Interview mit Hagen Rickmann

„Gute Ideen dürfen nicht an der Upload-Rate scheitern“
Was braucht es, um die Digitalisierung in Deutschland voranzubringen: Infrastruktur oder Ideen, Glasfaser oder Hirnschmalz? Sowohl als auch, sagt Hagen Rickmann von der Deutschen Telekom. Er ermutigt Unternehmen, den ersten Schritt zu tun, und will die Telekom nichtaus ihrer Verantwortung als „Ermöglicher“ entlassen.
TEXT: Armin Häberle

Herr Rickmann, die Digitalisierung ist irgendwie nicht mehr das, was sie mal war: Statt das Wissen der Welt allen zugänglich zu machen, sprechen wir aktuell vor allem über Fake-News, und die Quasimonopole im Silicon Valley gelten inzwischen als „Todeszone“ für junge Start-ups. Teilen Sie diese Ernüchterung?

Ich teile die kritischen Beobachtungen, aber nicht die Ernüchterung. Die Potentiale, die in der Digitalisierung stecken, sind ungebrochen und für mich immer wieder aufs Neue faszinierend – im Großen wie im Kleinen. Heute Morgen habe ich unterwegs rasch die To-dos aus unserem gestrigen Geschäftsführungsmeeting mit meinem Team abgeglichen und sehe jederzeit mit einem Blick den Status jedes Projekts. Früher sind nicht selten Tage ins Land gegangen, bevor alle auf dem gleichen Stand waren. Und das ist nur ein winziger Ausschnitt dessen, was alles möglich ist.

Viele Erfolgsbeispiele aus der digitalen Welt sind aber mit fragwürdigen Praktiken erkauft worden – man denke nur an den Datenskandal bei Facebook. Müssen Unternehmen Grauzonen betreten, um in der digitalen Welt mitzuhalten?

Im Gegenteil! Gerade die Standards, die wir in Europa haben, sollten als Wettbewerbsvorteil verstanden werden. Auch wenn an der DSGVO nicht alles perfekt ist, zeigt sie in die richtige Richtung. Bislang haben Nutzer einen simplen Trade-off akzeptiert: Gib mir einen Mehrwert, und ich gebe dir meine Daten. Das beginnt sich zu wandeln. Ich bin mir sicher, dass User in Zukunft sehr viel bewusster mit ihren Daten umgehen werden. Dann sind europäische Anbieter klar im Vorteil …

… nachdem aber zumindest die Deutschen die „erste Halbzeit“ der Digitalisierung ordentlich verschlafen haben. Nun ruhen alle Hoffnungen auf der „zweiten Halbzeit“. Teilen Sie diese?

Auf jeden Fall – aber ich möchte eine Sache ganz besonders betonen: Gerade in den weniger öffentlichkeitswirksamen Industrieanwendungen verzeichnen wir schon heute bemerkenswerte Erfolge. Nur ein Beispiel: Die MV Werften bauen hochmoderne Kreuzfahrtschiffe für Reeder aus der ganzen Welt. Weil wir besser Stahl zusammenschweißen können als alle anderen? Nein. Sondern weil ein modernes Kreuzfahrtschiff ein schwimmender Entertainment- Palast ist und zum Teil 300 Gewerke gleichzeitig an einem Schiff arbeiten. Das in der richtigen Qualität und termingerecht zu koordinieren geht nur noch mit digital durchoptimierten Prozessen. Das können nur wenige. Und die sitzen unter anderem in Mecklenburg-Vorpommern.

Bessere Prozesse, inkrementelle Verbesserungen – dafür ist die deutsche Wirtschaft bekannt. Aber genügt das noch für die disruptive Welt der Digitalisierung?

Ich würde das nicht unterschätzen. Das Beispiel zeigt: Man kann auch ohne Moonshots die Digitalisierung für sich nutzen. Aber wir brauchen ohne Frage auch mehr Mut zu wirklich Neuem. Das können sich einzelne Unternehmen vornehmen, dafür braucht es aber auch Weichenstellungen auf gesellschaftlicher Ebene: im Bildungssystem, beim Risikokapital, in unserem Umgang mit „gescheiterten“ Ideen.

Bleiben wir auf Unternehmensebene: Wer Neues ausprobieren will – lieber inhouse oder lieber außerhalb?

Bei der Telekom verfolgen wir beide Ansätze. Wir haben ein Corporate- Venturing-Programm, das wir bewusst fern von den Konzernstrukturen halten; aber wir versuchen auch, neuen Ideen im Konzern gute Überlebenschancen zu geben. Als Daumenregel gilt: je näher am Kerngeschäft, desto näher am Konzern; je radikaler, desto eher auch organisatorische Distanz.

Bei der Geschwindigkeit, mit der sich die Digitalisierung entwickelt, bedeutet jedes Jahr, in dem ein Unternehmen untätig bleibt, einen immer schwerer einholbaren Rückstand.

Eine Erkenntnis aus Ihrer Studie „Digitale Dividende“ ist, dass Unternehmen, die digital besser aufgestellt sind, auch die Chancen und Herausforderungen klarer benennen können als andere. Droht uns eine immer stärkere Polarisierung in digitale Gewinner und Verlierer?

