Blick in die Zukunft

Die Dematerialisierung
App statt Autoschlüssel: Wenn physische Gegenstände durch kleine Programme ersetzt werden, verändert das Wirtschaft und Gesellschaft.
TEXT: Matthias Schmidt-Stein

Die Industrie 4.0 bezeichnet Karl- Heinz Land als „Valium fürs Unternehmen“. So gehe es zum Beispiel in der Herstellung eines Autoschlüssels vielfach lediglich darum, wie man die Produktion mit Hilfe von Sensoren und Vernetzung optimieren kann. Der Investor, Redner und Autor glaubt aber, dass dem Schlüssel – und vielen anderen Produkten – dieselbe Zukunft bevorsteht, wie sie zum Beispiel bei Eintritts- und Fahrkarten schon längst eingetreten ist: Wo früher eine Karte aus Spezialpapier nötig war, reicht heute eine App. „Was aber passiert, wenn auch der Autoschlüssel digitalisiert und sogar dematerialisiert wird und an seine Stelle eine App tritt?“, fragt Land. „Dann benötigen Sie statt eines Drehers und einer Produktionsmaschine einen Softwareentwickler.“

Dass ein Autoschlüssel einfach durch eine App ersetzt werden kann, ist gar nicht so abwegig. Land ist aber der Überzeugung, dass auch ein Großteil des Geschäfts der Autohersteller selbst dematerialisiert wird. Das habe auch mit veränderten Gewohnheiten in der Bevölkerung zu tun. „Viele junge Mitarbeiter wollen schon heute lieber eine Bahncard als einen Dienstwagen“, sagt Land. Er glaubt, dass bis zu 90 Prozent der Kraftfahrzeuge in Zukunft wegfallen könnten – auch aufgrund von Carsharing und anderen Mobilitätsdiensten. Schon heute werde die Software immer wichtiger für die Geschäftsentwicklung der Automobilhersteller.

KEIN STEIN AUF DEM ANDEREN

Auch andere Branchen sind nicht vom Wandel ausgenommen. Weder die Hotels – Stichwort Airbnb – noch die Banken. Dort sorgen Fintechs für Konkurrenz. „Da bleibt kein Stein auf dem anderen“, prognostiziert Land. Banker gingen davon aus, dass es in Zukunft nur noch ein Zehntel der heutigen unabhängigen Banken gibt. „In Zukunft brauchen Sie zwar noch Banking – aber eben keine Bank mehr“, sagt Land.

Das alles wird auch Einfluss auf das Berufsleben haben. Ob in Zukunft weniger Arbeitskräfte gebraucht werden als heute oder sogar mehr, darüber streiten die Gelehrten noch. Es gibt Studien sowohl für die eine als auch für die andere Richtung. Klar dürfte allerdings sein, dass insbesondere Berufe mit stetig wiederkehrenden Aufgaben zum Beispiel im Rechnungswesen wegfallen werden. Land nennt noch ein anderes Beispiel: „Eine Million Taxiund Lkw-Fahrer, die durch autonome Fahrzeuge arbeitslos werden könnten, kann man aber nicht so einfach zu Softwareentwicklern umschulen“, gibt er zu bedenken. Dazu komme, dass Digitalunternehmen wie Facebook und Google schon heute nur einen Bruchteil der Mitarbeiter benötigen, um auf eine deutlich höhere Wertschöpfung zu kommen wie VW, Bosch und Co.

Werde dann noch die Künstliche Intelligenz (KI) immer intelligenter, dürfte nach den Fabrikjobs, die im 20. Jahrhundert der Automatisierung zum Opfer fielen, vielen Bürojobs dasselbe Schicksal drohen. „Irgendwann, in vielleicht 40 oder 50 Jahren, können Roboter und Computer all das, was wir auch können“, glaubt Land. Im ersten Schritt würden Menschen zwar noch zum Trainieren der KI gebraucht, irgendwann sei aber auch das nicht mehr nötig. „Und schon lange bevor Computer alle Jobs machen können, wird ein großer Teil der Menschen arbeitslos sein“, erwartet er.

CHINA UND USA SIND EINHOLBAR

Welche gesellschaftlichen Folgen das haben wird, lässt sich kaum vorhersagen. Land plädiert daher für ein bedingungsloses Grundeinkommen – am wichtigsten sei aber, dass Politik, Wirtschaft und Gesellschaft planvoll vorgehen. Für diesen Fall ist er optimistisch: „Ich bin komplett davon überzeugt, dass das gut wird.“ Er ist sogar davon überzeugt, dass die wirtschaftlichen Schwergewichte China und USA in Sachen Digitalisierung noch nicht uneinholbar vorn liegen. Stattdessen verweist er auf die „Exponentialität“ der Digitalen Transformation: Auch wenn es am Anfang nur langsam vorangehe, sei irgendwann der Punkt erreicht, an dem die Transformation fast wie von selbst laufe.

Die Lösung könne jedenfalls nicht sein, die Digitalisierung auszusitzen – weder für die Politik noch für die Wirtschaft. „‚Adapt or die‘ – pass dich an oder stirb – gilt auch und vor allem im Digitalen“, sagt Land. „Ohne digitale Frachtpapiere geht heute schon nichts mehr. Und in Zukunft werden die Anforderungen noch steigen.“ Die Digitalisierung bei den großen Konzernen erzwinge so die Digitalisierung auch bei kleinen Unternehmen. „Und was digitalisiert werden kann, das wird auch digitalisiert.“

KARL-HEINZ LAND

Investor, Redner und Autor

KARL-HEINZ LAND ist ein deutscher Investor, Redner und Autor zu Themen der Digitalen Transformation. Er ist CEO der Digital- und Strategieberatung Neuland und hat im Sommer das Buch „Erde 5.0: Die Zukunft provozieren“ veröffentlicht.

Foto: (c) neuland