AR, Blockchain und Drohnen

Spielzeug oder disruptive Technologie?
Manch eine Technologie wurde lange Zeit als zu „verspielt“ verlacht – bevor sich ihr Wert für die Industrie zeigte.
TEXT: Guido Jouret

Ich habe mich vor kurzem mit Gardiner Morse, einem Autor der „Harvard Business Review“, über die zentrale Bedeutung von Augmented Reality (AR) für die Zukunft der Unternehmen und über die Nutzung der erweiterten Realität im Rahmen der digitalen Lösungen von ABB unterhalten. In der Zeitschrift kommen auch die Wirtschaftsprofessoren Michael Porter und James E. Heppelmann zu Wort. „AR wird die Art und Weise, wie wir lernen, Entscheidungen treffen und mit der Umwelt interagieren, von Grund auf verändern“, sagen die beiden pauschal voraus. „Sie wird verändern, wie Unternehmen ihre Kunden bedienen, Mitarbeiter schulen, Produkte konzipieren und produzieren, ihre Wertschöpfungsketten managen und letztlich auch ihre Wettbewerbsposition definieren.“

Das ist eine gewaltige Prognose für eine Technologie, die von vielen Beobachtern lange Zeit als „Spielzeug“ verlacht wurde. So avancierte etwa der AR-Pionier Google Glass gleich bei der Markteinführung bei vielen zum Lieblings-Hassobjekt: 2014 gaben 72 Prozent der Befragten in einer Umfrage an, die Datenbrille zu hassen, obwohl sie wohl nur die wenigsten verstanden hatten. Jon Stewart, Moderator der US-Satiresendung „The Daily Show“, hat für die Träger der Datenbrille gar den Namen „Glassholes“ geprägt.

EIN BESONDERS NERVIGES SPIELZEUG

Bei genauerer Betrachtung ist die Augmented Reality nur eine von vielen Technologien, die für Business-Anwendungen als zu „verspielt“ abgetan wurden – zumindest so lange, bis auch die Geschäftswelt erkannte, welches Potential sie bieten.

So galten kleine nichtmilitärische Drohnen lange als besonders nerviges Spielzeug. Inzwischen wissen wir, wie nützlich mit einer Kamera bestückte Fluggeräte bei der Inspektion von Raffinerien, Pipelines und Hochspannungsleitungen in unzugänglichen Gegenden sein können. Und Intel hat gezeigt, wie wertvoll Drohnen plus AR plus virtuelle Realität bei der Inspektion und Reparatur von Solarparks in abgelegenen Wüstengebieten sind.

Diese Liste lässt sich beliebig erweitern. Ist die Blockchain etwa nur eine Technologie, die Drogendealern und verrückten Spekulanten erlaubt, ihre Geschäfte über eine Kryptowährung abzuwickeln? Nein: Ebenso gut kann die Blockchain für den Kampf gegen den Hunger auf der Welt eingesetzt werden. Walmart, IBM und große Lebensmittelkonzerne arbeiten aktuell an einem Blockchain-Projekt, das den Weg von Lebensmitteln vom Erzeuger bis zur Ladentheke lückenlos nachvollziehbar macht. Damit will Walmart nicht nur die Ursache für verdorbene oder kontaminierte Lebensmittel punktgenau lokalisieren, die Technologie soll auch die leichtfertige Verschwendung von Lebensmitteln reduzieren. Derzeit landet ein Drittel aller Lebensmittel wegen falscher Handhabung oder Lagerung im Müll oder geht einfach verloren – Probleme, die die Blockchain zu korrigieren verspricht.

Unsere Kunden nutzen die Blockchain inzwischen zur Lösung einiger der größten industriellen Herausforderungen. Das fängt bei der Verbesserung der Qualitätskontrolle und der Anlagenverfügbarkeit an und geht über die Beschleunigung industrieller Prozesse bis hin zur Steigerung des Ertrags. Die Blockchain ermöglicht Versorgungsunternehmen, Energiedienstleistern und Netzbetreibern ein effizienteres Lebenszyklusmanagement dezentraler Energiequellen, wie Solar- und Windenergie oder Batterien, und stellt zugleich den sicheren Betrieb der Verteilernetze und die aktive Beteiligung der Energieverbraucher sicher.

Was AR so besonders interessant macht, ist die Möglichkeit, die von unzähligen Sensoren gesammelten Daten so anzuzeigen, dass wir uns endlich vom einengenden Format des zweidimensionalen Blatts oder Bildschirms befreien können. AR nutzt den dreidimensionalen Raum der Realität und kann, indem sie digitale Daten und Bilder darüberlegt, sehr viel mehr Informationen liefern, als Papier oder Bildschirm es je könnten. Das ist der Grund, warum die Harvard-Professoren Porter und Heppelmann in der AR eine hochgradig disruptive Innovation sehen – und ich teile ihre Meinung.

Aktuell entwickelt ABB unter anderem Systeme zur Steuerung autonomer Schiffe, die Personen an Land einen kompletten Überblick über die Lage verschaffen, indem sie den Kamerabildern von der Brücke Daten über Geschwindigkeit, Motorleistung oder Navigationsbedingungen hinzufügen. So könnten kleine Binnenfähren wie auch gigantische Containerschiffe künftig ferngesteuert manövriert werden.

TREFFSICHERER STAR-TREK-AUTOR

Es gab zwei Propheten, die das Migrationspotential von „Spielzeugen“ für Privatnutzer zum ernsthaften Geschäftswert frühzeitig erkannt haben. So sah Clayton Christensen, dessen Theorie von der „disruptiven Technologie“ als das E = mc² der vierten industriellen Revolution gilt, in der AR schon bald die Verwebung der physischen mit der digitalen Welt voraus. „Jede große Sache wird zuerst immer als Spielzeug abgetan“, lautet verkürzt das Fazit der Christensen’schen Denkweise.

Der andere Prophet war Gene Roddenberry. Ich bin immer wieder verblüfft, wie treffsicher der Autor der Star-Trek-Serie aus den 1960ern die Zukunft der Technik vorhergesagt hat: ob Smartphones, Alexa/Siri/Cortana/Google Assistant, virtuelle Realität oder der heilbringende Tricorder von Dr. McCoy. „Pilles“ Diagnosegerät wandelte Sensordaten in verwertbares Wissen um – und war, so gesehen, eine der ersten Anwendungen im Internet der Dinge.

Bleibt die Frage, warum diese „ungeliebten Spielzeuge“ nun zunehmend eine wichtige Rolle in der Geschäftswelt spielen. Der Consumer-Markt ist riesig und bietet Herstellern die Möglichkeit, neue Technologien sehr rasch weiterzuentwickeln und immer billiger herzustellen. Doch gelegentlich bleibt die flächendeckende Akzeptanz – und in der Folge auch der ROI – aus. Doch mitunter kommt dann die Industrie ins Spiel und findet neue Anwendungsmöglichkeiten, die einen viel besseren ROI bieten. Eine Consumer-Technologie, die heute vorschnell als „Spielzeug“ abgetan wird, kann die disruptive Technologie von morgen sein.

GUIDO JOURET ist seit September 2016 Chief Digital Officer des Schweizer Energie- und Automatisierungstechnikkonzern ABB. Dort soll er die Entwicklung und Bereitstellung von digitalen Lösungen für Kunden weltweit und in allen Geschäftsbereichen vorantreiben. Zuvor war Jouret unter anderem für Cisco als IT Director für die Regionen Europa, Nahost und Afrika und als Verantwortlicher für die Internet Business Solutions Group tätig sowie Chief Technical Officer bei Nokia.