Vom Buzzword zum Business

Der Anfang ist gemacht
KI, AR, Blockchain und Agilität: Kaum ein Gespräch scheint noch ohne diese Schlagworte abzulaufen. Aber wie funktioniert der Schritt vom Buzzword zum Business? Und wie kann man damit Geld verdienen? Ein Überblick.
TEXT: MATTHIAS SCHMIDT-STEIN

Bei wohl kaum einem anderen wirtschaftlichen Thema wird so viel mit Buzzwords hantiert wie bei der Digitalen Transformation (siehe auch die Rubrik „Buzzword- o-Rama“ am Ende jeder CEDO-Ausgabe). Da wird die Distributed- Ledger-Technologie mit Künstlicher Intelligenz verknüpft, während die Digital Leader nach agilen Mitarbeitern suchen – und diese mit Hilfe von Big Data und Smart Analytics mehr oder weniger erfolgreich finden.

Nun sind Buzzwords per se nichts Verwerfliches. Denn oft steckt hinter ihnen eine Technologie oder ein Konzept mit dem Potential, die Welt, die Wirtschaft oder zumindest einen Teil von ihr zu revolutionieren oder zu „disruptieren“. Die CEDO-Redaktion hat sich daher sechs Beispiele angeschaut und überprüft, inwieweit sie schon in der Wirtschaft angekommen sind. Die gute Nachricht vorneweg: Die meisten haben den Sprung vom Buzzword zum Business bereits geschafft oder sind auf dem Weg dorthin.

Künstliche Intelligenz

Als vor 50 Jahren im Filmklassiker „2001: Odyssee im Weltraum“ der Computer HAL 9000 mit neurotischem Verhalten auffiel und fast alle Astronauten an Bord tötete, war ein intelligenter und sprechender Computer noch reine Fiktion. Heute hingegen hat fast jedes Smartphone einen Sprachassistenten eingebaut, und viele Empfehlungsalgorithmen basieren auf Künstlicher Intelligenz (KI) und maschinellem Lernen. Auch in der Produktion und anderen B2B-Bereichen spielt das Thema eine immer größere Rolle.

Das Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) prognostiziert eine Wertschöpfung durch KI in Höhe von 32 Milliarden Euro in den kommenden fünf Jahren – allein im produzierenden Gewerbe. Und auch wenn die Wirtschaft bislang an vielen Stellen noch zögerlich erscheint, gibt es bereits zahlreiche überzeugte Anwender der Technologie.

Beim mittelständischen Automatisierungsunternehmen Weidmüller gehört KI seit einigen Jahren als fester Bestandteil zur Unternehmensstrategie, sagt Tobias Gaukstern, Vice President Business Unit Industrial Analytics. Zwar mache die Technologie bislang nur einen relativ kleinen Teil des Umsatzes aus (genaue Zahlen nennt das Unternehmen nicht), die Nachfrage und der Markt würden allerdings immer größer. Einer der häufigsten Anwendungsfälle von KI ist bei Weidmüller die Predictive Maintenance, also die vorausschauende Wartung. „Die Frage, die wir uns gemeinsam mit den Kunden stellen, ist, wie wir die Verfügbarkeit der Maschinen erhöhen können, damit die Kunden einen Mehrwert haben, neue datenbasierende Geschäftsmodelle realisieren oder ihren Service optimieren können“, sagt Gaukstern. Und dafür eigne sich Künstliche Intelligenz ganz besonders gut.

Auch bei Vinci Energies Deutschland spielt KI eine große Rolle. „KI ist für uns nicht eine, sondern die Basistechnologie für zukünftigen nachhaltigen wirtschaftlichen Erfolg und Wettbewerbsfähigkeit“, sagt CDO Bernhard Kirchmair. So beschäftige sich sein Unternehmen unter anderem mit der Frage, wie Mitarbeiter von Routineaufgaben entlastet und die Dienstleistungsqualität gesteigert werden kann. In der Produktion helfe KI zudem bei der Optimierung und reduziere zum Beispiel den Materialausschuss.