Die Gefahr sehe ich. Bei der Geschwindigkeit, mit der sich die Digitalisierung entwickelt, bedeutet jedes Jahr, in dem ein Unternehmen untätig bleibt, einen immer schwerer einholbaren Rückstand auf den Wettbewerb.

Also was tun?

Vorstand oder Geschäftsführung müssen sich hinsetzen und ganz nüchtern feststellen: Wo stehen wir? Wo steht der Wettbewerb? Wie sind die Kundenerwartungen an uns und unsere Produkte/Services? Was ist zu tun, und wo liegen auch für uns die Chancen? Dafür kann man sich auch externe Hilfe holen. Die Telekom, aber auch andere Anbieter können einem bei dieser wichtigen Standortbestimmung helfen.

Bislang galten unsere Hidden Champions als Erfolgsmodell, auch weil sie über die ganze Republik verteilt und nicht auf wenige Hotspots begrenzt sind. Wird das in der digitalen Welt, deren Fixstern ein Megacluster namens Silicon Valley ist, zum Nachteil?

Ich denke nicht. Zunächst einmal haben wir sehr wohl starke Cluster – allerdings in der Tat über die Republik verteilt. Und auch mit Blick auf die Digitalisierung bilden sich Kompetenznetzwerke heraus, in denen intensiv, vernetzt und erfolgreich an der Industrie 4.0 gearbeitet wird.

Dennoch bleibt die Fläche eine Herausforderung für die Infrastruktur: Viele Unternehmen klagen, dass sie nicht an schnelle Datennetze angeschlossen sind.

Es stimmt – wir sind im Breitbandausbau noch nicht so weit, und unsere Wirtschaftsstärke in der Fläche ist dabei eine besondere Herausforderung, aber wir sind dran. Ab 2019 gehen 90 Prozent unserer Investitionen in den Glasfaserausbau. In den kommenden Jahren wird allein die Telekom dafür pro Jahr über 5 Milliarden Euro in die Hand nehmen und über 3.000 Gewerbegebiete mit Glasfaser versorgen. Allein 2017 hat die Telekom auf einer Länge von 40.000 Kilometern Glasfaserkabel in Deutschland verlegt, 60.000 Kilometer kommen 2018 dazu.

Leider sitzen viele Unternehmen wie gesagt nicht in einem Gewerbegebiet.

Wenn diese Unternehmen akuten Bedarf an breitbandigem Internet haben, können wir mit einem Vorlauf von sechs bis neun Monaten die meisten an ein Glasfasernetz anschließen.

Auf Telekom-Kosten?

Überwiegend ja. In Gewerbegebieten gehen wir in die Vorvermarktung; wenn etwa 30 Prozent der dortigen Unternehmen unterzeichnen, legen wir auf eigene Kosten los. Wenn dagegen einzelne Unternehmen – oft außerhalb von Industriegebieten – für sich einen Anschluss benötigen, müssen wir genau hinschauen, wie viel Datenvolumen wirklich verbraucht wird. Die oben genannten MV Werften zum Beispiel benötigen dringend Glasfaser, um CAD-Pläne aus aller Welt effizient bearbeiten zu können, ihre Zulieferer zu vernetzen und den vielen Leiharbeitern, die während einer Montage temporär dort wohnen, schnelle Leitungen für Videotelefonie mit ihren Angehörigen anbieten zu können. Bedarf vorhanden, Datennutzung gesichert: Wir legen los.

Und wenn das Datenaufkommen aus Sicht der Telekom nicht hoch genug ist, für das Unternehmen aber essentiell?

Wenn Unternehmen für sich sagen, dass sie auf Breitband nicht verzichten können, können wir sie auch individuell anschließen, wenn sie sich an den Kosten beteiligen. Da sind viele dann aber überrascht, wie teuer das selbst im modernen Trenching-Verfahren ist – und die Bereitschaft, die Investitionen mitzutragen, nimmt dann eher ab.

Digitalisierung hat immer zwei Komponenten: Infrastruktur und Ideen. Machen es sich deutsche Unternehmen zum Teil zu leicht, indem sie über mangelnde Infrastruktur klagen? Immerhin hat Amazon den Buchhandel auch ohne Breitband revolutioniert, und Facebook wurde nicht groß, weil in Harvard schnelle Leitungen liegen, sondern weil dort neue Ideen geboren werden.

Klar ist: Es braucht beides. Ohne neue Ideen, ohne die Offenheit im Management, ohne den Mut, auch unbekannte Pfade zu beschreiten, hilft auch das beste Netz nichts. Klar ist aber auch: Das entlässt uns als Netzanbieter nicht aus der Verantwortung als „Ermöglicher“. Wir müssen dafür sorgen, dass gute Ideen nicht an der Upload- Rate scheitern.

Hagen Rickmann

Telekom Deutschland

HAGEN RICKMANN ist Geschäftsführer des Geschäftskundenbereichs der Telekom Deutschland. Der 1969 in Bremerhaven geborene Rickmann begann im Jahr 2009 bei der Telekom und war seitdem in verschiedenen Führungspositionen tätig. Sein Schwerpunkt ist nach eigenen Angaben die Digitalisierung mittelständischer Unternehmen. Rickmann ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt in Hamburg.

Foto: Telekom Deutschland GmbH