Digital und International

Zwischen Braindrain und neuen Märkten
Hat die deutsche Wirtschaft im digitalen Zeitalter noch eine Chance, oder wird sie zwischen den USA und China zerrieben? Eine einfache Antwort ist nicht möglich. Denn es bieten sich auch neue Chancen.
TEXT: INGO STEINHAUS

Wenn es um Innovationen geht, sind deutsche und europäische Köpfe oft vorn mit dabei. Die Entwicklung der fahrerlosen Autos von Waymo wurde vom deutschen Informatiker Sebastian Thrun in die Wege geleitet. Einer der Mitgründer des Businessnetzwerks Linkedin ist der Hamburger Wirtschaftsinformatiker Konstantin Guericke. Die spektakulären KI-Fortschritte von Deepmind entstanden anfangs in einem britischen Start-up, das von dem Londoner Neurowissenschaftler Demis Hassabis gegründet wurde. Profitiert haben von diesen Entwicklungen allerdings vor allem amerikanische Unternehmen. Denn sie ziehen Talente aus aller Welt an und versprechen ihnen ausreichend Geld und gute Rahmenbedingungen, um ihre Ideen zu verwirklichen.

Die Digitalwirtschaft ist von Grund auf international. Der Aufstieg des Silicon Valley zum alles überstrahlenden Technologiezentrum des Planeten wäre ohne den Rückgriff auf Know-how und Talente aus aller Welt kaum möglich gewesen. So sind mittlerweile zwei gebürtige Inder – Sundar Pichai und Satya Nadella – CEOs von Google und Microsoft.

EIN ZWEITER DIGITALER HOTSPOT

Gleichzeitig ist in China ein zweiter digitaler Hotspot entstanden. Zwar ging es in den ersten Jahren vor allem um die sklavische Nachahmung der Bay Area. Doch jüngst gab es immer mehr Versuche, Innovation selbst in die Hand zu nehmen. So hat die Führung in Peking einen Plan auf den Weg gebracht, der das Land bis zum Jahr 2030 zur dominierenden KI-Nation der Welt machen soll.

Dabei sichert sich China viele Experten aus dem Westen. Carsten Breitfeld zum Beispiel, der ehemalige BMW-Manager und jetzige Gründer des chinesischen Elektroauto- Start-ups Byton, kommt aus dem Kernbereich der deutschen Industrie. Und der globale Konzern Siemens, der nur noch gut 10 Prozent seines Umsatzes in Deutschland macht, liefert die Industriesteuerungen für zahlreiche chinesische Projekte. China braucht allerdings nicht nur die europäische Expertise, sondern auch die großen und leistungsfähigen Märkte der Welt. Der Autohersteller BYD etwa produziert seine Elektrobusse bereits in Ungarn und eröffnet demnächst eine Fabrik in Marokko.

„Wir sehen China nicht als Konkurrenz, sondern als wichtigen Markt.“

Norbert Gaus, Leiter des strategischen Forschungs- und Entwicklungsschwerpunkts zu Digitalisierung und Automatisierung bei Siemens

„Wir sehen China nicht als Konkurrenz, sondern als wichtigen Markt, auf dem wir uns behaupten können und müssen. Dabei arbeiten wir auch mit vielen lokalen Unternehmen gut zusammen“, sagt Siemens-Vice-President Norbert Gaus, Leiter des strategischen Forschungs- und Entwicklungsschwerpunkts zu Digitalisierung und Automatisierung. „Nicht zuletzt deshalb, weil es dort Chancen auch für deutsche Unternehmen aller Größen gibt. Technik aus Deutschland hat in China einen guten Ruf und wird gerne genutzt.“ Es gebe im Ausland viel ernst gemeinte Bewunderung für deutsche Traditionsunternehmen, vor allem beim Thema Industrie 4.0.

Das zeigt sich sogar im Herzen des Silicon Valley, denn Moonshot-Experte Elon Musk baut ein amerikanisches Elektroauto, dessen Hardware (zum Beispiel von Recaro, Continental, Bosch und anderen) wie auch die Automatisierungstechnologie in der Produktion (Kuka, Grohmann) aus Deutschland kommen. In Maschinenbau, Elektrotechnik und Automatisierung liege die Stärke der deutschen Wirtschaft, betont Norbert Gaus: „Unsere führenden Technologieunternehmen stammen aus dem B2B-Sektor und müssen anders agieren als die typischen Silicon- Valley-Unternehmen. So haben ihre Produktlinien einen sehr langen Lebenszyklus von 10 bis zu 30 Jahren, über den die Produkte gepflegt und sicher gehalten werden müssen.“

CHANCEN IN DER NISCHE

So schlimm steht es also nicht um die Digitalisierung in Deutschland. Obwohl es hierzulande zum Beispiel nur knapp 2.000 Start-ups gibt – in den USA sind es 20-mal so viele. „Gegen das Silicon Valley wirkt jede Start-up-Szene klein, selbst die in China“, sagt Norbert Gaus. Er glaubt aber nicht, dass sich die deutschen Firmen verstecken müssen. „Die Qualität vieler Unternehmen ist sehr hoch. Sie haben aber einen anderen Fokus. B2B ist die Stärke der deutschen Start-ups.“