Noch gehören Vinci Energies und Weidmüller allerdings zu einer Minderheit der Unternehmen in Deutschland. Laut dem Monitoring-Report „Wirtschaft DIGITAL 2018“ des Bundeswirtschaftsministeriums beschäftigen sich drei von vier Unternehmen hierzulande gar nicht mit dem Thema, lediglich 5 Prozent nutzen KI schon aktiv.

Auch bei Aventics funktioniert die Produktion noch ohne KI-Unterstützung. „Im kommenden Jahr werden wir uns näher mit diesem Thema auseinandersetzen“, sagt Frank Theilen, Vice President Digital Transformation bei dem mittelständischen Hersteller von Pneumatikbauteilen. Zunächst gehe es darum, Anwendungsfälle zu finden, bei denen KI einen Mehrwert liefere. Und ganz ignoriert hätte man das Thema auch bisher nicht. „Im Rahmen einer Kooperation mit dem Centrum Industrial IT in Lemgo nähern wir uns diesem Thema schon heute von wissenschaftlicher Seite.“

CDO, VINCI ENERGIES DEUTSCHLAND

Dr. Bernhard Kirchmair

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Blockchain

Zuerst kamen die Kryptowährungen für hochbegabte Nerds, dann die Kryptokatzen für gelangweilte Tekkies. Nun kommt die Distributed- Ledger-Technologie, auch bekannt als Blockchain, endlich in der Wirtschaft an. Erstmals schaffte sie es in diesem Jahr in die Top 10 der Hightechthemen des Digitalverbandes Bitkom – jedes vierte Unternehmen nannte sie in der Umfrage als wichtigen Technologieund Markttrend. Und immer wieder war in den vergangenen Monaten von Projekten zu lesen, in denen die Blockchain eingesetzt wurde: Der europäische Fußballverband UEFA nutzte sie, um Tickets fälschungssicher zu verkaufen; die russische Airline S7 setzt die Blockchain gemeinsam mit Gazprom Neft für das Betankungsmanagement ein.

Auch Weidmüller befasst sich mit der Technologie – wenn auch bislang nur in Pilotprojekten. „Predictive Maintenance basiert auf Maschinen- und Sensordaten“, erklärt Tobias Gaukstern. „Und die müssen natürlich korrekt sein.“ Die Blockchain-Technologie könne dabei helfen, sicherzustellen, woher die Daten kommen und dass sie nicht manipuliert wurden.

Denn die in einer Blockchain gespeicherten Daten sind nahezu fälschungssicher, weil sie an zahlreichen Orten gespeichert werden. So können sie weder absichtlich noch unabsichtlich verschwinden oder manipuliert werden. Das macht sie unter anderem dort interessant, wo zwei oder mehr Parteien untereinander Daten austauschen müssen, sich aber nicht zwangsläufig zu 100 Prozent vertrauen oder sich gar nicht kennen – also zum Beispiel im globalen Handel oder in der Finanzbranche. Letztere ist – auch aufgrund des zeitweiligen Hypes um Bitcoin und Co. – besonders weit bei der Implementierung von Blockchain- Geschäftsmodellen. Es gibt wohl kaum eine größere Bank, die sich nicht mit dem Thema beschäftigt. Und Anfang September hat auch die Deutsche Börse eine Blockchain-Abteilung gegründet.

(INDUSTRIAL) INTERNET OF THINGS

Verglichen mit manch anderer Technologie ist das Internet der Dinge (Internet of Things, IoT) ein alter Hut. Geprägt wurde der Begriff vor beinahe 20 Jahren vom MIT-Informatiker Kevin Ashton. Seitdem ist die Vernetzung von Maschinen, Materialien und anderen „Dingen“ in der Industrie Normalität geworden. Auf 45 Prozent beziffert der Monitoring-Report „Wirtschaft DIGITAL 2018“ des BMWi den Anteil der Industrieunternehmen, in denen das IoT genutzt wird. Der weltweite Umsatz mit IoT-Lösungen liegt laut verschiedenen Studien im dreistelligen Milliardenbereich.

