Agiles Management

Das Florida-Prinzip
Nur diejenigen Unternehmen werden überleben, die schnell auch radikale Entscheidungen treffen – und flexibel auf sich verändernde Rahmenbedingungen reagieren.
TEXT: Markus Heinen

Stellen Sie sich vor, Sie leben in einem Haus an der Küste von Florida. Das Risiko von Unwetterkatastrophen durch Hurrikans nimmt von Jahr zu Jahr zu, weil sich die Großwetterlage geändert hat. Das Wasser vor Ihrer Haustür wird immer wärmer und verleiht jedem neuen Hurrikan die Macht, unfassbar stark zu werden.

Nicht anders geht es heute jedem Manager, ganz gleich ob in Miami oder München. Er sieht sich umgeben von sich aufheizenden Wellen in einem Ozean disruptiver Technologien, die immer mehr an Bedeutung gewinnen: Künstliche Intelligenz (KI), das Internet der Dinge, Robotik, Blockchain. Was heute noch weit entfernt scheint, kann schon morgen einen Orkan brachialer Gewalt entfesseln.

Was ist die angemessene Strategie bei Hurrikans? Um noch einmal das Bild vom Haus am Strand zu bemühen: Benötigen Sie nun eine bessere Versicherung, oder sollten Sie einen Umbau in Erwägung ziehen, der für mehr Stabilität sorgt, oder wäre ein Umzug an einen anderen Ort die Lösung für Ihre Unsicherheit? Ist einer der drei Vorschläge denkbar? Oder gar alle drei parallel? Denn wo Bedrohungen unvorhersehbar werden, ist Flexibilität gefragt. Nur wer agil denkt und handelt, wird nicht nur den Hurrikan überleben, sondern sich auch einen Vorteil gegenüber den Unvorbereiteten verschaffen.

So flexibel zu sein fällt vor allem großen Unternehmen schwer. Die stürmische Kraft der Digitalisierung hat allein in den Jahren 2000 bis 2014 gut die Hälfte aller Firmen im Fortune-500-Index stark getroffen. Wer hätte im Jahr 2000 gedacht, dass Internetplattformen wie HRS oder Check24 einmal die Preise für Hotels und Mietwagen diktieren würden? Dass ein Suchmaschinenanbieter und ein namhafter Computerhersteller bald die Automobilindustrie beim Thema „autonomes Fahren“ unter Druck setzen? Oder dass Airbnb binnen vier Jahren ein größeres Angebot haben könnte als die Hyatt-Gruppe nach 61 Jahren? Ganz gleich, ob Tesla, Zalando oder Delivery Hero – die neuen Helden kommen nie aus der Branche, in der sie urplötzlich die Führung übernommen haben.

Agilität statt Planungen

Die Zeit der Fünfjahrespläne ist vorüber, auch wenn Unternehmen vor noch nicht allzu langer Zeit noch Zehnjahresstrategien aufstellten. Selbst bei starker Konzentration auf das Wesentliche halten Planungen mittlerweile keine drei Jahre mehr stand. Heute geht es um sichtbare Ergebnisse innerhalb eines Jahres. Die einzige Methode, die eine solche ergebnisorientierte Geschwindigkeit liefern kann, heißt Agilität. Agile Unternehmen justieren sich nicht nur ständig neu, sie erfinden sich laufend aufs Neue, indem sie sich vorausschauend auf Unsicherheiten einlassen, Szenarien durchspielen und Handlungsoptionen erarbeiten. Dadurch können sie auf allen Ebenen der Wertschöpfungskette umgehend auf einschneidende Veränderungen reagieren.

Wir nennen es das Florida-Prinzip: Nur wer den Sturm vorhersieht, wird ihn überstehen. Es ist das genaue Gegenteil des althergebrachten Sankt-Florian-Prinzips („Verschon’ mein Haus, zünd’ and’re an!“), das im englischsprachigen Raum als „Nimby“ bekannt ist: „Not in my backyard“. Die Zeiten haben sich geändert, und so muss sich auch das Motto den Gegebenheiten anpassen. Denn Hurrikans lassen sich nicht von Lattenzäunen aufhalten.

