Interview mit Dirk Ramhorst

„Nicht auf einen Schlag“
Bevor Digitalprojekte in allen Produktionsstätten ausgerollt werden, testet Wacker Chemie sie erst einmal lokal. Worauf es dabei ankommt, erklärt CDO und CIO Dirk Ramhorst im Interview.
TEXT: Matthias Schmidt-Stein

Herr Ramhorst, Wacker Chemie betreibt 23 Produktionsstätten in zehn Ländern. Wie schaffen Sie die Digitale Transformation in einem solch internationalen Umfeld?

Wir haben im vergangenen Jahr ein global angelegtes Digitalisierungsprogramm gestartet: „Wacker Digital“ soll unsere verschiedenen digitalen Aktivitäten koordinieren, priorisieren und die einzelnen Initiativen unterstützen. Nur so können wir effizient handeln. Eines unserer Ziele ist, unsere Standorte besser zu vernetzen und gemeinsam die Digitalisierung im Konzern voranzutreiben.

Wie sieht das Programm konkret aus?

Wir sind in drei Handlungsfeldern aktiv: Der Bereich Frontend zielt auf unsere Kunden ab und will neue, digital gesteuerte Serviceprozesse und Geschäftsmodelle etablieren. Der Bereich Operations umfasst die Möglichkeiten der Digitalisierung für Produktion, Supply-Chain und Logistik sowie Forschung und Entwicklung. Und der Bereich Foundation legt die prozessualen, methodischen sowie IT-technischen Grundlagen für die Digitale Transformation, von der IT-Infrastruktur über HR-Prozesse bis hin zu Mitarbeiterentwicklung und Veränderungsmanagement. Jedem der Themenfelder steht dabei ein eigener CDO vor.

Welche Rolle spielen diese Digitalchefs?

Als CDOs sind wir sowohl Impulsals auch Ratgeber und nehmen an den verschiedenen Digitalisierungsprojekten aktiv teil. Wir verstehen uns als Katalysatoren, um die Digitalisierungsprozesse in den Geschäfts- und Zentralbereichen des Wacker-Konzerns zu initiieren und anzutreiben.

Wie sieht das in der Praxis aus?

Bei hochintegrierten Produktionsanlagen, wie wir sie betreiben, gibt es meist keine digitale Lösung „von der Stange“. Daher müssen wir viel maßschneidern, anpassen und dazulernen, bevor eine Lösung wirklich passt. Wir implementieren die digitalen Tools sukzessive – und nicht an allen Standorten auf einen Schlag. Stattdessen haben wir einzelne Leuchtturmprojekte ausgewählt: Hier probieren wir aus, ob und was funktioniert, und rollen es erst dann, wenn es klappt, unternehmensweit aus.

Können Sie ein Beispiel geben?

Nehmen Sie zum Beispiel das Thema Predictive Maintenance. Hier arbeiten wir schon seit längerem an standardisierten, datenbasierten Lösungen, mit deren Hilfe ungeplante Ereignisse und Maschinen- oder Equipmentstörungen in der Produktion reduziert und der Produktionsprozess optimiert werden können. Wacker betreibt weltweit 23 Produktionsstandorte. Diese wiederum beherbergen zum Teil zahlreiche Einzelbetriebe. Hier den Überblick zu behalten ist für uns extrem wichtig. Wie uns das zuverlässig und nachhaltig gelingen kann, daran arbeiten wir im Moment zusammen mit einigen deutschen Pilotbetrieben. Zentral ist dabei, die Erfahrungen aus den einzelnen Betrieben zusammenzuführen, so dass wir voneinander lernen können und nicht jeder Standort bei null beginnen muss. Dazu haben wir zum Beispiel in China und den USA eigene lokale Digital-Core-Teams eingesetzt, die den Wissens- und Erfahrungsaustausch standortübergreifend vorantreiben.

Ist das dezentrale Konzept eine Blaupause für alle Ihre Digitalprojekte?