So vertreibt auch der Mittelständler Aventics schon verschiedene Produkte aus dem Bereich Industrial IoT (IIoT) an seine Kunden. „Und auch in unseren Werken werden wir den Einsatz solcher Produkte im kommenden Jahr ausweiten“, sagt Digitalchef Frank Theilen.

„Vernetzte Maschinen entlang der Automatisierungspyramide sind heute fast schon Standard – was bei vielen noch nicht realisiert ist, ist die Anbindung an die Cloud“, hat auch Tobias Gaukstern bei seinen Kunden beobachtet. Die Unternehmen, bei denen die Vernetzung noch fehlen würde, stünden zumindest an der Schwelle zu einer solchen „vertikalen Implementierung“ der Technologie. „Was aber bei vielen Unternehmen noch fehlt, ist die horizontale Integration“, sagt Gaukstern. Er meint damit, dass die Technologie für alle Serviceprozesse über Unternehmensteile und sogar über die Unternehmensgrenzen hinweg genutzt wird. „Aber auch dort tut sich einiges“, sagt er. Er schätzt, dass eine Vernetzung auch in diesen Bereichen in den kommenden Jahren Normalität wird.

Ebenfalls ein großes Transformationspotential versprechen die verschiedenen IIoT-Plattformen, die es seit etwa zwei Jahren gibt. So hat Siemens Mindsphere gestartet, während sich unter dem Dach der Plattform Adamos mehrere Maschinenbauer wie Dürr, DMG Mori und Zeiss zusammengetan haben. Diese und zahlreiche weitere Plattformen versprechen, durch die Vernetzung zwischen Hersteller und Anwender unter anderem die Verfügbarkeit der Maschinen zu verbessern.

VICE PRESIDENT DIGITAL TRANSFORMATION, AVENTICS

Dr. Frank Theilen

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BIG DATA UND SMART DATA

Daten gelten als „das neue Öl“. Schließlich basieren die Geschäftsmodelle der großen Digitalunternehmen wie Google, Facebook und Amazon zu einem großen Teil darauf, ihre Kunden und deren Bedürfnisse teilweise besser zu kennen als diese sich selbst – dank der Sammlung von Nutzungs- und anderen Daten. Auch in Deutschland setzen laut BMWi immerhin 39 Prozent der Großunternehmen Big-Data-Anwendungen ein. Nimmt man allerdings die kleineren Unternehmen mit dazu, sinkt der Anteil auf 15 Prozent. Viele haben sich demnach zwar mit dem Thema beschäftigt, es aber als nicht relevant oder sinnvoll nutzbar für den eigenen Geschäftsbereich angesehen.

Für produzierende Unternehmen bietet sich dabei – im Gegensatz etwa zu Händlern oder Dienstleistungsunternehmen – die Nutzung und Verarbeitung von Maschinen- statt Kundendaten an. Nicht zuletzt, weil dank zahlreicher Sensoren und vernetzter Maschinen eine große Zahl solcher Daten zur Verfügung steht. „Wir können bereits heute zahlreiche Daten aus der Produktnutzung gewinnen“, sagt zum Beispiel Frank Theilen von Aventics. „In einem nächsten Schritt gilt es, Muster zu erkennen, damit Themen wie Predictive Maintenance umgesetzt werden können.“

Ähnliches hört man auch von anderen Unternehmen, wobei immer wieder betont wird, dass die schiere Zahl der Daten nichts über die Qualität der Ergebnisse aussagt. „Smart Data“ ist wichtiger als „Big Data“. Gute Daten sind – ähnlich wie das Internet der Dinge – eine Voraussetzung für zahlreiche andere Technologien wie Künstliche Intelligenz.