Viele Lösungen für ein agiles, vorausschauendes Management existieren bereits. Da sie neues Wissen voraussetzen und sich vor allem in großen Organisationen oftmals nicht einfach umsetzen lassen, erfordern sie Kooperationen. Dabei entstehen Netzwerke und Allianzen, die es beispielsweise ermöglichen, den IT-Betrieb eines Unternehmens komplett durch Künstliche Intelligenz zu betreuen. Gemeinsam mit SAP arbeitet EY zum Beispiel an einer Blockchain-Technologie, die die Verrechnungspreisberechnung in der Buchhaltung radikal vereinfachen und analysierbar machen soll. So wie in diesen Beispielen bildet EY Allianzen, um mit Kunden an innovativen Lösungen mit disruptiven Technologien zu arbeiten. Darüber hinaus bietet das Unternehmen ein globales Netzwerk an Innovationszentren an, in denen multidisziplinäre Teams mit den Kunden Innovationen erlebbar machen und neue Lösungen kreieren, zum Beispiel in Form eines Hackathons.

NEUE WEGE GEHEN

Das „Aufladen“ der eigenen Mitarbeiter mit Innovationsansätzen ist möglich, nicht nur durch Trainings, sondern auch durch die Einführung agiler Kreativitätsmethoden wie Scrum oder Design Thinking im Unternehmen. Das funktioniert zum Beispiel durch das Implementieren einer „Innovation Journey“. Diese Journey bildet die Mitarbeiter nicht nur fachlich in Innovationsmanagement aus, sondern befähigt sie auch, Innovationen in ihren Alltag einzubinden, und ermutigt sie, das Unternehmen auch selbst in Frage zu stellen. Wenn die Ideen von Mitarbeitern schnell als „anfassbarer“ Erfolg in Form eines Prototyps (Minimum Viable Product) getestet werden, sind wir da, wo wir hinwollen: weniger Powerpoint, mehr Technologie und Innovation.

Solche Umbrüche können schmerzhaft sein. Sie erfordern ein Umdenken im gesamten Unternehmen im Hinblick auf Kultur und Führungsstil. Eine aktuelle Studie des Digitalverbandes Bitkom unter 505 repräsentativ ausgewählten Industrieunternehmen zeigt, dass zwar 74 Prozent der Firmen Agilität bei der Produktentwicklung für wichtig halten, aber nur 43 Prozent agile Methoden wie Scrum aktiv nutzen. Weniger als ein Drittel verwendet Big Data Analytics, nur gut ein Viertel 3-D-Druck und weniger als ein Fünftel Robotik.

Manager stehen heute unter enormen Druck: Entweder werden sie zu kreativen Zerstörern oder sie werden selbst vernichtet. Deshalb brauchen sie einen Kompass in schwerer See. Je agiler sie führen und je mehr Verantwortung sie abgeben können, desto wichtiger wird es für Chefs und Mitarbeiter zu wissen, wohin die Reise geht. Unternehmen, die ihren Purpose verfolgen und das Florida-Prinzip verinnerlichen, werden auch 2050 noch ein Haus am Strand haben. Selbst wenn es dann nicht mehr in Miami steht, sondern in Mumbai oder Macau – oder auf dem Mars.

MARKUS HEINEN ist Innovation Leader in der D-A-CH-Region und EMEIA SAP Leader beim Beratungsunternehmen EY. Seine Beratungsschwerpunkte umfassen strategisches Management, Business & Operating Model Transformation, Aufbau und Neuorientierung eines Innovationsmanagements sowie SAP im komplexeren Umfeld einer Unternehmenssteuerung. EY ist Strategischer Partner des CEDO-Magazins, die Experten stehen der Redaktion zu ausgewählten Themen beratend zur Seite. Sie haben keinerlei Einfluss auf die Themenauswahl sowie die redaktionelle Unabhängigkeit des Magazins.