Branchenfremde Konkurrenten

Kapitalintensität als Vorteil – noch ...
Im Kampf gegen branchenfremde Konkurrenz haben Industrieunternehmen gegenüber Dienstleistern und Händlern einen klaren Vorteil: physische Assets. Die Augen müssen sie dennoch offenhalten.
TEXT: Matthias Schmidt-Stein

Im Handel und bei vielen Dienstleistungen scheint der Kampf schon entschieden: Der größte Konkurrent für Hotels ist heute Airbnb, Taxiunternehmen müssen sich mit Uber und Lyft auseinandersetzen, Filmstudios mit Netflix und Amazon. Ihre Branchen wurden disruptiert durch Unternehmen, die eigentlich branchenfremd sind.

Auch in Industrie und Produktion ist das Phänomen nicht unbekannt. Carl Benz stellte als Maschinenbauingenieur die Branchen der Hufschmiede und Kutschenbauer auf den Kopf, als er seinen Motorwagen Nummer 1 baute. Apple hatte einst weder mit Musik noch mit Telefonen zu tun – bis zur Einführung des iPods und des iPhones. Die Posttochter Streetscooter entwickelte ihren Elektrotransporter, ohne dass ein Autohersteller involviert war. Und der Gründer von Tesla, Elon Musk, wurde mit dem Bezahldienst Pay Pal reich, bevor er sein Geld ab 2003 in die Entwicklung von Autos steckte.

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Allerdings: Die meisten Autos, die verkauft werden, kommen weder von Streetscooter noch von Tesla, und das wird noch einige Zeit so bleiben. Denn es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen Dienstleistungen und (stationärem) Handel auf der einen und produzierender Industrie auf der anderen Seite: die Kapitalintensität. Wer eine Onlineplattform programmieren will, benötigt (neben der richtigen Idee) nicht viel mehr als ein paar Programmierer und Serverplatz – und selbst das kann er oder sie sich inzwischen temporär anmieten. Wer aber eine Produktion aufziehen will, muss Maschinen anschaffen, diese irgendwo aufstellen und Material kaufen. Das braucht Platz und kostet jede Menge Geld vorab.

Die Gefahr für die Industrie lauert daher – trotz Tesla und Streetscoter – in den meisten Fällen nicht auf der Produktionsseite. Die Wahrscheinlichkeit, dass neue, branchenfremde Anbieter mit IT-Background massiv in die Spezialproduktion für feuerverzinkte Hochleistungsschrauben einsteigen, ist trotz der Allmachtsfantasien im Silicon Valley gering. Doch das darf niemanden in falscher Sicherheit wiegen. Denn die Gefahr droht auf der Absatz- und Vertriebsseite: bei den berühmt-berüchtigten Plattformen. Erstens weil sie selbst – gerade – in kapitalintensiven Industrien zum Beispiel durch Sharing-Modelle die Maschinennutzung auf verschiedene Nutzer aufteilen und dadurch den Bedarf an neuen Autos und Maschinen drastisch senken können. Nicht umsonst versuchen die Automobilhersteller, selbst im Carsharing-Markt mitzumischen. Bis zum Industriemaschinen- Sharing ist es nur noch ein kleiner Schritt. Das trifft Maschinenbauer, aber nicht Schraubenhersteller. Doch auch Letztere müssen wachsam sein. Denn Plattformen schalten sich – zweitens – zwischen Hersteller und Kunde, im B2C- und zunehmend auch im B2B-Bereich. Damit droht selbst der spezialisierteste B2B-Spezialanbieter sein wichtigstes Asset zu verlieren – den Zugang zu seinen Kunden.

Auch die produzierende Industrie tut also gut daran, wachsam zu bleiben und vor allem mögliche Plattformen im Blick – oder im eigenen Venture-Portfolio – zu haben.