKCHAIN SORGT FÜR EFFIZIENZ UND SICHERHEIT

Im Wesentlichen werden unter Fachleuten zwei Lösungsbausteine diskutiert, um die Daten-Lieferkette adäquat abzusichern: Kryptographie und Blockchain.

Kryptographie kann verwendet werden, um jedes Ding – egal ob es eine Pumpe oder eine spezielle Filterkartusche ist – mit einer eindeutigen, unfälschbaren digitalen Identität zu versehen. Wenn das Gerät nun mit der Außenwelt kommuniziert, kann es die eigene (idealerweise auf dem Gerät selbst erzeugte) Identität in der Form eines privaten Schlüssels verwenden, um Messwerte zu signieren. Jeder Teilnehmer der Lieferkette kann nun anhand dieser Signatur nachprüfen, ob ein Datum wirklich von diesem speziellen Device kommt und ob der Inhalt der Messung auch nicht verändert wurde.

Diese Art der intrinsischen Sicherheit eignet sich gerade für verteilte dass sie nicht vergisst, was man in sie hineinschreibt.“ „ Das Hauptmerkmal der Blockchain ist, Lieferketten mit vielen Stakeholdern, denn die Prüfung der Integrität kann jederzeit erfolgen und erfordert keine Anbindung an komplexe geschlossene Systeme. Und sie funktioniert in beide Richtungen: Die Geräte können auch Steuerbefehle empfangen und bei diesen über die Prüfung der Signatur verifizieren, dass diese tatsächlich von der befreundeten Fabrik kommen und nicht von einem 15-jährigen Hacker aus der Nachbarschaft. Mit zusätzlichen Hand-Shake-Protokollen können auch noch explizit digitale Vertrauensbeziehungen zwischen Parteien hergestellt werden. So ist es möglich, dass Fabrik A digital erklärt, allen Geräten der Fabrik B zu vertrauen. In Fabrik B wiederum sind alle Geräte so miteinander kryptographisch vernetzt, dass dieses „vererbte“ Vertrauen nicht kompromittiert werden kann.

Der zweite Lösungsbaustein ist die Blockchain. Ursprünglich als verteiltes kryptographisches Protokoll entwickelt, um Zahlungsströme anonymisiert und ohne Hinzuziehung einer sogenannten Trusted Entity (wie z.B. einer Bank) abwickeln zu können, entwickelt sich die Blockchain zunehmend zu einem zentralen Lösungsbaustein, um sichere IoT-Anwendungen zu entwerfen. So wird sie auch beim Supply-Management der Zukunft nicht mehr wegzudenken sein.

Das Hauptmerkmal der Blockchain ist, dass sie nicht vergisst, was man in sie hineinschreibt. Dies wird durch eine komplexe mathematische Verkettung der Inhalte und ein verteiltes Protokoll erreicht. Zudem sind sogenannte Public Blockchains für alle weltweit einsehbar und dienen so als Quelle von Transparenz und Vertrauen. Man könnte von einer Art digitalem Universalgrundbuch des Internets sprechen.

„Das Hauptmerkmal der Blockchain ist, dass sie nicht vergisst, was man in sie hineinschreibt.“

DIE REGELN MACHEN ANDERE

Für das Supply-Chain-Management gibt es nun unterschiedliche Anwendungsmöglichkeiten. Einzelne Bauteile können mit ihrer unverfälschten Identität ein ebenfalls nicht fälschbares Logfile in der Blockchain hinterlegen. So kann jederzeit geprüft werden, woher welches Teil stammt, ob es von Fabrik A oder B kommt und ob es sich um ein Originalteil handelt oder eine Fälschung. Natürlich wäre auch denkbar, in gleicher Weise digital signierte Nutzungsdaten oder Wartungsinformationen zu hinterlegen und davon automatisierte Prozesse abzuleiten oder einen smarten Versicherungsschutz zu vereinbaren.

Doch es geht nicht nur darum, dass diese Technologien eine Effizienz- Revolution im Supply-Chain- Management anführen und so beispielsweise dafür sorgen könnten, dass Güter mit Künstlicher Intelligenz gesteuert über den Atlantik transportiert werden. Die Digitalisierung der Prozesse ruft auch neue Player auf den Markt. Sie werden das Management der Lieferkette zu einem strategischen Teil ihres eigenen Produkts erklären. Beispiel Waschmaschine als IoT-Produkt: Der Trend geht weg vom Produkt als Einnahmequelle hin zum Service. Im Zuge dessen wird die Lieferkette fast automatisch zum Teil des Angebots.

STEPHAN NOLLER

ist Gründer des Start-ups Ubirch. Ubirch hat ein Verfahren entwickelt, mit dem Dinge sicher an die Cloud angebunden werden können. Durch die Kombination von asymmetrischer Kryptographie und Blockchain- Technologie ist es so möglich, vertrauenswürdige Daten von IoTDevices zu generieren oder sichere Steuerbefehle an IoT-Devices und Maschinen zu senden.

Kunden sind glücklich, wenn sie Waschmaschinen nicht mehr kaufen, sondern mit Sensoren versehen „as a Service“ beziehen. Verschleiß wird auf Basis von Predictive- Maintenance-Algorithmen vorgebeugt, die entsprechenden Teile ausgetauscht, bevor sie überhaupt kaputtgehen. Die Logistik dahinter wird aber, ähnlich wie die Prozesse hinter einer Nachrichten- Website im Jahr 2017, nicht mehr wiederzuerkennen sein. Und ähnlich dem Prozess einer Nachrichtenseite werden es nicht die Medienhäuser selbst sein, die diesen hosten, damit Geld verdienen und so die Regeln vorgeben.