Kurz: Mit den typischen Silicon-Valley- Unternehmen zu konkurrieren ist im Grunde Unsinn. „Im Plattformmarkt hat Deutschland den Anschluss verloren, die großen Unternehmen aus der Bay Area und China sind kaum noch zu schlagen“, sagt Julian Riedlbauer, Partner bei GP Bullhound, einer internationalen Technologie-Investmentbank. Trotzdem sieht er noch viele Chancen für die deutsche Digitalszene: „Berlin ist auf Augenhöhe mit anderen Start-up-Hotspots in Europa. Hier gibt es die deutschen Unicorns und viele Unternehmen, die sehr rasch wachsen.“ Erfolg verspricht dabei die Besetzung von Feldern, die von den Digitalriesen nicht beackert werden. Im Handel lässt zum Beispiel Amazon durchaus noch Lücken und ist nicht in allen Warengruppen stark. „Bei Mode ist zum Beispiel Zalando innovativer und entsprechend stark im Markt“, meint Riedlbauer.

Und ein Blick nach Asien zeigt, dass auch den US-Riesen nicht alles gelingt. So sind in China durch seinen abgeschotteten und zugleich gigantischen Markt riesige Plattformunternehmen wie Alibaba entstanden, die das Potential haben, größer als ihre US-Konkurrenten zu werden – oder dies sogar schon sind.

Diese Entwicklung führt zu der Frage, ob Europa und Deutschland bald zwischen beiden Hightechstandorten zerrieben werden. Eine einfache Antwort darauf ist nicht möglich, aber: „Der Grad der Internationalisierung ist bei chinesischen Start-ups noch sehr schwach, sie fokussieren sich stark auf ihren riesigen Heimatmarkt“, betont Julian Riedelbauer. Doch das werde sich bald ändern. Kann sich die deutsche Wirtschaft schützen? Handelshemmnisse sind seit einiger Zeit wieder beliebt, sie helfen aber bestenfalls für eine begrenzte Zeit. „Der Versuch, sich vor der Digitalisierung zu schützen, schadet eher“, meint Siemens-Mann Norbert Gaus. „Unternehmen sollten auf Netzwerke und Verbindungen mit Partnern setzen. Sie sollten sich nicht abgrenzen, auch nicht von Start-ups.“

In großen Teilen funktioniert das auch schon. Denn es gibt nicht nur einen Braindrain nach Westen, der internationale Austausch läuft auch in umgekehrter Richtung. So haben sich Google, Intel und Microsoft finanziell am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) beteiligt. „Das große Interesse, mit deutschen KI-Forschern zusammenzuarbeiten, zeigt deutlich, dass wir auf einigen Gebieten der KI sogar einen Vorsprung haben“, sagte DFKI-Chef Wolfgang Wahlster kürzlich in einem Interview mit der F.A.Z. Er betonte, dass sein Forschungszentrum ein Karrieresprungbrett sei. „Mehr als 20 ehemalige Mitarbeiter sind heute bei Google, aber wir konnten umgekehrt auch Mitarbeiter von Google für das DFKI gewinnen.“

„Das große Interesse, mit deutschen KI-Forschern zusammenzuarbeiten, zeigt deutlich, dass wir auf einigen Gebieten der KI sogar einen Vorsprung haben.“

Wolfgang Wahlster, Deutsches Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz

Den eigenen Weg finden

Wer sich die internationale Entwicklung der Digitalisierung anschaut, sieht deutlich: Jede Gesellschaft und jede Volkswirtschaft muss ihren eigenen Weg gehen. Ausgangslage, Voraussetzungen und Rahmenbedingungen sind sehr unterschiedlich. So gelang China eine Marktabschottung zumindest zeitweise. Doch auch hier ist eine weitere Entwicklung nur durch Öffnung nach außen möglich, Einkaufstouren in der deutschen Industrie inklusive. Für Deutschland und Europa heißt das: die eigenen Stärken ausbauen und konsequent in Richtung Industrial IoT und Industrie 4.0 gehen.

Auf diesem Weg geben sowohl die deutsche Wirtschaft insgesamt als auch die deutsche Startup- Szene kein schlechtes Bild ab, finden die Experten übereinstimmend. Es gibt jedoch noch genug zu tun: „Wir holen zwar auf, aber das Wachstum der Start-up- Szene insgesamt ist zu langsam. Dadurch verlieren wir die Wettbewerbsfähigkeit und viele gute Leute“, betont Julian Riedlbauer. Er sieht aber keinen Grund für Pessimismus: „Deutschland muss sich anstrengen, hat aber eine gute Position – das Glas ist halbvoll, nicht halbleer.“