DIGITALE FÜHRUNG

Digitale Führung heißt, sich von einer starren und reaktionsarmen Hierarchie zu einem Netzwerk zu verändern“, sagt Bernhard Kirchmair, CDO von Vinci Energies Deutschland. Während in vielen Unternehmen noch immer der Chef sagt, was gemacht wird, und die Mitarbeiter diese Aufträge dann ausführen, gehen einige Unternehmen bereits neue Wege. „Künftig werden Führungskräfte nicht Arbeitsaufträge, sondern Verantwortung verteilen“, glaubt Kirchmair. „Und sie kommen viel weiter, wenn sie motivieren, anstatt zu kontrollieren.“

In zahlreichen Unternehmen scheint diese neue Art zu führen allerdings noch nicht angekommen zu sein. Zumindest legt das eine Studie der Deutschen Gesellschaft für Personalführung von vor zwei Jahren nahe. Dabei sagte nicht einmal ein Viertel der Befragten, dass das Konzept in ihrem Unternehmen etabliert sei. Gleichzeitig war knapp die Hälfte der Befragten schon damals davon überzeugt, dass Kunden und Bewerber vom Unternehmen fordern würden, sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Mit dem sich verschlimmernden Fachkräftemangel dürfte die Bedeutung von digitaler Führung noch einmal zunehmen.

Eine Veränderung von Strukturen und Hierarchien ist nicht immer leicht. Es erfordere „bei vielen Führungskräften ein Umdenken, aber auch die Notwendigkeit, mit gutem Beispiel voranzugehen“, sagt auch Vinci-Energies-CDO Kirchmair. Sein Unternehmen habe daher eine eigene Changemanagement- Offensive gestartet, um Führungskräfte zu unterstützen. Dazu gehörten zum Beispiel kulturprägende Workshops, „Expeditionen“ ins Startup- Umfeld, Rollenspiel-basierte Trainings zu digitaler Führung und Reverse-Mentoring-Konzepte, bei denen junge Mitarbeiter ältere Führungskräfte digitalfit machen. Auch Frank Theilen vom Maschinenbauer Aventics hält das Thema digitale Führung für sehr wichtig. „Die Unterstützung der Führungskräfte ist eine wesentliche Voraussetzung, damit die Digitale Transformation gelingt“, sagt er. „Unser Digital-Transformation- Office stellt diese Unterstützung sicher, indem es den Nutzen von ausgewählten digitalen Themen adressiert und den Wandel am praktischen Beispiel erlebbar macht.“

AGILITÄT

Was 17 Softwareentwickler 2001 in ihrem „Manifesto for Agile Software Development“ definierten, ist seitdem zu einem der beliebtesten Buzzwords der (nicht nur Digitalen) Transformation in Unternehmen geworden. Dass die Digitalisierung – und eigentlich jede Art modernen Arbeitens – ohne Agilität nicht funktionieren kann, hört man seitdem von allen Seiten – von Beratern genauso wie von Vertretern großer wie kleiner Unternehmen. Man kann also davon ausgehen, dass die Grundsätze der Agilität, etwa die rasche und effektive Reaktion auf Veränderungen, in vielen Unternehmen angekommen sind. Zum Beispiel bei Aventics: „Bei uns wird in verschiedenen Abteilungen agil gearbeitet“, sagt Frank Theilen. So wurden in diesem Jahr etwa 50 Mitarbeiter in Scrum-Techniken geschult, während das Digital-Transformation- Office des Unternehmens bei der Identifikation sinnvoller Nutzungsbereiche half.

In einem früheren CEDO-Interview hatte Theilen schon einmal darüber gesprochen, dass sich auch für Ingenieure die Anforderungen verändert hätten. „Kenntnisse und Fähigkeiten im Bereich Projektmanagement werden immer wichtiger“, sagte er damals. Heutige Universitätsabsolventen seien ein solches Arbeiten aber durchaus gewohnt und würden gar nicht anders arbeiten wollen. Zudem müsse ja auch nicht jeder agil arbeiten. „Auch klassische Ingenieure werden weiterhin gebraucht“, sagte Theilen in dem Interview. „Nicht alle Bereiche sind vom digitalen Wandel gleichermaßen betroffen. Da ändert sich dann vielleicht mal das ein oder andere Tool, mit dem gearbeitet wird. Die eigentliche Arbeit wird sich aber nicht radikal verändern.“