In der Regel schon. Meist implementieren wir ein Projekt zunächst in einem Testbetrieb. Mit den Erfahrungen, die wir dort sammeln, gehen wir im nächsten Schritt in einen zweiten Betrieb – und so weiter. Wir arbeiten und planen grundsätzlich standortübergreifend: Dadurch erreichen wir, dass vergleichbare Produktionsanlagen, die aber in unterschiedlichen Ländern stehen, eine Art Netzwerk bilden und voneinander lernen.

Lief die Projektarbeit früher anders?

Gerade die Art und Weise der Zusammenarbeit in Projekten wandelt sich durch die neuen digitalen Technologien elementar. Wir setzen zunehmend auf agile Arbeitsmethoden. Das heißt für uns: Die Prozesse laufen iterativ und folgen oft einem „Trial and Error“-Ansatz. Nur so können wir uns stetig an sich verändernde Bedingungen anpassen und kontinuierlich lernen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wenn Sie ein neues Produkt zum Thema Mobilität entwickeln wollen, müssen Sie nicht gleich eine Luxus-Limousine konzipieren. Sonst haben Sie zwar die technologisch ausgereifteste Lösung, aber die Entwicklungszeit ist ewig lang. Manchmal reicht dem Kunden auch ein Skateboard als Prototyp für schnellere Mobilität. Dieser Prototyp wird dann unter stetem Einbezug des Nutzerfeedbacks schrittweise weiterentwickelt. Die Meilensteine bei einem solchen Projekt und einer solchen iterativen Vorgehensweise sind zwar mitunter diffuser oder verändern sich sogar während des Projektverlaufs, weil Sie immer neue Erkenntnisse in die Entwicklungsarbeit einfließen lassen. Aber das heißt nicht, dass agiles Arbeiten keinen klaren Prozessen und Vorgehensweisen folgt. Und es unterscheidet sich auch nicht nach Region oder Standort.

Rollen Sie alle Digitalprojekte auch international aus?

Nein. Wir wählen die Projekte je nach Standort aus. Das ist etwa dann besonders sinnvoll, wenn Sie unterschiedliche gesetzliche oder rechtliche Rahmenbedingungen berücksichtigen müssen. Bei der anstehenden Einführung unserer neuen CRM-Software in der EU mussten wir etwa darauf achten, dass das System der neuen Datenschutzgrundverordnung entspricht.

Welche Rolle spielen kulturelle Unterschiede?

Natürlich spüren wir in der internationalen Zusammenarbeit immer wieder kulturelle Unterschiede. So sind zum Beispiel die Kollegen in Asien und Südostasien äußerst offen, wenn es um digitale Prozesse geht. Schließlich sind digitale Technologien dort auch im Alltag deutlich verbreiteter als hier. In Deutschland sehen wir hier etwas mehr Skepsis, etwa bei Fragen zur Sicherheit oder zum Datenschutz.

Worauf kommt es bei der Digitalisierung von Wacker Chemie noch an?

Die IT-Infrastruktur spielt eine maßgebliche Rolle: Ob Sie neue Formen der Zusammenarbeit durch digitale Collaboration-Tools ermöglichen, in der Forschung und Produktion selbstlernende Systeme einsetzen oder die Infrastrukturen mit Hilfe von Cloud-Computing grenzübergreifend vereinheitlichen wollen – für alle Prozesse muss eine unternehmensweite IT-Plattform existieren. Nur so können Sie die digitalen Werkzeuge und Prozesse sicher, robust und wettbewerbsfähig einsetzen. Um das zu realisieren, benötigen wir natürlich auch das richtige Umfeld, also das technische Equipment und auch einen Breitbandanschluss.

Dirk Ramhorst

CDO und CIO, Wacker Chemie

Dirk Ramhorst ist seit 2016 Chief Digital Officer und Chief Information Officer von Wacker Chemie. Der gebürtige Bielefelder arbeitete zuvor unter anderem bei Siemens und BASF, wo er im Jahr 2013 zum ersten Chief Digital Officer eines deutschen Dax-Unternehmens ernannt wurde. Am 24. Oktober 2018 ist Dirk Ramhorst zu Gast beim „CEDO-Summit“.

Foto: Wacker Chemie